Kaiserslautern Durch die Nacht

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Mit sieben Nominierungen ist Sebastian Schippers Berliner Nachtfilm „Victoria“ Favorit beim Deutschen Filmpreis, der am 19. Juni in Berlin verliehen wird. Ein Sieg in nahezu allen Kategorien wäre nur gerecht: „Victoria“ ist zwar nicht perfekt, aber der aufregendste deutsche Film der Saison – spannend, ehrlich, gewagt (kein Schnitt in 140 Minuten), anrührend, romantisch und glänzend gespielt.

Sebastian Schipper ist einem Millionenpublikum vor allem aus dem „Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring bekannt. Er spielt den leicht besserwisserischen Familienvater-Kollegen Katz, der immer einen guten Rat parat hat, aber stets wirkt, als würde er sich selbst nicht glauben und Kommissar Falke ohnehin wenig zutrauen. Ein großer Schauspieler ist Schipper nicht. Aber ein Regisseur mit Ideen. Und Mut. Schon sein Debüt funkelte verführerisch: 1998 drehte er den Jungsfilm „Absolute Giganten“, ein Herzensstoff, der in einer Hamburger Nacht die Träume und Sehnsüchte dreier junger Männer (Frank Giering, Florian Lukas und Antoine Monot, Jr.) so ungestüm wie zärtlich und brutal aufblättert. Nach „Ein Freund von mir“ und „Mitte Ende August“ ist Schippers neuer Film „Victoria“ im Grunde das längst fällige „Absolute Giganten“-Update fürs Jetzt. Wieder geht es um junge Menschen, ihre Träume, ihre Dummheit, ihre Fehlentscheidungen und die Magie einer Nacht, die alle noch Wachgebliebenen auf sich selbst zurückwirft. Vier pseudocoole „echte Berliner Jungs“, perspektivlos, nicht allzu schlau, treffen auf eine junge Spanierin, die in diesem neuen Europa auf der Strecke zu bleiben droht. Zu Hause gibt es keine Arbeit für die begabte Victoria (Laia Costa), im verheißungsvollen Berlin fühlt sie sich ebenfalls nicht gerade erwünscht. Die Madrilenin jobbt in einem Café, tanzt aber abends einsam im Club. Freunde fehlen. So lässt sie sich auf die im ersten Moment nicht gerade sympathisch wirkende Jungsclique ein, die sie recht ungehobelt und planlos am frühen Morgen vor dem Club anmacht, allen voran Großmaul Sonne (Frederick Lau). Echte Wagnisse geht der deutsche Film selten ein. „Victoria“ aber ist eine Wucht. Nicht nur wegen des technischen Kniffs, zwei Stunden und 20 Minuten lang ohne Schnitt zu erzählen. Es überzeugen vor allem die Figuren, die lebensecht und prall, nie ausgedacht wirken, und dem Zuschauer spätestens nach einer Stunde so nah gekommen sind, dass ein jeder mitfiebert und auf ein gutes Ende hofft. Auch wenn jeder ahnt, dass hier kein Märchen läuft. Schließlich geht es irgendwann um eine Straftat, und wir befinden uns in einem realitätsnahen Berlin, nicht in Hollywood bei „Ocean’s Eleven“. Victoria und Sprücheklopfer Sonne verlieben sich im lauf der Nacht also. Doch ist bereits die drohende Eskalation zu spüren, als sich Sonnes Kumpel Boxer (Franz Rogowski) in eine Prügelei stürzen will. Er war schon mal im Knast, verrät er Victoria, sei aber ein guter Mensch. Dann erinnert ihn ein Anruf an eine alte Schuld. Die Freunde wollen ihm helfen. Und Victoria lässt sich mitziehen. Waffen geraten ins Spiel. Überfall. Adrenalin kommt in die Quere, dann die Polizei: Selten hat ein Film die Zuschauer so aufgeputscht und zugleich ausgelaugt im Kinosessel zurückgelassen. Sebastian Schipper hat seine Schauspieler improvisieren lassen, selbst noch beim Dreh seines Films über „den Drang, das eine große Ding zu wagen, das alles verändern wird“. Eine Durchlaufprobe gab es nicht, um authentisch zu bleiben. Schließlich ging es Schipper um das Einfangen eines Lebens, in dem es heißt: „Alles! Jetzt!“ Und um das Gefühl, „einmal einer anderen Logik zu folgen, eine andere Welt zu betreten“. Nur für drei Takes war Geld da, erzählte der 47-jährige Regisseur bei der umjubelten Uraufführung auf der Berlinale. Die dritte Aufnahme kommt nun ins Kino, nur der Ton wurde nachbearbeitet. Vorbild war Schipper die Perspektive eines Kriegsreporter im unabwendbaren Geschehen. Erst seit wenigen Jahren gibt es die genutzte Technik, eine hochwertige, leichte Kamera, die bis zu drei Stunden Material aufzeichnen kann, berichtete Kameramann Sturla Brandth Grøvlen auf der Berlinale ganz bescheiden. Der in Kopenhagen lebende Norweger gewann verdient einen Silbernen Bären für seine Leistung, am 19. Juni sollte eine „Lola“ für die beste Kamera folgen. „Victoria“ ist auch Favorit in den Kategorien „bester Film“, Regie und Musik – den Soundtrack zur Nacht komponierte Klaviertüftler Nils Frahm. Auch Laia Costa hat einen Filmpreis als beste Schauspielerin verdient. Die privat eher zurückhaltende Spanierin spielt Victoria so beschwingt und strahlend, dass sich jeder Zuschauer auf Anhieb in sie verlieben dürfte. Frederick Lau, Franz Rogowski („Love Steaks“), Burak Yigit („Shahada“) und Max Mauff („Patong Girl“) wiederum glänzen als Clique von Halbstarken mit harten Sprüchen, sanftem Herzen und Namen noch seltsamer als in „Absolute Giganten“: Sonne, Boxer, Blinker, Fuß. Allerdings spielte Frederick Lau, sozusagen Frank Gierings Nachfolger als haltloser Querschläger des deutschen Films, ähnliche Rollen schon öfter (etwa in „Oh, Boy“ oder „Picco“). So dürfte er es beim Filmpreis als „bester Schauspieler“ gegen Christian Friedel in „Elser“ schwer haben.

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