Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Erste Etappe des 27. Kammgarn International Jazzfestivals

Geballte Klangwucht: das Tingvall Trio.
Geballte Klangwucht: das Tingvall Trio.

Der erste Abend des dreitägigen international besetzten Jazzfestivals in Kaiserslauterns Kulturzentrum Kammgarn brachte dem Publikum die Begegnung mit einem Altmeister und einer Spitzengruppe, die das Kasino zu Begeisterungsstürmen hinriss.

Das 27. Internationale Jazz Festival in der Kammgarn legte am Donnerstag bei guter Resonanz furios los. Das lag hauptsächlich am Tingvall Trio, das mit dem schwedischen Pianisten Martin Tingvall, dem kubanischen Kontrabassisten Omar Rodriguez Calvo und dem deutschen Schlagzeuger Jürgen Spiegel von dem gemeinsamen Sitz in Hamburg aus ordentlich die Jazzszene durchmischt. Atemberaubende zündende Impulse aus aller Herren Länder wie Skandinavien, Spanien, Kuba bis hin zu arabischen Idiomen werden melodisch aufgegriffen und zu mitreißenden Tanzrhythmen und erweiterten Harmoniefolgen verarbeitet. Und das alles im Double-Time-Feeling, also doppelt so schnell als gewohnt, und dennoch immer wieder zu rasanten Steigerungen und neuen Höhepunkten ansetzend.

Wer im Rahmen eines Festivals mit oder gegen dieses Trio, vor oder danach antritt, hat einen sehr schweren Stand. Denn: Bei diesem Trio ist jeder eine herausragende Klasse für sich. Der Pianist brilliert auf den Tasten wie bei einem virtuosen Klavierkonzert von Rachmaninow. Locker vom Hocker zelebriert er mit elegantem Zugriff schwerste Figurationen im Höllentempo, hält eisern Takt und Metrik und bleibt souverän in den ausgewählten Rhythmen und Stilarten. So hörte man Reggae, Swing, Blues und exotische Musikformen mit dem Klavier als Melodieträger und Impulsgeber in bestechender spielerischer Präzision heraus. Dabei steigert sich Martin Tingvall als Initiator mit einer schier überschäumenden Spielfreude in einen wahren Klangrausch.

Ein komplexes Wunderwerk

Dennoch gebührt aber auch dem Kontrabassisten mit seinem warmen und voluminösen Klang und der eigenen Definition eines Bassparts besondere Anerkennung. Es ist kein ostinater Walking Bass, kein Orgelpunkt mit Liegetönen, keine Betonung des zugrundeliegenden Rhythmus’, und er löst sich auch mal vom Grundschlag des Schlagwerks, bleibt aber in der taktlichen Metrik. Sein melodischer Basspart wurzelt zwar in den Traditionslinien des Jazz’ mit den typischen Betonungsmustern und übernimmt vieles davon.

Gleichzeitig ist sein Part weit mehr und anders: Calvo übernimmt Melodie- und Harmoniefolgen und macht daraus etwas Neues und Eigenständiges, oft eine Art Gegenmelodie oder zweite Stimme unterhalb des Klavierklanges und mit diesem dialogisch verbunden. Dabei aber doch immer synchron mit dem Schlagzeuger, der jedes noch so schnelle Tempo noch mit Breaks und Gegenrhythmen umspielen kann und sich in atemberaubenden Soli in Rage spielt. Es entstand ein komplexes Wunderwerk aus drei Individualisten, die dennoch ein homogenes Kollektiv ergeben, das die Messlatte sehr hoch legte. Wer kann darüber springen?

Sigi Schwab beschreitet andere Wege

Gitarren-Ikone Sigi Schwab und seine Camerata Bavarese beschritten zuvor dagegen gänzlich andere stilistische Wege. Die Eingangsnummer war eine Art Perpetuum mobile, ein Stück, das um einen melodischen Einfall kreist, der ständig repetiert und variiert wird. Schwab zeigte im Dialog mit dem Klarinettisten Klaus Hampl auf der heller klingenden Böhm-Klarinette seine Klasse, Schlagzeuger Ramesh Shotham und Bassgitarrist Heiko Jung bildeten dazu eine Einheit, lösten sich aber auch mal mit solistischen Episoden. Wenn man so will, war dieses nahtlose Wechselspiel aus Soli und Tutti, aus Wiedergabe einer melodischen Sinneinheit und deren Umspielung mit perfektionierten strukturierten Abläufen schon der Hinweis, dass man sich blind versteht – hier klappte das akkurate Zusammenspiel, und die Abfolge von Abschnitten gelang reibungslos und routiniert in einem mitreißenden Notenfluss.

Danach bildeten die eigenen Bearbeitungen von Vorlagen aus dem Barock-Zeitalter einen stilistischen Schwerpunkt: In zwei Fällen wurden – entgegen der gängigen Praxis bei verjazzten Barockwerken – eine Harmonie- und Bassfolge übernommen und dazu neue Rhythmen und passende Melodiefolgen ideenreich erdacht und in subtilem Klangzauber vorgetragen. Genial war die Verschmelzung von Bachs erster Invention mit seiner Chaconne, und ebenso war eine berühmte Aria von Händel in dieser eigenen Fassung mit der Klarinette als Alternative zur originalen Vokalstimme eine weitere Entdeckung: Die Klarinette als Melodieträger, die Harmonien liegen in Schwabs versierter Gitarrenumspielung und als Bass kein Cello, sondern die von Heiko Jung sehr ideenreich und flexibel eingesetzte Bassgitarre.

Gut gelaunte Moderation

Hier bewegte sich das auch in der Präsentation und humoristischen Moderation mit Selbstironie gut gelaunte und spielfreudige Quartett in den Spuren von Vorbildern wie Jacques Loussier, Ekseption oder Jethro Tull. Allerdings bleiben Schwab und Hampl enger am Original, nähern sich vorsichtig und – positiv ausgedrückt – verantwortungsvoll, weil authentisch den Vorlagen, ohne allerdings bei dieser Verneigung in Ehrfurcht zu erstarren. Zwischen dieser freien Barockauffassung und dem Tingvall-Trio mit seiner Weltmusik lagen nicht nur Jahrhunderte, sondern auch Klangwelten.

Info

Das Festival endet am 9. April unter anderem mit dem Auftritt von Avishai Cohen; Karten an der Abendkasse.

Versunken in die Welt des Barock: Sigi Schwab.
Versunken in die Welt des Barock: Sigi Schwab.
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