Diagnose Demenz
Ein Demenzpatient erzählt: Diagnose war wie „ein Dolchstoß in mein Herz“
An eines erinnert sich Günter Müller noch ganz genau. An den Tag, an dem im Nachbarort Oberndorf ein englischer Bomber abgeschossen wurde. Von diesem Zeitpunkt an wusste er genau, dass er Ingenieur für Flugmaschinen werden wollte – und schließlich auch wurde. Damals war er sieben. Heute ist Günter Müller fast 80 Jahre älter – und an das, was er in den vergangenen Jahren erlebt hat, kann er sich nur schwer erinnern. Schuld daran ist seine Demenz.
Aufgefallen, dass „etwas nicht stimmt“, ist Günter Müller bereits vor mehr als einem Jahr. „Es ist dann einfach weg“, sagt er. Was er vor ein paar Stunden gemacht hat, was er noch erledigen wollte, und vor allem Namen – einfach aus dem Gedächtnis gelöscht. „Ich treffe Leute und weiß genau, dass ich sie kenne. Aber es will mir einfach nicht einfallen, woher und wie sie heißen“, beschreibt er seinen Zustand. Das mache ihn manchmal „fuchsteufelswild“. Doch der freundliche, gepflegte ältere Herr, der auf den ersten Eindruck völlig gesund wirkt, gibt sich keiner Illusion hin. Sein Arzt habe ihm unmissverständlich klar gemacht, dass der Verlauf der Krankheit stetig und wohl auch schnell sein wird. „Als der Arzt mir gesagt hat, dass ich Demenz habe, das hat sich angefühlt wie ein Dolchstoß in mein Herz“, beschreibt er. Die Vorstellung, nach und nach alles zu vergessen, mache ihm schon große Angst, gibt er freimütig zu.
In München Maschinenbau studiert
Dabei war Günter Müller sein Leben lang gewohnt, sein „Oberstübchen“ rege zu benutzen. Das Kriegserlebnis des abgestürzten Bombers hatte in ihm kein Strohfeuer, sondern einen echten Wunsch gepflanzt: Der Alsenzer studierte Maschinenbauingenieurwesen für Flugzeuge und arbeitete anschließend etliche Jahre in München bei der Firma Dornier. Zurück nach Alsenz führte ihn sein Weg, weil die Mutter krank wurde. „Sie lebte damals schon hier im alten Postgebäude, das ein Verwandter gebaut hatte“, erzählt der alte Herr. Er blieb in Alsenz. Die Mutter starb, er lernte seine spätere Ehefrau kennen und bekam mit ihr zwei Kinder. Sein beruflicher Werdegang führte ihn unter anderem nach Kaiserslautern und zur Firma Keiper nach Rockenhausen.
Im Postgebäude in Alsenz lebt Müller heute noch alleine in seiner Wohnung im zweiten Stock. Über ihm wohnt sein Sohn, der täglich nach dem Rechten schaut. Die Tochter lebt mit ihrer Familie ebenfalls in der Nähe. „Seit meine Kinder wissen, dass ich an Demenz leide, besuchen sie mich noch öfter als früher“, sagt der alte Herr. Dafür sei er schon sehr dankbar. Die Wohnung in Ordnung halten, einkaufen, Essen zubereiten – das alles sei für ihn mittlerweile gar nicht mehr so einfach. „Früher habe ich gekocht und mein Sohn kam zum essen, heute ist es meistens umgekehrt“, sagt er schmunzelnd. Manchmal komme es ihm vor, als sei er jetzt das Kind.
Wissen, woran man ist
Aus seiner Erkrankung macht er kein Geheimnis. Das hat ja keinen Sinn, die Leute werden es früher oder später sowieso merken, meint er dazu. „Und bevor jemand gekränkt ist, weil ich nicht mehr weiß , wer er ist, sag ich es lieber gleich“, sagt er nüchtern. Dann wissen die Leute, woran sie mit ihm sind.
Im Haushalt mache er noch was geht, aber der Tüftler, der er früher einmal war, sei er nicht mehr. „Ich merke manchmal, dass mir einfach nicht mehr einfallen will, wie etwas funktioniert“. Dinge, die er früher selbst gemacht habe, kleine Reparaturen beispielsweise, die kriegt er plötzlich nicht mehr hin. „Und von allem, was mit Strom zu tun hat, lasse ich schon seit einiger Zeit meine Hände, das ist zu riskant“, zeigt er sich einsichtig.
Autofahren freiwillig aufgegeben
Auch das Autofahren habe er aufgegeben als er sich dabei nicht mehr sicher fühlte. Am Ende hätte er noch andere gefährdet, und das wollte er um jeden Preis vermeiden. „Jetzt fahre ich halt Zug, wenn ich irgendwo hin muss. Und das funktioniert ja auch gut“, sagt er. Beispielsweise zur Krankengymnastik nach Rockenhausen komme er einmal wöchentlich mit der Bahn. Andere Aktivitäten aber fielen ihm mittlerweile schwer. „Ich bin früher einmal die Woche auf die Burg gelaufen, das schaffe ich heute nicht mehr“, bedauert Müller. Er sei schnell erschöpft und müde, außerdem wollen seine Beine nicht mehr so wie er das will.
Wenn es so kommen sollte, dass er irgendwann nicht mehr alleine in seiner Wohnung bleiben kann, dann hofft er, dass er im Seniorenheim im Ort unterkommen kann. Er mache sich darüber nur wenig Gedanken, denn alles, was zu regeln ist, hat er bereits mit seinen Kindern besprochen. „Die sorgen für mich und treffen die wichtigen Entscheidungen.“ Außerdem habe er das Glück, mit der Gemeindeschwester plus, Eva Müller, verwandt zu sein, ergänzt er lachend. Auch die schaue immer mal wieder nach dem Rechten. Eva Müller wird ebenso wie ihre Kollegin Tonja Loureiro in ihrem Alltag immer wieder mit Menschen konfrontiert, die an dementiellen Veränderungen leiden. Dabei ermutigen sie die Betroffenen, sich nicht zurückzuziehen, sondern offen mit der Erkrankung umzugehen. „Sprechen Sie darüber, fragen Sie aktiv nach Informationen und Unterstützung“, so der Tipp der Gemeindeschwestern. Und allen, die an „Vergesslichkeit“ leiden rät sie, mit dem Hausarzt darüber zu reden.
Enkelkinder sind seine Freude
90 Jahre alt wollte er eigentlich werden, das hatte er sich so vorgenommen. „Das werde ich wohl nicht mehr ganz schaffen“, bedauert Günter Müller. Aber nah daran sei ja auch nicht schlecht. „Ich weiß, dass es viele jüngere Menschen gibt mit dieser Diagnose. Ich habe es erst jetzt im Alter bekommen. Ich hatte also Glück“, zieht er nüchtern Lebensbilanz. Und bisher komme er ja noch einigermaßen klar und erlebe auch in seinem Umfeld keine negativen Reaktionen. Nur eine Sache macht ihm zu schaffen. Den Namen seiner Tochter, der sei ihm einmal, nicht mehr eingefallen. Das habe ihn schwer getroffen. Aber dass sie ihn regelmäßig mit den beiden Enkelkindern besuchen kommt, das freue ihn ungemein – und bringt seine Augen dann auch schnell wieder zum Strahlen.