Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Fußballerin Anica Neumann: „Die Jungs waren dann doch beeindruckt“

Anica Neumann spielt seit 2016 beim SC Siegelbach.
Anica Neumann spielt seit 2016 beim SC Siegelbach.

Das Fritz-Walter-Stadion wird richtig voll, wenn die DFB-Frauen am Freitag dort auflaufen. Auch Spielerinnen aus der Region fiebern mit – so wie Anica Neumann.

Frau Neumann, die Nationalmannschaft der Frauen spielt nach 30 Jahren am Freitag wieder im Fritz-Walter-Stadion. Damals wurde Deutschland im Finale gegen Schweden vor 8500 Zuschauern Europameister. Wissen Sie, wer die Tore für die DFB-Frauen erzielte?
Nein. Das war vor meiner Zeit. Ich bin Jahrgang 1996.

Unter anderem Birgit Prinz, die mit 214 Länderspielen Rekordnationalspielerin ist. Ein echtes Vorbild. An welche „Heldinnen“ erinnern Sie sich aus der Kindheit?
Dzsenifer Marozsán als ehemalige Fußballerin des Jahres, die uns während der Zeit in der Saarland-Auswahl bei der einen oder anderen Trainingseinheit begleitet und unterstützt hat. Sie hat uns zum Beispiel ein paar Tricks gezeigt. Ich mochte Marozsán, weil sie auf der gleichen Position gespielt hat wie ich damals – auf der Zehn. Und sie kommt auch aus dem Saarland.

Wann haben Sie mit Fußball begonnen und wie kam es dazu?
Ich wollte als Kind das tun, was mein Bruder macht – nämlich Fußballspielen. So begann es, dass wir immer im Garten gekickt haben. Mit drei Jahren habe ich dann bei den Jungs des SV Bruchhof-Sanddorf (ein Verein aus Homburg, Anmerkung der Redaktion) angefangen. Dort waren sowohl mein Papa als auch mein Bruder aktive Spieler.

Wie war das in Ihren Anfangsjahren? Mussten Sie sich viele dumme Sprüche anhören, nach dem Motto, „Frauenfußball ist nicht attraktiv, weil er weniger athletisch ist“?


Ich kann mich erinnern, dass Jungs aus anderen Teams vor dem Spiel getuschelt haben und mal sowas gesagt haben wie, „Guckt mal, da spielt ein Mädchen …“, mehr aber auch nicht. Nach dem Spiel waren sie meistens ruhig, weil sie doch von der Leistung beeindruckt waren und nicht damit gerechnet hatten, dass Mädchen auch Fußball spielen können. Beleidigungen gab es zum Glück keine.

Was bedeutet Ihnen persönlich das Spiel am Freitag – quasi vor der Haustür?
Die Nationalmannschaft sieht man nicht alle Tage, vor allem nicht auf dem Betzenberg, was ja schon 30 Jahre her ist. Dementsprechend ist es etwas Besonderes für uns alle, dass das Spiel vor unserer Haustür stattfindet. Ich habe die DFB-Elf erst einmal im Stadion gesehen, 2011 in Hoffenheim. Insgesamt habe ich einige Stadionbesuche hinter mir, aber eine Lieblingsmannschaft habe ich nicht. Ich stehe doch lieber selbst auf dem Platz.

Weit über 30.000 Karten sind für das Nations League Finalhinspiel verkauft. Das Stadion wird richtig voll sein: Überrascht Sie das dann doch – man bekommt bisher in der Stadt nicht so viel davon mit?
Nein, nicht wirklich. Die mediale Präsenz hat im Allgemeinen zugenommen, der Frauenfußball ist attraktiver geworden und zeigt mehr Qualität, was den Besuch rechtfertigt. Ich selbst habe auch schon von vielen Frauenteams mitbekommen, dass sie sich das Spiel im Stadion anschauen.

Haben Sie sich auch ein Ticket gesichert? Die Werbung für das Spiel vor Ort war jedenfalls recht gering ...
Ja, ich habe ein Ticket. Der Verein hat alles organisiert und dafür geworben. Die Frauen- und Mädchenabteilung des SC Siegelbach wird im Stadion sein und die Mannschaft anfeuern. Aber wir haben keine spezielle Aktion geplant oder besondere Banner gebastelt.

Sichtbarkeit ist ein Schlüssel, an vielen Stellen wird der Frauenfußball aber noch immer stiefmütterlich behandelt: Dabei haben sich die Einschaltquoten – vor allem bei Länderspielen – stark entwickelt, Bundesligafußball findet aber oft weiter in einem sehr familiären Rahmen statt, auch in lokalen Vereinen ist kein richtiger Boom trotz des gestiegenen Interesses an der Nationalmannschaft zu sehen. Warum gelingt es bislang nicht, dass der Frauenfußball insgesamt profitiert?
Es gibt in meinen Augen mehrere Gründe, warum der Frauenfußball trotz höherer Sichtbarkeit insgesamt weniger profitiert. Auch wenn Länderspiele höhere Einschaltquoten aufweisen, sieht es im Liga-Betrieb eher mau aus: fehlende TV-Präsenz, schlechtere Sendezeiten, weniger Vermarktung sind da zu nennen. Man sieht höchstens mal ein paar kurze Ausschnitte von spannenden Partien, zum Beispiel in der Sportschau. Aber ansonsten war es das schon. Durch die geringere Reichweite wird weniger investiert, wodurch es schwer fällt, Sponsoren zu finden. So fehlen vor allem im Amateurfußball Gelder, um optimale Bedingungen zu schaffen. Die wären zum Beispiel in der Infrastruktur, bei Trainingsgeländen oder bei der Bezahlung wichtig. In den großen Vereinen ist die Professionalisierung zwar auf dem Vormarsch, aber viele Spielerinnen haben immer noch eine Doppelbelastung und müssen neben dem Sport arbeiten oder studieren.

Sie sind Kapitänin Ihres Teams. Siegelbach ist in der Region eine Institution im Frauenfußball. Auf welche Rahmenbedingungen treffen Sie dort?
In unserem Verein genießen wir einen recht hohen Stellenwert. Ich würde behaupten, dass wir anerkannt sind. Der Verein muss natürlich im Rahmen seiner Möglichkeiten handeln – hat auch nur begrenzte finanzielle Mittel – und man darf nicht vergessen, dass es sich um einen Dorfverein handelt, der viel vom Ehrenamt lebt, aber dennoch versucht, uns vieles zu ermöglichen und das umzusetzen, was wir brauchen.

Was müsste sich für Amateur- und Semi-Profi-Teams verbessern?
Das bezieht sich weniger auf unseren Verein, sondern ganz allgemein: Wir Frauen brauchen gleichwertige Rahmenbedingungen, mehr Sichtbarkeit, mehr Wertschätzung. Außerdem würde ich mir einen Mindeststandard an medizinischer Versorgung und mehr Aufklärungsarbeit im Hinblick auf Präventionsprogramme wünschen, vor allem auch was das Thema Kreuzbandriss oder andere Verletzungen angeht. Auch im Amateurbereich sollte es für die Frauen eine Aufwandsentschädigung und/oder eine Erstattung der Fahrtkosten geben. Zudem bräuchte es mehr qualifizierte Schiedsrichter.

Was wünschen Sie sich von den Fans in Kaiserslautern – welches Signal soll von der Partie für den Frauenfußball ausgehen?
Ich erhoffe mir ein attraktives und spannendes Spiel, sodass weiter Werbung für den Frauenfußball gemacht wird, vor allem auch Werbung für den Frauenfußball hier im Umkreis. Von den Fans erwarte ich dahingehend viel Unterstützung und eine gute Stimmung auf dem Betzenberg. Aufgrund des Heimvorteils tippe ich auf einen 2:1-Sieg für Deutschland .

Zur Person: Anica Neumann

Anica Neumann (29) begann in ihrer Kindheit beim SV Bruchhof-Sanddorf mit Fußball, wechselte mit 14 Jahren zum FSV Jägersburg. Nach Station beim 1. FC Saarbrücken spielt sie seit 2016 beim SC Siegelbach. Dort führt Neumann seit dieser Saison ihr Team als Kapitänin in der Regionalliga Südwest aufs Feld. Sie fühlt sich im zentralen Mittelfeld am wohlsten. Neumann ist Sporttherapeutin in einer Fachklinik für psychosomatische und Suchterkrankungen.

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