Kaiserslautern „Fer disch bin ich de Karl“

Gut gelaunt: Das Foto entstand am 50. Geburtstag Karl Mildenberges am 23. November 1987. Der Boxer feierte zusammen mit den FCK-
Gut gelaunt: Das Foto entstand am 50. Geburtstag Karl Mildenberges am 23. November 1987. Der Boxer feierte zusammen mit den FCK-Helden Werner Liebrich (links) und Fritz Walter (rechts).

Ein großer Boxer, aber auch ein Kaiserslauterer mit einem ganz großen Herzen: So würdigten RHEINPFALZ-Leser gestern im Rückblick die Boxgröße Karl Mildenberger. Der Hohenecker war am Freitag im Alter von 80 Jahren gestorben. Die RHEINPFALZ hatte in ihrer Montagsausgabe die Leser dazu aufgerufen, ihre Erinnerungen an „Karl der Große“ aufzuschreiben.

Die Initiatoren „Pro Industrie-Denkmal“ planten für den 20. Juni 2010 einen „Protestbrunch“ zur Erhaltung der Kammgarn-Fassade. Kaiserslauterer Künstler haben sich spontan bereit erklärt, durch ihren kostenlosen Auftritt unser Anliegen zu unterstützen. Während der Planung traf ich den Ausnahmesportler Karl Mildenberger. Er war sofort bereit, unser Projekt mit einer Autogrammstunde zu unterstützen. Wir staunten, wie viele begeisterte Anhänger ihren Weg auf das Gelände der Kammgarn fanden, um sich ein Foto mit Unterschrift zu holen. Ich werde mich immer an einen begnadeten, fairen, weltweit bekannten Sportler und höflichen Herrn erinnern. Als Jugendlicher war ich ein großer Freund des Boxsports. Unvergessen die Boxabende in der Landwirtschaftshalle, unter anderem mit Emil Schulz, Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen in Tokio. Als Lehrling hatte ich nicht die finanzielle Möglichkeit, den Boxkampf Karl Mildenbergers gegen Cassius Clay live in Frankfurt mitzuerleben. Dank des Kaufhauses Wertheim konnte man später sich den Kampf als Film anschauen. Für 5 DM konnte man im Dachrestaurant sich den Kampf anschauen, ein Würstchen mit Kartoffelsalat war im Preis enthalten. Obwohl der Ausgang des Kampfes bekannt war, glaubten wir bis zur 11. Runde noch, dass unser Milde den Kampf noch gewinnen würde. Trotz der Niederlage waren wir selbstverständlich beim Empfang durch die Stadt unter den jubelnden Fans. Eine große Legende ging von uns. Seinen damaligen Gegner Cassius Clay durfte ich als Muhammad Ali bei seinem Weltmeisterschaftskampf 1976 in München bewundern. Als Lausbuben waren wir in der Wesch und der Karl war dort Bademeister. Ohne uns Gedanken zu machen, ließen wir das Papier unserer Milky-Way-Schokoriegel auf dem Rasen liegen. „Hey Bongerte, henn ihr net was vergess“, schallte es von dem großen starken Mann. Natürlich rannten wir sofort zurück und sammelten unser Papier ein. Ein ernster Blick von ihm genügte. Dann kam aber wieder dieses verschmitzte Lächeln und ein höfliches „Klasse“ mit erhobenen Daumen. Wie konnte da noch einer böse sein? Man muss etwas eben so verlassen wie man es vorgefunden hat. Mein persönliches Erlebnis mit Karl Mildenberger stammt aus dem Jahre 1981. Als 15-jähriger Teenager war ich mit meinen Kumpels Stammgast auf der Wesch, um die Lage mit den gut aussehenden Mädels zu checken. An einem Nachmittag sah ich, wie ein kleiner Junge beim Spielen stürzte und sich dabei verletzte. Da ich mich schon immer für Erste Hilfe interessierte und auch mehrere Lehrgänge besucht hatte, konnte ich sofort helfen. Der Junge erlitt eine Unterarm-Fraktur sowie eine Platzwunde am Schienbein. Ich schickte einen meiner Kumpel los, um den Bademeister samt Verbandskasten zu holen. Wenige Minuten später kam Herr Mildenberger im Sprint bei uns an. Ich erklärte ihm, was vorgefallen war, und dass ich die Versorgung des Verletzten vornehmen werde. „Kennscht du disch aus“, fragte er leise. Ich sagte: „Eijo, ich bin Chefarzt im Krankenhaus.“ Dann ging es an die Arbeit. Die Blutung am Schienbein wurde mit einem perfekten Wundverband gestoppt. Die Fraktur des Unterarms wurde geschient und ruhiggestellt. Danach wurde der Patient an die Besatzung der Rettungswagen vom ASB übergeben. Für die gute Arbeit klopften mir alle Anwesenden auf die Schulter. Ich war stolz wie Bolle. Herr Mildenberger bestellte mich in sein Bademeister-Kabuff ein, um einen Unfallbericht anzufertigen. Zum Abschied gab er mir die Hand und sagte: „Her mir mol zu du Chefarzt. Des hasche wärklich gut gemach. Deu Eltern kännen stolz uff disch seu.“ Ich war ganz perplex und stammelte nur: „Danke, vielen Dank Herr Mildenberger.“ Er antwortete: „Bitte, gern geschee. Aber ab heit nimmi Herr Mildenberger, fer disch bin ich de Karl.“ Gerne denke ich an die Zeit Ende der 1950er Jahre zurück. Da ging es immer in die Landwirtschaftshalle, wo die Amateurkämpfe der FCK-Boxstaffel stattfanden. Mit dabei war auch der „Schulze Emil un es Schneider Gäsje“. Karl Mildenberger siegte immer mit k. o.. Sein Leberhaken, der die Gegner auf die Bretter schickte, kam meistens in der dritten Runde. Als Kinder hatten wir damals mit der Theodor-Heuss-Grundschule Schwimmunterricht im Schwimmbad. Der große Mann da am Rand des Beckens sah offenbar, dass wir etwas Angst hatten. Er kam spontan zu uns und erklärte, dass es nichts gibt, wovor wir uns fürchten müssen. „Einfach tief einatmen und ganz laaaaangsam ausatmen“, sagte er. Das taten wir – und mit dem großen Mann im Rücken waren die ersten Schwimmerlebnisse (Brustschwimmen) erfolgreich. Unsere Lehrerin Frau Klink sagte uns im Bus auf der Heimfahrt später, dass dies Herr Mildenberger war, ein ganz großer Boxer, der den Ali ärgerte. Da waren wir natürlich beeindruckt und stolz wie Bolle beim Abendessen mit Papa und Mama. Den Boxkampf gegen Ali sah ich als junger Mann in der Blumenhalle am Messeplatz. Ein klasse Spektakel, so sehen Sieger aus, auch wenn sie den Kampf verloren haben. Später sah ich ihn in der Waschmühle, wo er mir Tipps gab, als ich das Sportabzeichen für Senioren machte. Er war übrigens nicht nur ein exzellenter Boxer und Schwimmer, auch menschlich ein echter Pfälzer und Lauterer, der niemand hängen lässt! Dass Sportabzeichen habe ich sogar als Senior mehrmals erfolgreich gemacht.

Karl Mildenberger mit seiner Ehefrau bei der 100-Jahr-Feier des 1. FC Kaiserslautern im Juni 2000.
Karl Mildenberger mit seiner Ehefrau bei der 100-Jahr-Feier des 1. FC Kaiserslautern im Juni 2000.
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