Kaiserslautern
Die wechselhafte Geschichte der Lauterer Maikerwe
In Kriegszeiten gab es keine Kerwen und wegen der Spanischen Grippe, einer Influenza-Pandemie, in den Jahren 1922 und 1923 ebenfalls nicht. Im Jahr 1924 öffnete wieder die erste Maikerwe, steht im Stadttagebuch. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierte die Stadt Maimarkt-Umzüge. Manchmal hieß die Maikerwe „Huschtekerwe“, der Erkältung wegen, wenn das Maiwetter so frisch war wie an der Oktoberkerwe. Und es gab die Corona-Kerwe-Absage. Gibt es jetzt die „Kostenkerwe“, wie viele Beschicker vermuten? Vielleicht mit Anspielung auf das Inflationsjahr 1923, vor 100 Jahren, als eine Zuckerstange 100.000 Mark kostete. Ist die Maikerwe 2023 noch das größte Volksfest der Westpfalz?
Das größte Volksfest der Westpfalz
Die Tradition, einen Maimarkt abzuhalten, ist 452 Jahre alt. Der Maimarkt ging aus einem zweiten Viehmarkt im Jahr 1571 hervor. Am 23. März 1571 unterschrieb Kaiser Maximilian II. auf der Prager Burg die Urkunde. Die Stadt besaß nun das Recht, zwei Viehmärkte abzuhalten, und zwar den herbstlichen Viehmarkt am 11. Oktober und den neuen Markt, ursprünglich am zweiten Sonntag nach Ostern. Auf diesem neuen Viehmarkt fand sich schon bald „fahrendes Volk“ mit vergnüglichen Darbietungen ein, und die Maikerwe begann sich zu entwickeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Maikerwe mit Umzügen zum größten Volksfest der Westpfalz herausgeputzt. Wenn es FCK-Heimspiele an Samstagen gab, standen, nach Angaben der Stadt, am Ende der Kerwetage etwa 400.000 Besucher in der Maimarkt-Statistik.
Die Geschichte der Lauterer Kerweplätze scheint so abwechslungsreich zu sein wie das Leben der Schausteller. Manchmal waren die Flächen zu groß und manchmal waren sie zu klein, wie nach dem Zweiten Weltkrieg ab den 1950er Jahren. Wechsel gab es auch wegen des Ärgers mit Anwohnern oder wegen der Lärm- und Verkehrsprobleme. Auch die Stadtverwaltung erlaubte nicht immer die von den Marktbeschickern gewünschte Fläche.
Maimarkt muss Kasernenbau weichen
Ursprünglich schien sich das Kerwevergnügen mit Musikanten, Seiltänzern und Zauberern auf dem kleinen Marktplatz auf der Westseite der Stiftskirche abgespielt zu haben. Als der Stiftsplatz durch Ratsbeschluss vom 21. März 1879 seinen Namen bekam und die Oberfläche einigermaßen hergerichtet war, zog die Kerwe dorthin. Aber schon bald gab es Probleme mit dem Wochenmarkt. Schließlich verlegte die Stadt die Maikerwe ab 1913 auf den später untergegangen Barbarossaplatz, ehemals Eck Barbarossastraße/Barbarossaring.
In den 20er Jahren gab es wieder einen Standortwechsel. Die Stadt plante 1928 den Bau der Milchzentrale, Mai- und Oktoberkerwe mussten vom Barbarossaplatz weichen. Nun richtete die Stadt auf der Nordseite, hinter den von Stadtbaumeister Hermann Hussong gebauten Ausstellungshallen (heute Volkspark), ein Gelände für einen „Vergnügungspark“ her. Am 18. Mai 1928 startete dort der Maimarkt. Wegen eines Kasernenbaus, der Flakkaserne, brachten die Nationalsozialisten Bedenken vor, und die Kerwe musste abermals weichen. 1937 nahm die Stadt an, auf dem Maxplatz, wo heute das Rathaus steht, einen endgültigen Kerweplatz gefunden zu haben. Dort fanden bis Kriegsbeginn die letzten Kerwen statt.
Maimarkt-Umzüge nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg holte die Stadt die Kerwe ab 1949 wieder auf den Stiftsplatz. Als es aufwärts ging, kam der heutige Synagogenplatz dazu. Der Ärger war vorprogrammiert. Heftige öffentliche Kritik gab es, als die Stadt die Kerwe auf das Areal der von den Nazis zerstörten Synagoge ausdehnte. Das Interesse der Stadtverwaltung und der Marktbeschicker, die Kerwe im Stadtzentrum zu behalten, setzte sich jedoch durch. Ende 1952, Anfang 1953 tauchte im Rat erstmals das Wort „Messeplatz“ auf, die Realisierung begann umgehend. Der erste Bauabschnitt reichte aus, um die Oktoberkerwe 1953 aufzunehmen. Bis 1996 gab es, mit wenigen Ausnahmen, Maikerwe-Umzüge. Danach fielen sie wegen finanzieller Probleme aus. Die Bayerische Brauerei, der Hauptfinanzier, hatte den Betrieb eingestellt. Stadt und Marktbeschicker waren zudem der Auffassung, dass die Leute lieber gleich auf den Kerweplatz gehen sollten, statt von der Marktstraße bis zum Messeplatz am Straßenrand zu stehen.
Anekdoten und Überliefertes von der Kerwe
Wie es zum zweiten Viehmarkt kam
Um einen zweiten Viehmarkt, aus dem später der Maimarkt hervorging, bemühten sich die Lauterer im Jahr 1570 zunächst vergeblich. Es ist unverständlich, warum die Stadt um einen weiteren Markt nachsuchte, war sie doch seit dem Jahr 985 im Besitz der Marktrechte und hätte selbst entscheiden können. In der Literatur darüber wird vermutet, dass die Urkunde verloren gegangen war und man sich nicht mehr an das Marktprivileg erinnerte. Die Bürger glaubten, bei Kaiser Maximilian II. eine Gutschrift für treue Dienst zu haben. Als sich der Kaiser 1570 in Speyer aufhielt, wollte man die Gelegenheit nutzen. Ratsherr Claus Fischer und der Stadtschreiber Michael Clodius machten sich auf den Weg nach Speyer, um beim Kaiser vorzusprechen. Es ist nicht überliefert, ob sie vorgelassen wurden. Jedenfalls kamen sie ohne das Privileg eines zweiten Viehmarkts zurück. Die historische Gerüchteküche erzählt, dass die Lauterer nun versucht hätten, ihren Wunsch mit einer Art „Spende“ an den Kaiser heranzutragen. Einer seiner Hofbeamten soll Liebhaber eines guten Tropfens gewesen sein. Der Rat setzte zwei Ohm Wein „bester Provenienz“ ein. Der Erfolg blieb nicht aus. Der zweite Bittgang im September 1570 war erfolgreich.
Am 23. März 1571 unterschrieb Maximilian II. auf der Prager Burg die Urkunde für den zweiten Viehmarkt. Das Lauterer Marktrecht wurde mehrmals erneuert und bestätigt. Seit wann die Stadt das erste Marktprivileg besitzt, ist nicht festzustellen. Das erste urkundlich erwähnte Marktrecht aus dem Jahr 885 ist in einer Schenkungsurkunde des König Otto III. verbrieft. Die Urkunde trägt ein Handzeichen König Ottos III. Er wurde im Alter von drei (!) Jahren in Aachen gekrönt. Das Original der Urkunde wird im Bayerischen Hauptstaatsarchiv aufbewahrt. Im Jahr 1985 feierte die Stadt 1000 Jahre Marktrecht.
Über Tanzverbot empört
Am 18. Juli 1698 richtete der Landschreiber einen Befehl an den Kaiserslauterer Rat, auf dem Markt keine Seiltänzer auftreten zu lassen. Der Rat erließ eine geharnischte Erklärung an das Oberamt. Nach „uralten Privilegien“ sei die Stadt berechtigt, jederzeit „Seyldäntzer“ und „Commedianten“, die ein gewisses Standgeld zahlten, „uff'm Markt“ oder vor dem Rathaus spielen zu lassen.
Der Schankfleck
Ein Schandfleck fiel Oberbürgermeister Theo Vondano am Rande des Maimarkts 1986 auf. Vondano war am Vorabend der Eröffnung mit dem Marktausschuss auf dem Messeplatz unterwegs, um nachzusehen, ob alles seine Ordnung habe. Mit geübtem Blick entdeckte Vondano die völlig beschmierte senfgelbe Fassade der „Toilettendependance“ des Markt-Bereitschaftshauses. „Es kommt noch so weit, dass ich ein Eimerchen Farbe nehme und die Fassade selbst streiche“, wetterte Vondano. „Ja, ja, da sollte mal was gemacht werden“, echote das Besichtigungsgremium. Es galt eine rasche Lösung zu finden, die den OB davon abhalten konnte, selbst zu Farbe und Pinsel zu greifen. Der damalige Marktmeister Gerhard Klein besorgte aus den Kindergärten im Uni-Wohngebiet und der Sommerstraße zwei mit Kerwemotiven bemalte Tafeln. Diese neue Dekoration der Schandfassade des Toilettenhäuschens fand interfraktionelle Zustimmung, und die Verwaltung wurde vom OB als kreativ und sparsam gelobt.
Hat die Kerwe noch Sinn?
Der Kulturkalender, Ausgabe Oktober 1953, stellte eine Frage: „Hat die Kerwe im Zeitalter des Fernsehens, einer unerhört gesteigerten Motorisierung, der Parkplatzsuche und der Aufklärung auf allen Gebieten des Lebens noch Chancen?“ Der Beitrag kam zum Ergebnis: „Ja“. Die damalige „Vereinigung der Verkehrsamateure“ schlug in diesem Zusammenhang eine „Kerwe-Bereicherung“ vor. Den letzten, 1985 außer Dienst gestellten Omnibus wollten sie als „Sammelplatz für Betrunkene“ mit entsprechender Betreuung einsetzen. Die Verkehrsbetriebe lehnten ab.