Kaiserslautern
Doppelausstellung des KunstRaums Westpfalz und der Stiftskirche eröffnet
An den Wänden der Stiftskirche zeigt Monika Bozem aus Rosenkopf (Kreis Südwestpfalz) unter dem Titel „Kreuzwege“ ihre abstrakte Malerei. Sie ist Künstlerin durch und durch. Das geht soweit, dass sie sich seit dem Jahr 2000 der Kunst bedient, um ihr Leben zu erzählen. Zunächst sich selbst, ganz im traditionellen Tagebuchstil. Bezogen auf die Ausstellung „Kreuzwege“ heißt das: „Ich weiß noch ganz genau, was damals war, wie ich es erlebte in den Jahren 2006 bis 2008, als diese Bilder hier entstanden.“
Insgesamt hängen vor rotem Sandsteingemäuer 15 Leinwände, überwiegend pastös bemalt als schwarz-weiße Collagen mit viel Platz für gleichermaßen warmes wie giftiges Acrylgelb. Spricht erstere Farbassoziation direkt die Betrachter an, so lässt sich letztere vielmehr im malerischen Duktus erkennen, in jenem mal pragmatischen, mal überschwänglichen oder mal gewalttätigen Pinselgestus. Auch die trunken-satte Farbwahl verweist auf emotionale Düsternis.
Wahrlich aufgeklärt im Sinn der Malerin ist der Betrachter jedoch erst über das Nennen menschlicher Gefühlsregungen in den Bildtiteln: Nötigung, Zwang, Erpressung, Jähzorn, Rache, Ausnutzung, Ausbeutung, Versklavung, Bloßstellung, Verrat, Auslieferung, Lüge, Betrug, Übervorteilung, Maßreglung, Verurteilung, Neid oder Kälte. Und zwar ohne Schuldzuweisung. Die im Hauptberuf promovierte Biologin „schrieb“ malend ins Tagebuch, welche jener negativen Eigenarten sie bei sich selbst entdeckte. Ein rational und emotional anstrengender Prozess mit Grenzübertritten ins Ich, ist der Mensch doch mehr dahingehend sozialisiert, eher die Untugenden anderer als eigene zu sehen.
„Ohne Liebe wäre alles nichts“
Entlang der 14 Bild-Stationen fügt Bozem jene Empfindungen narzisstischen Verzweifelns aneinander. Bis es im Gemäuer um die Ecke geht. Und dort hängt dieses eine Motiv, das „Liebe“ heißt, das Lieben bedeutet, das im Glauben aller Religionen aber auch Heilung meint. Die Vorsitzende des Kunstvereins, Birgit Weindl, zitierte biblische Sätze aus dem 1. Korinther, 13, wie etwa „… und hätte (ich) einen Glauben, der Berge versetzt, aber mir würde die Liebe fehlen, so wäre das alles nichts“. Denn die Eröffnung der „Kreuzwege“ war integriert in eine Passionsandacht, gehalten von Pfarrer Matthias Jung. Dabei sprach er vor allem davon, was uns jene bebilderten Eigenarten selbst antun, was dem jeweils anderen beim „Kreuzen von Wegen unter Menschen“. Und er fügte an, dass es in der Passionszeit nicht nur um das Leiden Jesu ginge, vielmehr auch um jenes aller Menschen. Es sei zwar anders, jedoch um nichts geringer.
Im Kunstraum Pirmasenser Straße 6 wiederum zeigt Gisela Desuki aus Speyer unter dem Titel „Interna“ Fotografien und Videoarbeiten. Besucher nehmen zuerst Gesichter in fahlem Licht wahr, Antlitze mit leeren Blicken, Porträts in surrealen Räumen. Etwa das Triptychon „Interna“. Es besteht aus vier Facetten eines Gesichts, mit der Kamera eng gefasst, reglos gebannt, fern jedweder persönlicher Identifikation. So wird es zum Hintergrund. Denn Gisela Desuki inszeniert Momente, die als emotionale Phasen des Seins gelesen werden können. Mal fließen Spuren durchs Bildformat, die Augen, Nase, Mund und Kinn wie trennende Paravents überdecken oder gar optisch wie aufgelöste Gesichtssubstanz wirken. Daneben inszeniert die gebürtige Karlsruherin schwarze „Verschlüsse“, die sich mal vertikal, mal horizontal durch die Bilder „schieben“ und so totale Abwesenheit, ja den Tod darstellen. Eine äußerst intensive Begegnung mit Regungen, die eine assoziative Eigendynamik anregen.
Werkgruppen mit Gegensätzlichem
Daneben hängen großformatige Fotografien der Werkgruppe „Photo Graphic Novels“. Sie zeigen Porträts und Räume. Und so figürlich auch das pure Abbilden einer Akupunktur-Puppe bleibt, so surreal erlebt der Betrachter die Szenerie: lebloses Stillleben, irritierender Lichteinfall und jene virtuelle Ästhetik geometrisch-scharfer Kanten der Bildelemente. Auch hier erwächst im längeren Betrachten ein seltsamer Kontrast: metallene Kälte und lichträumliche Geborgenheit. Eine Lesart könnte lauten: das Ende erstarrten Leides. Eine andere: Irgendwo manifestiert sich immer Leid.
Die dritte Werkgruppe besteht aus Schwarz-weiß-Fotografien, „Black Ladys“, und dem Video „Nocturnes“. Letzteres spielt mit Licht und Schatten, ein stehendes Foto und permanent laufende Videobilder begegnen sich. Die Endsechzigerin entdeckte mehr durch Zufall einen Lichtstrahl im Kellerfenster, auf dem windbewegte Baumzweige ein dazu gelegtes Porträtfoto „streicheln“. Ihr gelang das Darstellen eines emotionalen Narrativs. Nicht zuletzt damit lebt die Ausstellung „Interna“ von Lesarten jener Besucher, die sich von der Machart berühren lassen und dadurch imstande sind, eigenes Erleben aus dem Inneren hinzuzufügen.
Es sind vor allem die poetischen Momente der studierten Künstlerin, die – ähnlich einer Topographie – inneren Landschaften entsprechen, beziehungsweise sie erschaffen können. Legt Desuki ihre Bildsprache mit introvertierter Kunst-Rhetorik an, so gelingt es Monika Bozem in „Kreuzwege“, dem zweiten Teil des Ausstellungsduos in der Stiftskirche, sich extrovertiert per Pinsel und Farbtonarten zu positionieren.
Info
- Finissage zur Ausstellung „Kreuzwege“ mit Gottesdienst am Ostermontag, 18. April, 11 Uhr, mit Dekan Richard Hackländer und anschließendem Künstlergespräch
- Finissage zur Ausstellung „Interna“ am Samstag, 16. April, 11 Uhr. Öffnungszeiten samstags von 11 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung, www.kunstraum-westpfalz.de