Kaiserslautern Geballte Energie und intelligente Dialoge
So stellt man sich einen perfekten Kammermusikabend vor: überragende Interpreten, traumwandlerisches Zusammenspiel, ein spannendes Programm. Der Auftritt von Stargeigerin Isabelle Faust im BASF Feierabendhaus in Ludwigshafen mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras und dem Pianisten Alexander Melnikow hatte Sternstundencharakter.
Entdecke die Möglichkeiten. Was das seit vielen Jahren menschlich und musikalisch eng miteinander verbundene Klaviertrio servierte, war mehr als ein harmonisch schönes Ereignis. Nein, regelrecht wachgerüttelt wurden die atemlos staunenden Klassikfreunde. Man traute seinen Ohren kaum: Mit einer bis an die Hörgrenzen gehenden Intensität rücken sie Schumann zu Leibe, zeichnen mit dem düsteren Klaviertrio Nr. 3 in g-Moll das Psychogramm eines auf dem Gipfel seiner Kunst befindlichen, gleichzeitig seiner keimenden Geisteskrankheit hilflos ausgelieferten Musikgenies. Unvergleichbar facettenreich und aufregend vielschichtig ist das Vokabular des Klaviertrios – eine Sprache, die überirdische, von materiellen Voraussetzungen völlig losgelöste Klangbilder ermöglicht. Entrückt, sphärenhaft, geradezu gespenstisch geistert Schumanns Schatten über die Bühne – was wir hören, ist weniger die perfekte Interpretation eines Werkes, sondern viel mehr die klangliche Umsetzung einer von Ehrfurcht und Respekt geprägten Liebe zwischen Interpret und Werk. Da haben sich drei Weltklassekünstler gefunden, die in keiner Sekunde den Eindruck virtuoser Selbstdarstellung wecken, sondern einfach nur tief abtauchen wollen, dabei ihr Publikum und gar sich selbst vergessen. Und in musikalische Welten vorstoßen, die vielleicht nur wenige Ensembles jemals gesehen, geschweige denn betreten haben. Geballte Energie, bezwingende Intensität und eine überraschend unkonventionelle Technik beobachten wir bei Isabelle Faust. Der Ruf als „Deutschlands klügste Geigerin“ eilt ihr voraus. Atemberaubend intelligente Dialoge führt sie mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras. In unvergesslicher Erinnerung an diesem Abend bleibt der zweite Satz aus Schuberts Klaviertrio Nr. 1. B-Dur, wenn die beiden zum zärtlich-glutvollen Liebesgesang anheben und Pianist Alexander Melnikow dazu seinen sanft wogenden Klangteppich ausbreitet. Zwischen virtuosem Elan und selbstvergessener Ruhe, Sorgfalt im Detail und Souveränität in der großen Linie bewegen sich die rauen Ecksätze – niemals langweilig klingen die viel gerühmten himmlischen Schubert’schen Längen. Ein avantgardistisches Schmankerl zwischen Schumann und Schubert: Aus dem Jahre 1987 stammt das Klaviertrio Nr. 2 des Italieners Salvatore Sciarrino. Zeit für Pianist Alexander Melnikow, Finger und Geist zu entspannen, um vor allem den in höchsten Lagen munter zwitschernden Streichern zu lauschen. Als zwar nicht ganz so romantisch, dafür aber mindestens genauso prickelnd, erweisen sich die Dialoge zwischen Isabelle Faust und Alexander Melnikow unter einseitiger Beanspruchung der höchsten Saiten sowie des 13-minütigen konsequenten Einsatzes von Flageolett- und Glissandotechniken. Gegen Ende darf der Pianist schließlich doch noch ein wenig am Klanggeschehen teilnehmen und einige Male mit dem Handrücken über die Tasten wischen. Nochmals Schumann als Zugabe: Kammermusik zum Abheben mit dem 3. Satz aus dem Klaviertrio Nr. 2 F-Dur.