Kaiserslautern Einer rätselhaften Krankheit auf der Spur

Sichtbar krank: Diese gefällte Buche zeigt deutliche Zeichen der Kernfäule. Pilze sind die Ursache für diese Krankheit.
Sichtbar krank: Diese gefällte Buche zeigt deutliche Zeichen der Kernfäule. Pilze sind die Ursache für diese Krankheit.

Bäume anhand markanter Kennzeichen wie ihrer Form, Oberflächenstruktur und der Farbe ihrer Rinde zu bestimmen ist eine Sache. Zunehmend wichtiger wird die Beobachtung der Baumrinden bei der frühzeitigen Erkennung kranker Bäume. Und dabei geht es um mehr als nur um die Sicherheit an Wanderwegen. Es geht um die Existenz alter Waldbestände.

Den Wert der Bäume kann man zunächst auch in Zahlen ausdrücken. Der reine Holzwert einer Buche beträgt etwa 500 Euro. Viel wichtiger ist aber, was der Baum für das Ökosystem insgesamt leistet. Eine 100 Jahre alte Buche mit 35 Metern Höhe kann sagenhafte 3,5 Tonnen CO2 speichern. Noch Beeindruckenderes schafft die Blattmasse mit ihrem Blattgrün (Chlorophyll). Durch das Laubdach des großkronigen Baumes werden im Jahr 4600 Kilogramm Sauerstoff freigesetzt. Das ist eine Menge, die ausreicht, damit 13 Menschen ein ganzes Jahr lang atmen können. Berechnungen auf dieser Basis haben den volkswirtschaftlichen Wert auf 60.000 Euro beziffert. Die Rotbuche (Fagus sylvatica) ist der häufigste Laubbaum in deutschen Wäldern. Das „Rot“ bezieht sich dabei lediglich auf die leicht rötlichbraune Holzfärbung. Die Rotbuche ist nicht zu verwechseln mit der Blutbuche (Fagus sylvatica f. purpurea) und ihrem dunkelroten Laub. Diese Färbung ist nicht durch eine Züchtung, sondern durch eine zufällig aufgetretene Erbgutveränderung entstanden, die seit dem 17. Jahrhundert bekannt ist. Die Rotbuche gehört zu dem ursprünglichen Vegetationsbild in Europa. Sie ist eine ausgesprochene Zeigerart von feucht-gemäßigtem Klima. Seit einigen Jahren verursacht eine neue Krankheit der Buche bei den Forstwissenschaftlern Stirnfalten. Zunächst entlarvte man einen Pilz. Der hilft der Buche normalerweise, weniger vitale Äste und Totholz abzustoßen. Doch wenn der Baum durch Trockenheit insgesamt geschwächt ist und zu wenig Wasser hat, kann der Pilz das Holz schneller zersetzen. So können ganze Kronenteile absterben. Hier sitzt dann auch schnell der Laubnutzholz-Borkenkäfer auf der Rinde, um seine Gänge zu nagen. Wenn ein kranker Baum durch Kronenschäden auffällt, können diese in frequentierten Waldbereichen umgehend gefällt werden. Was aber, wenn die Kernfäule sich äußerlich nicht bemerkbar macht? Der genaue Krankheitsverlauf stehender, vital aussehender Buchen kann zurzeit von Wissenschaftlern noch nicht abschließend erklärt werden. Insbesondere welcher Schädling zuerst da ist, ist nicht eindeutig. Das schürt Unsicherheiten bei Waldbesitzern: Kann ich naturnahen Waldbau betreiben und Totholz im Bestand belassen oder wird damit der Käfer, der Pilz noch gefördert? Möglicherweise machen der Buche alle Effekte gemeinsam das Leben schwer: zu trockenes Klima, als Folge Störungen im Wasserhaushalt, der Befall mit der Buchen-Wollschildlaus, die kleinste Rindenverletzungen verursacht. An diesen Stellen können Rindenpilze ansetzen und die Rinde großflächig zum Absterben bringen. Das begünstigt den nächste Verfallschritt: Holzkäfer (Prachtkäfer, Borkenkäfer) legen Fraßgänge an und bieten damit eine weitere Eintrittspforte für andere Pilze. Weißfäule im Kernholz durch Zunderschwamm-Befall kann dann eine Folge sein. Die Experten stehen dem Ganzen aktuell noch etwas ratlos gegenüber: Von der Buchenkomplexkranheit ist die Rede. Neben dem Absterben von Bäumen und der gleichzeitigen Holzentwertung durch die Verfärbung entstehen noch weitere Effekte. In der wirtschaftlichen Konsequenz erfolgen frühzeitige Hiebsmaßnahmen von Altholzbeständen, um eine vollständige Entwertung zu verhindern. Oft ist das Holz dann aber nur noch als Palettenholz beziehungsweise als Industrieware verwendbar. Mittlerweile bekommt (fast) jeder die Veränderung der Jahreszeiten, die Wetterextreme zu spüren. Die Vegetation hatte bislang Jahrtausende Zeit sich anzupassen. Aber die klimatischen Stellschrauben werden an verschiedenen Orten zu schnell verdreht. Da können Flora und Fauna nicht mithalten. Der Wald wird sich verändern, das ist kaum mehr aufzuhalten. Die Serie In der Reihe „Natur findet Stadt“ stellt Matthias Haag einmal im Monat Stadtbewohner aus der Welt der Tiere und Pflanzen vor. Der Biologe engagiert sich im Naturschutz und ist Initiator von Palatinatour, einer Aktionsgemeinschaft zur Umweltbildung.

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