Kaiserslautern Dreiklang im Quadrat

Das „Kultur-Quadrat“ ist nicht nur eine neues Forum für klassische Kleinkunstveranstaltungen. Es findet vielmehr neben Nischenprogrammen wie Kurzopern oder Liederabenden auch neue Präsentationsformen. Die Auftaktveranstaltung am Sonntag im Lauterer Zink-Museum war als Dreiklang aus Kunst, Kulinarik und Kaminatmosphäre konzipiert.
Den künstlerischen Part übernahmen die beiden Sopranistinnen Sabine Heinlein und Esther Mertel. Ein eigens nachgebauter Kamin und das Drehen der Zuschauerkulisse mit ungewöhnlicher Blickrichtung zur Südfassade bewirkten Momente der Faszination und Inspiration. Die Initiatoren haben wahrlich zündende Ideen, um den vielfach als antiquiert und ritualisiert empfundenen Klassiksektor mit neuem Leben zu füllen. Auch programmatisch war die Abfolge durchdacht, hatte mit John Kanders „Willkommens“-Ausschnitt aus dem Musical „Cabaret“ und George Gershwins Klassiker „I got rhythm“ einen lebhaft pulsierenden Rahmen, der durch das harmonische Zusammenwirken Maßstäbe setzte. Auch dazwischen gab es viele bewegende Momente, erfüllt vom Atem großer Musik. So in geistlichen Liedern – etwa vom unbekannteren Bob Chilcott – oder in Ausschnitten aus dem Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Dazu gab es Kostproben aus weiteren Kunstliedern von Johannes Brahms. Im zweiten Konzertteil folgten Klangbeispiele aus Oper (Andrea Mascagni), Operette (Franz Lehár) und sogar Schlager von Friedrich Hollaender, die beispielsweise im Falle des Kassenschlagers „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ der jungen Marlene Dietrich zu Weltruhm verhalfen. Alle Programmpunktenbegleitete die Pfalztheater-Solorepetitorin Jia Jia mit Solidität und Souveränität. Lediglich die heiklen Brahms-Vorträge waren nicht ganz pianistisch ausgereift und eher angespannt und mit zu hartem Anschlag. Das Hinzuziehen der Klarinette war durch die sonore Klangfarbe und den lyrischen Charakter der Kantilenen von Rebecca Gerstel − der Schwester Esther Mertels − ein zusätzlicher Gewinn. Die beiden Sopranstimmen konnten in den vielen Duetten wunderbar verschmelzen, zu klanglicher und interpretatorischer Einheit in stimmlicher Reinkultur finden. Esther Mertel ist mit ihrer lyrisch beseelten, verinnerlichten und sehr dezent eingesetzten Stimmgebung in intonatorischer Reinheit für solche Aufgaben im kleineren, familiären Rahmen geradezu prädestiniert. Sanft schwingen sich die Haltetöne ein, werden mit einem nur angedeutetem Crescendo im Messa di Voce belebt. Alles wirkt kontrolliert und diszipliniert und atmet − so in Lehárs „Vilja-Lied“ − die Musik in großen Phrasierungs- und Spannungsbögen. Klare Aussprache und Diktion sowie rhythmische Prägnanz verhalfen dem Vortrag zu zusätzlichem Reiz. Sabine Heinlein hat vor allem im tieferen und mittleren Bereich ihres Stimmumfangs eine schöne, angenehm timbrierte Klangfarbe; nicht aufdringlich und um jeden Preis strahlend, sondern meist wohltuend verhalten und in klanglicher Intimität eingesetzt. In den Höhen fehlt es noch etwas an Substanz und Stabilität, um die Töne dauerhaft zu stützen. Dennoch war insgesamt diese durchdachte Vortragsfolge optimal auf den gewählten Rahmen und die stimmlichen und gestalterischen Möglichkeiten und Fähigkeiten der Mitwirkenden abgestimmt. Ausgerechnet der zum Jazz-Standard avancierte Gershwin-Klassiker „I got rhythm“ mit einer kapriziös verspielten, hier locker und jazzig ausgelebten Klarinette und den beiden über sich hinauswachsenden Frauenstimmen lockte alle Zuhörer aus der Reserve. Das war gut so − und vielleicht ein Fingerzeig für die weitere Programmplanung.