Kaiserslautern
Ebenso locker wie anspruchsvoll: Simon & Jan in der Kammgarn
Weil es sich bei der Show am Freitag in der Kammgarn um eine „Best of“-Show handelte, war das thematische Spektrum des sich ohnehin schon immer weitläufig mit eigenem Erleben, gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Erscheinungen beschäftigenden Programms von Simon & Jan diesmal, nach nunmehr 16 gemeinsamen und erfolgreichen Jahren, besonders breit angelegt.
Da ging es gehaltvoll-nachdenkenswert um das Leben an sich und speziell jenes als Künstler. Unter anderem war die Rede von diversen Lifestyle-Aktivitäten, von der Atmosphäre in Berlin, von dem, was bestimmte Hormone im Körper so alles bewirken. Simon & Jan wagten sich an heiße Eisen heran, thematisierten in Liedern und Moderation Aktuelles wie Krieg, Migration und Klimawandel, räsonierten über dauernd Bedenkenswertes – und bisweilen Bedenkliches – wie Glaube, Politik und Aggression.
Mozart mit der fetzigen Gitarre
Die Fantasie spielt immer eine große Rolle in den Titeln der Künstler. So präsentierten sie ein Stück aus der Sicht des fiktiven jungen Wolfgang Amadeus Mozart, der viel lieber eine fetzige Gitarre spielen würde als ein langweiliges Klavier. Ebenso fantasievoll und mit viel Liebe zum Detail erklärten die Künstler, was denn so alles machbar ist – in dem Titel „Weil ich kann“.
Ideenreich agierten die beiden auch auf sprachlicher Ebene. Sie überraschten in den Texten beispielsweise mit mitsingbaren Schüttelreimen („Du bist Buddhist“) oder mit grammatischen Finessen wie im Lied „Dichter“, was sowohl als Nomen als auch als eine Steigerungsform des Adjektivs dicht, die für Vergleiche herangezogen werden kann, lesbar ist
Die Sterbephasen – übertragen auf die Welt
Simon & Jan sind denn vermutlich auch die einzigen Künstler, die es hinkriegen, die bekannten Sterbephasen des Menschen nach Elisabeth Kübler-Ross auf den Zustand der Welt zu übertragen – und das dann wiederum in ihre Lieder-Abfolge einzubringen. Die Stufe „Aggression“ spiegelt sich da etwa in härteren Liedern wider, die Depressionsphase in Songs wie „Ach Mensch!“, und Wünsche aus dem Publikum gehören in den Bereich „Verhandeln“.
Das ist und war besonders an jenem atmosphärisch dichten Abend hohe Bühnenkunst: ebenso locker unterhaltsam wie anspruchsvoll und mehr als einmal ziemlich nachdenklich stimmend, dabei rein musikalisch auf hohem Niveau. Kein Wunder, das Simon (Eickhoff) und Jan (Traphan) in ihrem Metier schon ungezählte Preise erhalten und sich die Bühne schon mit allerlei Prominenten der Szene geteilt haben.
Ein Duo wie eine ganze Band
Apropos Musik: Da macht den beiden studierten Musikern nach mehreren tausend Live-Auftritten niemand etwas vor. Ein kurzer Blickkontakt zum anderen genügte, dann ging die Post ab – ohne jede Unsicherheit im Spiel und auch nicht in den komplexen Texten, dafür mit schier endloser und sich ständig aufs begeisterte Publikum übertragender Energie. Die Stimmen und der Gitarren-Sound wurden dabei öfter um live eingespielte rhythmische und vokale Loops erweitert, sodass das Duo wie eine ganze Band klang. Das ließ dann auch mal einen feschen Rap (von Jan, dem ohnehin extrovertierten, moderierenden Frontmann) oder ein knackiges Rock-Solo (von Simon auf der E-Gitarre) zu.
Die hehre Klassik beherrscht man nebenbei freilich auch, wie die rasante Präsentation von Mozarts „Rondo alla Turca“ an einer Stelle des üppigen Programms bewies.
Viel Applaus, dicker Zugabenteil
Am Ende, nach einer gelungenen Lied-Premiere, nämlich „Häng dein Herz“, und einem eher unerwarteten, an mittelalterliche Vorbilder erinnernden Trinklied mit dem klaren Titel „Sauf mit mir“, gab es viel Applaus im Stehen, einen dicken Zugabenteil und die Erkenntnis, dass man, Kompetenz vorausgesetzt, für ein gutes Konzert manchmal eben in der Tat nur wenig an Personal und Material braucht.