Diagnose Demenz RHEINPFALZ Plus Artikel Eine Familie erinnert an den langsamen Abschied von Opa, wie sie ihn kannten

Erst ein bisschen vergesslich, später aufdringlich und grenzüberschreitend: Bei Rudolf ist die Demenzerkrankung trotz Medikament
Erst ein bisschen vergesslich, später aufdringlich und grenzüberschreitend: Bei Rudolf ist die Demenzerkrankung trotz Medikamenten schnell verlaufen – und hat alle in seiner Umgebung gefordert.

Eine Demenzerkrankung verändert das Wesen eines Menschen. In manchen Fällen sogar erschreckend schnell, wie die Schilderung einer Familie aus der Westpfalz zeigt, die versucht hat, sich möglichst lange daheim um ihren an Demenz erkrankten Opa zu kümmern.

Wann und wie es bei Rudolf* (76) mit der Demenz losging, das weiß niemand mehr so genau. Hier mal was vergessen, dort mal etwas liegengelassen: Der Anfang war schleichend, aber spürbar. So spürbar, dass seine Tochter den Witwer im April 2021 zu einer Demenztestung im Pfalzklinikum in Rockenhausen überzeugen kann: Diagnose Demenz. Darüber, wie es bei einer möglichen Verschlechterung weitergeht, will Rudolf nicht sprechen, schließlich ist er nur ein bisschen vergesslich. Andere in seinem Umfeld sind ebenfalls nicht interessiert, sich mit der Diagnose ernsthaft auseinanderzusetzen: „Der ist nur vergesslich. Passiert mir auf der Arbeit auch, wenn ich mir nicht alles aufschreibe.“ Versuche, sich mit dem Thema zu befassen, fruchten nicht.

Wenn Rudolf Hilfe braucht, sind die im Haus lebende Tochter und ihre Familie zur Stelle. Etwa zum Kleben eines Pflasters, das dabei helfen soll, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Ein Heilmittel gibt es nicht. Also muss das Rivastigmin-Pflaster jeden Abend, Punkt 17 Uhr, auf eine ganz bestimmte Stelle auf Rudolfs Schulter geklebt werden. Dort hatte es der Arzt beim ersten Mal zufällig aufgebracht, so muss es immer sein. Abend für Abend – egal, was die Tochter, der Schwiegersohn und die beiden Enkel vorhaben. Nach mehreren Monaten organisiert die Tochter schließlich einen Pflegedienst, der das Aufkleben übernimmt. Und der Familie wieder etwas mehr Freiraum bei der Tagesgestaltung verschafft. Im Jahresverlauf gibt’s etliche kleinere Hinweise, dass die Krankheit weiter fortschreitet. Unter anderem erkennt die neue Nachbarin, die sich lange um ihre an Demenz erkrankte Mutter gekümmert hat, schon nach wenigen Begegnungen: „Dein Vater hat Demenz, gell?“

Wortlos zur Familie gesellt

Im Winter stellt sich Rudolf nun abends wortlos und nach der immer gleichen Begrüßung zur zu Abend essenden Familie der Tochter – ohne sich dazu setzen oder etwas erzählen zu wollen. Das Verhalten fällt den Enkeln auf: „Opa kommt ja oft zu uns hoch, das hat er ja sonst nie gemacht.“ Die Familie beschließt nach Weihnachten, den Krankheitsverlauf und Auffälligkeiten zu dokumentieren.

Im Januar 2022, am Neujahrstag, steht Rudolf nachmittags in der Wohnung seiner Tochter, hat sein sonst übliches sonntägliches Vollbad vergessen und kann nicht mit Gewissheit sagen, ob es morgens oder abends ist. Ein deutliches Alarmzeichen, das die Familie so noch nicht kennt – und der erste Eintrag in das Demenz-Tagebuch. Eine Woche später weckt Rudolf seine Enkelin am frühen Sonntagmorgen, um ihr in einer Zeitung von Ende Dezember etwas zu zeigen.

Immer öfter folgen im Frühjahr 2022 Besuche in aller Frühe. Mal um Marmeladen- oder Einmachgläser öffnen zu lassen, mal um in der Zeitung etwas zu zeigen. Sinnvolle Gespräche, die über den aktuellen Anlass der Stippvisite hinausgehen, sind bald nicht mehr möglich – alles dreht sich um das jeweilige Anliegen. Das natürlich jetzt gelöst werden muss. Das wird schließlich belastend: Wenn die Marmeladengläser am späten Abend geöffnet werden sollen und deswegen die Kinder geweckt werden, ist das beim ersten Mal vielleicht noch kurios, aber in der fünften Nacht nicht mehr. Bis dahin waren alle Türen im Haus stets offen, nie verschlossen.

„Warum macht Opa das?“, fragt die Enkelin

Zunächst versucht die Familie noch, mit Verständnis und Humor auf die nächtlichen Besuche zu reagieren, am Wochenende dann notgedrungen mit verschlossenen Wohnungstüren. Die Folge: Rudolf klopft und klopft und klopft. Bis alle wach sind. Jedes Wochenende. So kann es nicht auf Dauer weitergehen. Egal, ob er in seine Wohnung begleitet oder deutlich auf die Uhrzeit hingewiesen wird: Nach einigen Minuten steht er wieder da. Absprachen, sich zumindest am Wochenende bis 9 Uhr zu gedulden, hält er nicht ein. Was für Erwachsene schon kaum zu verstehen ist, macht den Kindern allmählich Angst: „Warum macht Opa das?“

Im Sommer 2022 gibt er schließlich murrend die Autoschlüssel ab. Der Schritt hätte schon längst erfolgen müssen. Allein: Er hat es nicht eingesehen. Nachdem Bekannte der Familie von gefährlichen Begegnungen im Straßenverkehr erzählt hatten, legt er nach viel gutem Zureden die Schlüssel auf den Tisch. Jetzt wird der Tochter klar, dass sie den Mann, den sie ihr Leben lang kannte, nach und nach verlieren wird.

Einkäufe und Arztbesuche werden zur Herausforderung

Im Spätsommer wird es schlimmer, Hemmungen fallen: Toilettentüren werden unvermittelt aufgerissen, die Tochter während Online-Besprechungen gestört oder mitten in der Nacht geweckt. Ein Marmeladenglas muss jetzt geöffnet werden. Ein anderes Mal fährt der Enkelsohn in einer Nacht um 3 Uhr auf, weil ihn Opa nach dem Biomüll-Abfuhrtermin fragt. Erklärungsversuche und Ansprachen schlagen fehl, und nach Monaten fehlt langsam allen die Energie, Opa nachts wieder und wieder ans Bett zu begleiten, in dem er selten bleibt. Stattdessen steht er kurz darauf wieder im Schlafzimmer der Tochter – oder klopft an der abgeschlossenen Tür.

Einkäufe und Arztbesuche werden ebenfalls zur Herausforderung – weil Rudolf immer enthemmter wird und durchsetzen will, was ihm gerade durch den Kopf geht. Ohne Rücksicht auf Verluste. In einer Septembernacht, die Wohnungstür ist nach einigen „interessanten Nächten“ abgeschlossen, schleicht Rudolf ums Haus, klopft an Rollläden und gegen die Haustür. „Es könnte ja was sein“, sagt die Tochter und steht auf, um kurz darauf gefragt zu werden, ob sie ein Brötchen besorgen könne – obwohl er noch welche im Brotkorb liegen hat. Nach mehreren Wochen geht die Familie auf dem Zahnfleisch. Rudolf ist nachts aktiv, schläft den Tag über. Versuche, die Tagesstruktur zu ordnen, schlagen fehl.

Opa schläft in der Küche, im Schlafzimmer brummt der Föhn

Als die Tochter Rudolf vormittags schlafend am Küchentisch findet, während ein laufender Föhn auf seinem Bett liegt, indem kurz davor ein feuchtes Malheur passiert ist, ist klar, dass eine weitere Grenze überschritten ist und Opa sich selbst und andere gefährdet.

Zum Umzug in ein Seniorenheim mit spezieller Demenzstation gibt es keine Alternative mehr. Ein Platz in der Nähe ist sogar überraschend schnell gefunden – und er lässt sich freiwillig darauf ein. Wo es hingeht, versteht er nicht mehr wirklich. Mittlerweile lebt Rudolf in dem Seniorenheim, sitzt im Rollstuhl und erkennt seine Familie nur noch an guten Tagen. Die nervigen Nächte sind also vorbei – aber auch das Lachen mit dem Opa, das Gärtnern mit dem Vater, das Renovieren mit dem Schwiegervater und die gemeinsamen Familienfeste.

*Name von der Redaktion geändert

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