Kaiserslautern
Ein Abschied, der ein Anfang ist: Antiheld in der Kammgarn
Die deutsche Musikszene hat in den vergangenen Jahren eine schöne Frischzellenkur verpasst bekommen – mit jungen Künstlern, die das Barometer für Spaß an der deutschen Sprache nach oben jagen, die schönste Poesie in bissigste Gesellschaftskritik packen und spielen, als ginge es um ihr Leben. Eine solche Band ist Antiheld. Die Combo aus Stuttgart hat sich mit ihren durch alle Glieder treibenden Songs und bodenlos ehrlichen Texten einen festen Platz in der Herzen der Fans gesichert, wie man an diesem fast voll besuchten Abend im Cotton Club sehen konnte.
Die Geschichte von Antiheld begann 2014 auf dem Southside Festival, als Luca Opifanti (Gesang/Gitarre) und Matze Brendle (Bass) erstmals vor einem Massenpublikum spielten. Sie ging weiter mit etlichen Vorprogramm-Slots, etwa bei Rea Garvey, The Boss Hoss und Versengold. Danach folgten eigenständige Touren zu Alben wie „Goldener Schuss“ und „Disturbia“. Und nun soll nach knapp neun Jahren – kurz vor dem Bandjubiläum – mit der aktuellen Tour schon alles vorbei sein? Ja. Und nein.
Auf „Roadtrip“
Die Band hatte dieses Jahr via Facebook angekündigt, dass die „Roadtrip“-Tour die letzte der Bandgeschichte sein soll. Ein Schock für die Fans. Via Instagram durften sie sich wünschen, welche Songs in der Live-Setliste für das Finale landen sollten. Und gewünscht wurden sich quasi alle. Die sprichwörtliche Wahl der Qual also für die Band.
Mit dem Song zum Tourtitel „Roadtrip“ startete die musikalische Nostalgie-Fahrt im Cotton Club. Und die Fans waren sofort dabei. Textsicherheit aktiviert, Laune direkt bis zum Anschlag gedreht. Der Song ist ein gutes Beispiel für das, was die Stuttgarter „Antihelden“ ausmacht. Mit Zeilen wie „Hier gibt es keine CDU und AfD / Kein besorgtes Volk, das mit Nazis auf die Straße geht / Hier ist niemand reich, so fucking super reich / Jeder Mensch hat ’nen Wert und der Wert ist gleich“, positionieren sich die Musiker mitten ins Herz. Sie sind in der Lage, tiefgehende Emotionen und noch tiefere Botschaften in partytauglichen Rock-Songs zu transportieren, zu denen man singen, lachen, feiern, aber über die man eben auch nachdenken kann. Sie geben den Zuhörern das Gefühl, mit ihren Sorgen und Ängsten willkommen und verstanden zu sein. Sie scheuen sich nicht, über Unsicherheiten, Selbstzweifel und menschliche Schwächen zu singen. Über Hass, Krieg und sterbende Kinder – den Song „Irgendwo stirbt ein Kind“ widmete Opifanti all den Opfern der aktuell laufenden Kriegen dieser Welt. „Ich würde es so gerne beenden, und alles zu einem besseren Ort machen. Aber ich kann’s nicht. Ich bin nur einer von vielen. Aber gemeinsam sind wir richtig viele.“ Diese emotionale Verbundenheit und erfrischende Ehrlichkeit zwischen den Tönen macht Antiheld zu einer Band, die man live nicht missen will.
Die Enthüllung
Es folgten Ohrwürmer mit Tiefgang am laufenden Band – vom rauschenden „Berlin am Meer“ bis zum donnernden „Du hast jede Nacht zu einem Denkmal gemacht“. Luca Opifanti wanderte durch die Publikumsreihen und zog jeden einzelnen Fan mit in kollektive Gesänge, gefolgt von einem Akustik-Set, das alle endgültig zusammenschweißte. Die grenzenlose Euphorie im Club war nahezu greifbar.
Doch dann kam der Moment. Es wurde dunkel im Cotton Club, Monitore leuchteten auf. Darüber flimmerten die Gesichter der Musiker, die verkündeten, dass es Antiheld „so nicht mehr geben kann“, da es „Zeit für etwas Neues“ sei. Und plötzlich erschienen Luca Opifanti und Matze Brendle wieder, mit neuen Outfits und zwei neuen Songs aus dem kommenden Album und offenbarten die Überraschung: einen neuen Bandnamen! Tripkid soll die Band von nun an heißen und will auf neue musikalische Pfade gehen. Mit einem geballten „Ficken für den Weltfrieden“ verabschiedeten sich die Musiker von der Vergangenheit und starteten in eine sicher vielversprechende Zukunft.