Kaiserslautern „Gedichte wird es immer geben“

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Bis Sonntag läuft im Edenkobener Künstlerhaus wieder die international gerühmte Übersetzer-Werkstatt „Poesie der Nachbarn“. Gastland ist die Slowakei. Ein Gespräch mit dem künstlerischen Leiter des Künstlerhauses, Hans Thill, über Lyrik als Selbstzweck, warum viele von uns Gedichte schreiben, aber wenige auch welche lesen. Über die Frage, ob Schüler Verse auswendig lernen sollten. Und was das Besondere an der slowakischen Literatur ist.

Manchmal hat man schon das Gefühl, Lyrik ist vor allem etwas für Festivals, Literaturhäuser. Oder eben für eine Übersetzerwerkstatt wie Poesie der Nachbarn. Gekauft werden Gedichtbände kaum.

Nun, Lyrik muss ja nicht nützlich sein. Sie kann es aber. In unserem Fall, Poesie der Nachbarn, ist das Arbeiten am Gedicht zuerst einmal Selbstzweck. Dann kommen aber gleich sehr viele Vorteile, die diese Arbeit mit sich bringt: Kommunikation unter den Dichtern, Völkerverständigung, Werbung für eine der schönsten Landschaften Europas und so weiter. Wir zeigen die Pfalz den Gästen aus der Slowakei, wir zeigen aber auch die slowakischen Dichter den Pfälzern, und schließlich zeigen wir der deutschsprachigen Öffentlichkeit, dass es in der Pfalz einen Ort gibt, wo Dichter Dichter übersetzen: eine besondere Form der Zuwendung, wie ich finde. Aber woran liegt das, dass offenbar viele Leute Gedichte schreiben, aber offenbar nur wenige Gedichte auch lesen. Das wissen die Götter! Es gibt ja viele Formen von Poesie, die ganz direkt aus dem Alltag hervorgeht: Parolen im Fußballstadion, Spottreime auf Autokennzeichen, Sprüche. Wieso diese direkte Freude am Poetischen nur selten auf das geschriebene Gedicht „umspringt“, ist schwer zu sagen. Ich finde, man sollte durchaus etwa jungen Leuten die Wege zum Gedicht zeigen, aber man sollte sich andererseits auch nicht verrückt machen lassen. Gedichte wird es immer geben, aber ein Wirtschaftsfaktor werden sie wohl nie sein. Sie haben die besondere Form der Zuwendung angesprochen. Worin besteht die? Das größte Kompliment, was man einem Dichter machen kann, ist doch: seine Gedichte zu übersetzen. Die Beschäftigung mit einem Gedicht schließt ja auch die Beschäftigung mit der Person ein. Hinzu kommt, dass es für Dichter „kleiner Sprachen“ auch wichtig ist, in einem Sprachraum wie dem deutschen präsent zu sein. Wenn es um Völkerverständigung geht – und das Kennenlernen eines Landes –, was kann ein Gedicht, was eine Reisereportage nicht kann? Die Reisereportage wäre ja eine einseitige Sache: Jemand besucht das Land und schreibt eine Reportage darüber. Wenn wir die Gedichte der slowakischen Gäste übersetzen, begeben wir uns in einen Prozess gegenseitigen Kennenlernens. Das ist der ganze Unterschied. Stichwort „kleine Sprachen“. Die slowakische Literatur ist nicht so bekannt. Können Sie uns ein wenig aushelfen. Die Poesie der Slowakei lässt sich nicht auf einen Begriff bringen. Wir haben die unterschiedlichsten Stimmen der Szene eingeladen: Mila Haugova, die große Dichterin der Slowakei, war hier der Scout. Gewiss ist die Poesie dieser Nachbarn keine „kleine Poesie“ obwohl sie in einer „kleinen Sprache“ geschrieben wird. Ganz allgemein gesprochen: die Gedichte, mit denen wir es hier zu tun haben, bewegen sich in der Tradition der Moderne, sind witzig, lakonisch, dramatisch. Die Natur ist wieder ein Thema. Von Dana Podracka gibt es ein „Lob des Wildtiers im Winter“. Martin Solotruk spricht von „stillen Kriegen“. Und von Mila Haugova gibt es wieder neue erotisch-philosophische Gedichte. Die Zusammenarbeit mit der Uni Mainz in Germersheim ist in den vergangenen Jahren intensiviert worden. Richtig? Die Zusammenarbeit mit der Uni Mainz in Germersheim ist für beide Seiten sehr vorteilhaft. Wir können auf die sprachliche Kompetenz der Lehrenden wie der Studierenden zurückgreifen und bieten dafür konkrete Erfahrungen mit dem Übersetzen an. Schon im Vorfeld, wenn ich die Gäste einer Nation aussuche oder bei der Wahl der philologischen Begleitung steht mir der Germersheimer Professor Andreas Keletat mit Rat und Tat zur Seite. Wir haben studentische Helferinnen von der Mainzer Germanistik und aus Germersheim bei der Übersetzungswoche mit dabei und wir präsentieren die frischen Übersetzungen nicht nur am Sonntag im Künstlerhaus, sondern am Montag auch im Theaterkeller der Uni Germersheim. Da können die internationalen Studierenden Lyrik im Original und in der Übersetzung erfahren. Wenn wir schon mal bei der Ausbildung sind. In der Sarazzin-Debatte wurde der Kulturverfall beklagt, dass die Schüler nicht mal mehr „Wandrers Nachtlied“ (er meinte „Ein Gleiches“) von Goethe auswendig können. Sollen in der Schule Gedichte auswendig gelernt werden. Können Sie Gedichte auswendig? Wenn ja, ein kurzes. Die Schüler kennen doch jede Menge Songs auswendig! Ich weiß nicht, wie viele Gedichte Sarrazin auswendig kann. Und wenn ja: Was hat es ihm geholfen? Ich kann eins sagen, das mit dem heutigen Wetter zutun hat: „Es schneit, dann geht der Regen nieder, / Dann schneit es, regnet es und schneit, / dann regnet es die ganze Zeit, / Es regnet und dann schneit es wieder.“ Ist von Ror Wolf. Heißt „Wetterverhältnisse“. Zum Schluss. Einige Zeilen Werbung für die Abschlusslesung am Sonntag. Hemmungslos. Jetzt. Der Sonntag ist neben dem Gitarrenfestival die bestbesuchte Veranstaltung im Jahr. Man hört Gedichte im Original, in der Übersetzung, in unterschiedlichen Versionen. Man kann Motive verfolgen, selber ein bisschen mitübersetzen. Man sieht sehr unterschiedliche Persönlichkeiten die zur Lyrikprominenz Europas gehören: auf Seiten der Gäste und der Übersetzer. Dazu gibt es Musik von Ulli Jüneman (Saxophon). Und danach können wir hoffentlich im Garten beisammen sitzen!

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