Kaiserslautern Fest für die Freiheit
Es wurde der grandiose Abschluss eines großartigen Festivals. Im ausverkauften BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen begeisterten Archie Shepp und sein Attica Blues Orchester das Publikum. Dabei hatte man sogar über eine Absage dieses Konzerts nachgedacht.
Sie kamen alle aus Paris. Dort hatten am Vorabend die schrecklichen Terroranschläge stattgefunden, aber die Musiker wollten auftreten, wollten sich nicht einschüchtern lassen von Fanatikern, die unsere weltoffene Kultur hassen und denen unsere Vorstellung von Freiheit nichts bedeutet. So sahen es auch Festivalleiter Rainer Kern und die Kulturverantwortliche der BASF, Karin Heyl. Als „ein Zeichen für ein Leben in Freiheit“ wollten sie den Abend verstanden wissen, am Ende wurde diese Freiheit mit einem ausgelassenen musikalischen Fest gefeiert. Die Musik passte perfekt zu der zwischen hilfloser Trauer und trotziger Hoffnung schwankenden Stimmung dieses Abends. Archie Shepp, damals schon einer der wichtigsten Vertreter der politisch aktiven Jazzavantgarde in den USA, hatte 1972 den Gefängnisaufstand von Attica zum Anlass für ein neues Album genommen. 1000 Gefangene hatten ein Jahr zuvor gegen die unmenschlichen Haftbedingungen und den alltäglichen Rassismus rebelliert, hatten fünf Tage lang Teile der Haftanstalt besetzt gehalten und Wärter als Geiseln genommen. Die Hälfte der Gefangenen in Attica war schwarz, obwohl damals nur 15 Prozent der US-Bürger Farbige waren. Der Gouverneur ließ den Aufstand gewaltsam beenden, 42 Menschen starben, darunter zehn Geiseln, wie sich später herausstellte alle durch Polizeikugeln getötet. 40 Jahre nach diesem Ereignis und unter dem Eindruck aktueller rassistisch motivierter Übergriffe durch weiße Polizisten, hatte Shepp noch einmal ein Attica Blues Orchester zusammengestellt und Stücke des Originalalbums zusammen mit neuen Kompositionen eingespielt. Auch live war das Projekt zu erleben, in Ludwigshafen nun in einer besonderen Besetzung. Neben zwei Jazzveteranen – der Pianistin und Sängerin Amina Claudine Myers und dem Schlagzeuger Don Moye – war dies eine bunte Truppe jüngerer französischer Musiker. Die Besetzung umfasst eine komplette Big Band mit 13 Bläsern, Rhythmusgruppe, Sängerinnen und ein Streichquartett. Und mitten drin der 78-jährige Archie Shepp mit seinem unverkennbaren Saxophonton, einem bluesgetränkten Klagelaut, der jederzeit zum feuerspeienden Protestschrei werden kann. Die Stücke von Duke Ellington, Cal Massey, Amina Claudine Myers und Shepp selbst sind in lockere Arrangements gekleidet, die ständig aufgebrochen werden durch solistische Beiträge der durchweg exzellenten Musiker. Shepp auf seinem Sitzmöbel vorn in der Mitte wirkt keineswegs wie ein Bandleader, die Einsätze gibt einer der anderen, der gerade zwei Hände frei hat. Shepp befeuert das Geschehen mit seinen Soli oder seinem raukehligen Bluesgesang, er erinnert an einen weisen Geschichtenerzähler, der seine Erfahrungen weitergibt an alle, die ihm zuhören mögen. Als Partner für dieses Konzert hatte er sich den Rapper Mos Def gewünscht, der sich inzwischen Yasiin Bey nennt. Der ist halb so alt wie Shepp, ihm in seinem politischen Engagement aber ähnlich. Sein insistierender Sprechgesang wurde zu einer weiteren Stimme in diesem vielstimmig brodelnden Klangkörper, der bei Shepps Blueshymne „Mama too tight“ zu bersten schien vor Energie und alle von den Sitzen riss.