Kaiserslautern „Es geht immer um Menschen“

„Für gute Arbeit und gutes Leben“ − so das Thema des ökumenischen Solidaritätsgottesdienstes zum Buß- und Bettag gestern Abend in der Stiftskirche − haben sich Kirche und Gewerkschaft stark gemacht. Die Predigt hielt der frühere Ministerpräsident Kurt Beck.
„Wir wollen Fehlentwicklungen wahrnehmen und zur Umkehr aufrufen“, erinnerte Pfarrer Sascha Müller von der Evangelischen Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft an eine Bibelstelle aus Jesaja „Lernt Gutes zu tun und sorgt für das Recht“. Nicht immer gehe es in Gesellschaft und Arbeitswelt gut zu. Oft werde das Recht mit Füßen getreten. Kirche, Gewerkschaften und Politik verbinde der Einsatz für gute Arbeit und gutes Leben. Gemeinsam hätten sich diese in der Vergangenheit für Mitarbeiter von Pfaff, Opel und Karstadt eingesetzt. „Weißt du, wie das ist, wenn man arbeiten will und nicht darf?“ schilderte Thomas Eschbach, Betriebsseelsorger des Bistums Speyer, die Situation von Arbeitslosen in einem Gebet. Agathe Hohmann, Ansprechpartnerin bei Verdi für die Jugend, berichtete von der Schwierigkeit Jugendlicher, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, die Ausbildung erfolgreich zu beenden und danach ins Berufsleben einzusteigen. „Jugend ist Zukunft“ werde in Reden und Hochglanzbroschüren propagiert. Doch sei der Alltag für Jugendliche in Betrieben oft ohne Perspektive. Viele Berufsanfänger würden ausgebeutet und seien enttäuscht, sagte Hohmann. Von Einzelschicksalen wusste auch Rechtsanwalt Ralph Stichler, Mitglied des Ausschusses Arbeitsrecht der Bundesrechtsanwaltskammer zu berichten. Er beschrieb Situationen, in denen kranke Arbeitnehmer in fortgeschrittenem Alter ihre Arbeitsstelle verlieren und berichtete von den Schwierigkeiten, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Gerechtigkeit stoße an Grenzen, wenn Arbeitgeber Personalkosten nur als Position in Excel-Tabellen sähen. Stichler stellte fest: „Dabei geht es immer um Menschen.“ Kurt Beck, der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident, entschuldigte sich auf der Kanzel dafür, dass er 1994 zugestimmt habe, den Buß- und Bettag zugunsten der Finanzierung der Pflegeversicherung zu opfern. „Heute weiß ich, das ist falsch gewesen“, schickte er seiner Predigt voraus. Er habe gelernt, dass der Mensch Gelegenheiten zur Erbauung und zum Nachdenken brauche. Dazu eigne sich ein Gottesdienst. Beck rief dazu auf, sich aktiv in die Welt von Arbeit, Gesellschaft und Politik einzubringen, damit Unrecht keine Chance habe. Von einer Reise nach Südamerika zurückgekehrt, sei ihm bewusst geworden, dass es ein Fehler gewesen sei, Völker als minderwertig zu betrachten, ihnen Rechte zu nehmen und sie auszubeuten. Auch hier forderte er eine Umkehr im Denken. Weiter verurteilte er Spekulationsgeschäfte und globale Finanztransaktionen. (jsw)