Kaiserslautern Einsinken wie in Weichkäse
Während im Wohnzimmer die Ästhetik der Fünfziger und Sechziger wiederkehrt, entwickeln sich die Küchen zu Raumstationen zur Erforschung des Ideal-Omlettes. Bleibende Eindrücke von der Internationalen Möbelmesse in Köln.
Ist da noch jemand? Jemand mit Erinnerungsspur an den Trampelpfad, der sich einst durch die Auslegware zog. Hin zur Hausbar. Verewigt durch den Familienvorstand (männlich), feiertags. Jetzt ganz stark sein, denn der Bar-schrank ist zurück aus der offenbar trostbedürftigen Zukunft. In Rot, neben Grau sowieso die Trendfarbe, und so filigran wie der Schminktisch, an dem die Dame des Hauses sich einstmals den Lidstrich zog. Mit verspiegelter Rückwand, Böden aus Glas und LED-Beleuchtung, zu kaufen bei Schönbuch. Sorry, aber das war’s noch nicht. Mit der Hausbar lässt nämlich derjenige, der was auf sich hält, gleich auch noch die Eckbank wieder einziehen, besonders fluffig als Esstisch-Sofa „Joline“ (Girsberger). Zudem eine Vitrine, reichlich Nippes, einen dünnbeinigen Cocktail-Tisch, die Blumentapete, einen Teppich, die Neuauflagen des String-Regals und das Re-Design von Hans Bellmanns 1955 entworfenen Zwei-Schalenstuhls „Ga“ der Firma Horgenglarus. Das sogenannte Mid-Century-Design, die Ästhetik der Fifties und Sixties, ist in Köln ubiquitär vertreten, überall zu sehen. Es ist seltsam. Und nicht, draußen die komplexe böse, undurchschaubare Welt. Zu Hause scheint alle die Sehnsucht nach dem Heilen anzutreiben, nach einer Doris-Day-Wohnblase mit Nabelschnur zu einer Welt, in der das Hoffen noch half, der Glauben an den Fortschritt existierte, Wohlstand war oder werden konnte und klare Verhältnisse herrschten. Und Frank Sinatra lässige, männliche Selbstgewissheit verkörperte. 62 Prozent der Befragten einer Umfrage, die auf der Kölner Möbelmesse verbreitet wird, sind interessiert an einem Smart-Home, das heißt an Wohnungen und Häusern, in denen der Kühlschrank dem Lieferanten mailt. Derweil stehen die Zeichen des Angebots in Köln mehr auf Abwarten und Scotch trinken. Hauptsache gemütlich. Hauptsache Naturholz. Oder venezianische Eiche, verziert vom gemeinen Schiffsbohrwurm. Hauptsache Wohlfühlen. Hauptsache der Beistelltisch hat Geschichte wie der mit bunten Kunststoffschnüren, Stahlrahmen und Stacheldraht aus der „Caribe“-Serie von Jungstar Sebastian Herkner (für Ames), der sich in seiner Machart an kolumbianischer Handwerkskunst orientiert. Lena Swing Seat heißt ein Schaukelstuhl, in dem man einsinkt wie in Weichkäse. Er wird an der Decke aufgehängt. Alkovenartiges Mobiliar wie der roséfarbene Sessel „Roc“ (von Uwe Fischer für Chor) umarmt seine Besitzer herzallerliebst mit den Armlehnen, wenn sie ausgebrannt von der Boni-Jagd in ihre Wohnhöhle einkehren. Der Küchenhersteller Nolte ruft an seinem Stand den Sony Mobile Pojector auf. Das handliche Gerät projiziert eine Android-Bildschirmoberfläche auf die Arbeitsplatte, ein virtuelles Tablett, auf dem man mit Oma via Skype noch einmal das Dampfnudelrezept durchgehen kann. Leider ist das Ding noch nicht serienreif. Das Systemmöbel mit Namen „Mesh“ von Werner Aisslinger dagegen schon. Von Helikoptern transportierte Wohnwürfel, Stühle mit Kunststoffzellen und Techno-Gel intus sind normalerweise das Ding des Designers. „Mesh“, auch wieder in Rot erhältlich, ergibt durch die Kombination aus getöntem Glas und schimmernden Lochblechkästen dagegen meist eine, na ja, schwebend leichte Vitrine der Art, wie sie weniger formschön im Keller vor sich hin darbt. Eine Plattform, auf der die Flucht ins Accessoire angetreten werden kann, die jetzt so beliebt ist. Die Reihung sentimental aufgeladen Krimskrams. Der Omavasen. Der Stofftiere. Die Deko driftet inzwischen leicht ins Entgrenzte. Im „Haus“, einer von der Möbelmesse beauftragten Wohnstudie des US-Designers Todd Bracher, bevölkern ein ausgestopfter Dachs, Amethysten, ein Schaukelwagen, Holzspielzeug oder ein kleines Solarmobil die Wandregale. Das „Haus“, das eine Textilhaut umspannt, besteht aus zwei durch das Bodenniveau voneinander abgesetzten Arealen. Einem Gesamtlebensraum für entgrenztes Arbeiten und Lernen. Und einer Nachtwandel- und Tagträumzone, nur erhellt von einer riesigen, lunatisch glimmenden Pendelleuchte. Kein Bett steht darin. Stattdessen finden sich Sitz- und Liegegelegenheiten wie der Soft Pad Chair ES 106 von Charles und Ray Eames, belagert von volantartigen Decken. Geduscht wird bei Bracher im Übrigen draußen, um der Natur nahe zu sein. Den Wind zu spüren. Das Ganze hat etwas von einer Blockhütte für leicht esoterisch bewegte Digital Natives, Leute, deren Fruchtblase das Internet darstellt. Im realen Leben scheinen diese doch sehr durch die Suchbewegungen nach ästhetischer und sozialer Wärme getrieben. Ein Lebensgefühl das jetzt „Hygge“ heißt, „Huügga“ ausgesprochen, ein dänischer Begriff dafür, sich zu konzentrieren. Auf die kleinen Dinge, die guten. Und die großen, die Freundschaft, Familie, et cetera. Todd Bracher spricht sogar davon, dass einen ein Wohnumfeld „nähren“ soll. Aber auch andernorts wird der Bedeutungsüberhang des Mobiliars kapitalisiert. Raumplus zum Beispiel bietet den Boutiqueschrank „RPS Alurahmen Drehtür“ an, seltsamer Name. Er sieht aus, als gehöre er zum Interieur eines Prada-Gucci-Dior-Saint-Laurent-Louis-Vuitton-Ladens. Ein narzisstisches Schaustück für zuhause, mit dem sich nicht nur die Anziehsachen, sondern gleich auch noch die feinen Unterschiede des Stilempfindens und des Reichtums ausstellen lassen. Auch manche Küche zum Preis eines Hauses (zumindest in Pirmasens) wirkt nicht so, als würde man sie wirklich brauchen. Ständig werden diese Raumstationen zur Erforschung des Ideal-Omlettes an Quatsch mit Soße am Messestand von fleißigen Helfern in Firmenuniformen polierend umgarnt. Als neuestes Ding am Herd figuriert der Dunstabzug ohne Haube. Und das Vakuumgaren, schöner ausgedrückt: „Sous Vide“, das Garen im Kunststoffbeutel bei niedrigen Temperaturen. Der Anbieter Neff verspricht, dass das Fleisch auch dann noch auf den Punkt serviert wird wenn sich die Gäste um eine Stunde verspäten. Eine Anpassung an die multioptionale Gesellschaft, die mit dem Smartphone in der Hand immer auf dem Sprung ist – und deshalb alles verpasst? Wer die Hallen, in denen sich rund 100.000 Möbelstücke auftürmen, offenen Auges durchstreift, kann schon auch einiges ableiten. So von den Multifunktionsmöbeln, an denen die Verkäufer möglichst souverän hantieren. Dem je nach Schlaf- und Beischlafbedingungen zum Etagen-, Einzelbett plus Schreibtisch oder einem Zweibettmodus konfigurierbaren Gestell des dänischen Nachwuchsdesigners Peter Paulsen. Oder auch vom Modulsystem „Study Oh“ des Herstellers Germania, das die Raumnot in urbanen Ballungsgebieten illustriert. Zielgruppe sind Studenten, Job-Nomaden, das Modulsystem aus multiplex verspricht auf 12 Quadratmetern alles zu bedienen, was zum Wohnen notwendig ist, beziehungsweise vorhanden. Gezeigt wird es in einem Schiffscontainer. Einer typischen Flüchtlingsunterkunft. Info Die IMM Cologne 2017 ist heute (von 9 bis 18 Uhr) und morgen (von 9 bis 17 Uhr) geöffnet. Das Ticket für einen der zwei Publikumstage kostet 24 Euro, ein Familienticket für zwei Erwachsene und mit bis zu drei Kindern zwischen sieben und 16 Jahren kostet 36 Euro an der Tageskasse.