Tanzsport RHEINPFALZ Plus Artikel Ehepaar Wundsam (TSV Ramstein): Der Mann näht die Kleider

„Man bleibt fit, auch vom Kopf her“, erklärt Karl-Heinz Wundsam, warum er das Tanzen so liebt. Was charakteristisch für ihn und
»Man bleibt fit, auch vom Kopf her«, erklärt Karl-Heinz Wundsam, warum er das Tanzen so liebt. Was charakteristisch für ihn und seine Frau Christa bei den Turnieren ist: »Wir brauchen Bewegung, sind immer unterwegs auf der Fläche.«

Wenn Christa und Karl-Heinz Wundsam aus Kaiserslautern ihre Lebensgeschichte erzählen, klingt das wie ein Märchen mit einer tanzenden Prinzessin und ihrem Prinzen.

Das Happy End gleich mal vorab: Christa und Karl-Heinz Wundsam sind beide über 70, tanzen seit ihrer Jugend zusammen und räumen regelmäßig auf den großen Tanzbühnen ab. Erst kürzlich haben sie bei den Landesmeisterschaften in Bad Kreuznach wieder einmal gezeigt, was sie drauf haben. Sie haben die Goldmedaille und den Landesmeistertitel geholt und dabei drei jüngere Paare geschlagen – womit sie vor allem diesmal so gar nicht gerechnet hatten. Karl-Heinz Wundsam war schwer krank, hatte 35 Kilo abgenommen, und sie standen das erste Mal nach einer langen Zwangspause wieder auf dem Wettkampfparkett.

Beim Ball eingesprungen

Jetzt zum Märchen: Es war einmal ... vor langer Zeit, genauer gesagt vor mittlerweile über 50 Jahren, dass eine Tänzerin in der Tanzschule für Aufsehen sorgte und bei Turnieren erfolgreich war. Karl-Heinz Wundsam war 20 Jahre alt, machte gerade seinen Führerschein. Und als er eingeladen wurde, zum Ball der Tanzschule zu gehen, sagte er nicht nein. Seine Eltern hatten ihm das Tanzen beigebracht, er war also nicht ganz unerfahren, „aber sie war wesentlich besser“, sagt er heute über die Frau, die ihn noch sehr beschäftigen sollte.

Er wurde damals gefragt, ob er beim Ball einspringen könnte, weil ein Tanzpartner fehlte. Er sprang ein und war sofort begeistert, hatte Spaß beim Tanzen, tanzte ab diesem Zeitpunkt regelmäßig, ging einmal pro Woche mit der ein Jahr älteren Partnerin, die einen Freund hatte, ins Turniertraining. Als die beiden dann gleich fürs nächste Turnier angemeldet wurden, bekam es der Lauterer mit der Angst zu tun. „Ich habe gebibbert“, erinnert er sich heute noch.

In Berlin passiert es

Doch die Geschichte wäre kein Märchen, wenn nicht alles gut ausgegangen wäre. Die beiden waren richtig erfolgreich, gewannen gleich im ersten Jahr die Jugendmeisterschaft, durften zur deutschen Meisterschaft nach Berlin fahren. Und in Berlin passierte es dann: Die zwei verliebten sich und wurden auch privat ein Paar. Sie tanzten sich von Klasse zu Klasse nach oben. Schafften es bis in die höchste Klasse, die S-Klasse. Inzwischen waren die Wundsams verheiratet, hatten einen Sohn. Sie nahmen ihn mit zu den Turnieren. „Er saß immer bei jemand anderem auf dem Arm“, erzählt Christa Wundsam, wie ihr Junior zunächst am Rande des Parketts aufwuchs. Doch irgendwann entschied das Paar sich gegen den Spagat und für die Familie. „Wir haben zehn Jahre Pause gemacht“, erzählt Karl-Heinz Wundsam, der es in der Zwischenzeit mit Jazzgymnastik versuchte und versichert: „Wir wollten nicht mehr anfangen.“

Bis plötzlich einer ihrer besten Freunde, der in Saarbrücken Trainer war, fragte, ob sie nicht wieder anfangen wollten. „Wir sind wieder mal ins Training gegangen. Danach war es passiert“, erinnert sich die heute 73-Jährige. 19 Jahre tanzte das Paar für das Saarland, nahm dafür einiges auf sich. Die regelmäßige Fahrt von Kaiserslautern aus, das lange Training, das anschließende längere gemütliche Beisammensein. „Wir sind um 2 Uhr heimgekommen und er musste morgens um 6 wieder raus“, erinnert sich die Pfälzerin. Leidgetan hat es keinem der beiden. Im Gegenteil. „Wir haben viel erlebt“, schwärmt sie.

„Man tanzt heute offener“

Als der Club im Saarland sich auflöste, wechselten die Wundsams zurück zu ihrem ursprünglichen Verein Rot-Weiß Kaiserslautern. Doch als der Probleme mit der Hallenbelegung hatte, der TSV Ramstein einen Workshop anbot und es ihnen dort gefiel, wechselten sie mit zwei Paaren nach Ramstein.

Dort tanzen sie heute noch und werden nicht müde, immer weiter an sich zu arbeiten. „An der Haltung, am Heben und Senken. Es ist immer was zu tun“, erklärt Karl-Heinz Wundsam ehrgeizig. „Das Tanzen hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert“, sagt seine Frau, und er ergänzt: „Man tanzt heute offener, steht nicht so eng zusammen. Das sieht geschmeidiger aus.“ Statt zu Hugo Strasser und Max Greger schwingen die beiden jetzt zu zu Tanzmusik umfunktionierten Stücken die Hüften, nehmen zusätzlich zum Gruppentraining Privatstunden.

Die Wundsams tanzten bei den großen Turnieren, Meisterschaften, quer durch die Republik. Im vergangenen Jahr bekam Karl-Heinz Wundsam die Diagnose Krebs. Er wurde operiert – und tanzt wieder. Auch wenn er keine Meisterschaften mehr tanzen wollte, ließ er sich überreden und anmelden. Das Happy End ist bekannt.

Der Kunst-Näher

Aber es gibt noch ein paar mehr. Dass das Paar seit 50 Jahren verheiratet ist, auch wenn es manchmal kracht, wie die Tänzerin zugibt. Und ihr Partner fügt an: „Ich bin da immer so hitzig.“ An ihrer Beziehung zweifeln sie aber nie. „Das hat jetzt 50 Jahre lang gehalten, da wird es jetzt auch noch halten“, fügt Christa Wundsam an.

Und dann kommt noch ein Märchen, das keines ist: Ihr Mann schneidert die Kleider. Der 72-Jährige nickt bestätigend und erzählt, dass das erste Kleid seiner Frau die Schwiegermutter genäht hatte. Beim zweiten schilderte er ihr seine Vorstellungen und sie sagte: „Das kann ich nicht.“ Daraufhin habe er sich an die Nähmaschine gesetzt und näht seitdem die Kleider seiner Frau selbst, in allen Farben, von stahlblau bis gelb, weiß, rosa und champagner. Wenn die zwei die Bilder von ihren Auftritten im Ballkleid zeigen und in Erinnerungen schwelgen, dann klingt es schon wie ein Märchen.

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