Pfalztheater Kaiserslautern
Ein Stück, das man gesehen haben sollte: „All das Schöne“
Man muss diese Werkstattbühnen-Stück unbedingt gesehen haben! Und dazu hat man am 28. November wieder um 20 Uhr an gleicher Stelle Gelegenheit. Vordergründig betrachtet ist die Aufführung „nur“ eine bewährte Mischung aus Erzähl- und Mitmachtheater, mit Elementen des Stegreiftheaters und (scheinbarem) Werkstattcharakter. Durch die Kombination aller erdenklichen Theaterkniffe wird hier zwar Theaterarbeit nicht gänzlich neu definiert (dazu war schon alles irgendwann und irgendwo mal da), aber das gerüttelt Maß an genialen Regieeinfällen von Nora Klaus treibt die Handlung auf die Spitze; für viele Besucher dürfte die Ansammlung von ungewöhnlichen Effekten und Stilmitteln neu sein und zudem werden sie zum Mitmachen angeregt.
„All das Schöne“ beginnt mit einer Rückblende in die Schulzeit des Ich-Erzählers (Philipp Adam), der seine Lebensgeschichte aus frühester Kind- und Schulzeit über Studium und Liebesbeziehung mit einer Kommilitonin und Heirat erzählt; in manchen Szenen spielt er Episoden daraus auch nach. Dies allerdings in ständiger Interaktion mit dem Publikum, er lädt sich Personen aus den „Tribünen“ auf die Bühne und animiert diese, Rollen wie Vater, spätere Ehefrau oder Schulpsychologin zu spielen. Rollenspiele, interaktives, situatives, spontanes und teilweise improvisiertes Theater ist immer lebendiger als das brave „Aufsagen“ von Bühnentextfassungen. Allerdings: Hinter diesem hohen Unterhaltungswert steckt auch eine Interpretationsauffassung. Das Publikum repräsentiert die Gesellschaft und das als Psychogramm aufgezeigte Problem der Volkskrankheit Depression, um die sich das Stück im Kern dreht, geht jeden von uns an, kann in jeder Familie vorkommen.
Mit kindlicher Naivität
Die klassische Bestuhlung weicht auf der Werkstattbühne dabei drei Tribünen. Das Publikum sitzt wie im Amphitheater und wird einbezogen, und Philipp Adam spielt die Rolle seines Lebens. Zumindest scheint es so, denn er wirkt sehr authentisch, ausdrucksstark, deklamiert eindringlich und mit guter Textverständlichkeit – mit Ausnahme einer Szene, wenn er nach hinten in den Stoff des angedeuteten häuslichen Rahmens spricht.
Die in der reflektierten und sukzessiv entwickelten Handlung dargestellte Hauptfigur ist gerade mal sieben Jahre alt, als die Mutter versucht, sich das Leben zu nehmen. In der Rückblende versucht der Erzähler, der Mutter zu helfen, indem er ihr in kindlicher Anmut und Naivität vermitteln will, wie schön doch das Leben ist und wie man alles mit Ideen frei gestalten kann. Dabei rezitieren Stimmen aus dem Publikum zuvor verteilte Handzettel. Um es sogleich vorwegzunehmen: Er kann die Depression der Mutter nicht heilen und beeinflussen, sie nimmt sich später doch das Leben.
Problematische Dreierbeziehung
Das prägt ihn im eigenen Leben entscheidend, in nachempfundenen und gespielten Szenen offenbart sich die ganze Tragweite einer problematischen Familien-Dreierbeziehung, die auch durch eine aufgesuchte Psychologin (bei der Premiere aus dem Publikum sehr einfühlsam verkörpert) nicht gemildert werden kann – und so kommt es zu Entfremdungen, Trennung (von seiner Frau), und erst der offene Schluss lässt Hoffnung aufkeimen.
Letztlich ist das Stück eine Sozial- und Milieustudie, ein Psychogramm, das nicht nur zum Mitdenken, sondern auch zum eigenen Abgrenzen und Besinnen anregt und ein wertvoller Baustein zur Selbstfindung sein kann. Philipp Adam, seit 2020 im Ensemble, ist ein Schauspieler, der sich in seine Figur hineinversetzen und mit ihr identifizieren kann, er geht spontan auf das Publikum ein und verdient sich durch das hohe Einfühlungsvermögen große Anerkennung.
Was ist Glück?
Die Inszenierung arbeitet aber nicht nur das Leben eines Sohnes mit einer psychisch kranken Mutter heraus; sie beleuchtet auch das Spannungsverhältnis zwischen Familienidylle und psychischer Erkrankung, das zur Isolation der Mutter führt, die die „schönen Dinge des Lebens“ und die Glücksgefühle sowie Geborgenheit in der Kernfamilie gar nicht spüren und erleben kann. Eine daraus erwachsende gesellschaftliche und therapeutische Herausforderung, mit der uns dieses Lehrstück konfrontiert.
Solche Parabeln dürfen das Publikum nicht überstrapazieren, daher sind die Situationskomik und die Interaktion gelungene Einfälle. Mehr noch: Das Stück wird durchweg musikalisch begleitet, von der vielseitigen Musikerin Salma Kiem – ein Erlebnis der besonderen Art: Sie singt mit strahlendem schönen Sopran, beherrscht Gitarre und Klavier exzellent und kann die verschiedensten Musikrichtungen der Popularmusik genau im Tonfall treffen. Etwa bei Klassikern der Beatles. Auch dies mildert die Tragik des Stoffs.
Termine
„All das Schöne“, nächste Aufführung am 28. November, Werkstattbühne des Pfalztheaters Kaiserslautern, 20 Uhr, Details unter www.pfalztheater.de