Kaiserslautern Die Walachei liegt in der Westpfalz
Einen Siegeszug sondergleichen hat Wolfgang Herrndorfs Jugendroman „Tschick“ seit seinem Erscheinen 2010 hinter sich. Nach den Bücherregalen eroberte der Stoff die Theaterbühnen, im vergangenen September die Kinoleinwand und seit Sonntagabend die Werkstattbühne des Pfalztheaters in Kaiserslautern. Die verfügbaren Aufführungstermine der Inszenierung von Michael Götz sind dabei schon seit längerem ausverkauft.
Mit weit über zwei Millionen verkaufter Auflage allein hierzulande – daneben erschien „Tschick“ in zwei Dutzend anderen Ländern – ist Wolfgang Herrndorfs Roman nicht nur ein Bestseller, sondern mittlerweile auch ein Dauerbrenner. Ausgezeichnet 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und kurz darauf mit dem Clemens-Brentano-Preis sowie dem Hans-Fallada-Preis, hat das Buch auf den Literaturlisten der Schulen längst den Status von Goethe, Dürrenmatt, Brecht & Co. erreicht. Auf den Theaterbühnen lief es ähnlich gut für den Stoff um die zwei so unterschiedlichen Achtklässler, die mit einem geklauten Auto quer durch die Republik stromern. Seit der Uraufführung der Bühnenfassung von Robert Koall Ende 2011 am Staatsschauspiel Dresden avancierte „Tschick“ zum Quotenrenner und ist mit steigenden Aufführungszahlen seit der Saison 2012/2013 das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Der Autor erlebte noch diesen Boom – Herrndorf, Jahrgang 1965, setzte im Sommer 2013 seinem Leben ein Ende, nachdem der Kampf gegen den Hirntumor aussichtslos wurde. Der Grund für den Megaerfolg seines Jugendromans liegt zunächst in den sympathischen Figuren, die er zeichnete: einmal den „Titelhelden“, einen russischen Spätaussiedler, der mit großen Sprüchen, aber auch mit ebensolchem Herz aufwartet. An seiner Seite hat er den eher verklemmten Maik, aus wohlsituiertem Hause stammend, dessen Mutter Alkoholikerin ist. Im Verlauf ihrer Odyssee auf der Suche nach der Walachei und mithin der Heimat Tschicks, begegnen sie dann noch der jungen Ausreißerin Isa. Alle drei liebenswerte Typen, voll aus dem Leben und ja, zugegeben, auch aus der Klischeesammlung. Ihr Traum vom selbstbestimmten Dasein taugt als Grundthema ebenso zur Projektionsfläche und ist dabei ein echter Klassiker – man denke nur an die Twainschen Helden Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Dass Tschick und Maik auf ihrem Trip nur „guten“ Menschen begegnen und Maiks Vater der einzige Unsympath bleibt, ist zwar wenig realistisch, reduziert aber das Konfliktpotenzial und trägt zur Fokussierung auf die beiden mit ihren typischen Jugendproblemen bei: vom Mobbing in der Schule über Suchtprobleme bis hin zur ersten Liebe. Nicht zuletzt trägt auch die flotte Jugendsprache, die Herrndorf in rasanten Dialogen entfaltet, zur Wirkung des „Roadtrips“ bei. Regisseur Michael Götz verordnet den oftmals witzigen Wortgefechten zusätzlich gehöriges Tempo. Die Nähe zur Screwball-Komödie mit ihren Gegensätzen und rasanten Dialogketten wird ebenso deutlich wie der enorme Einfallsreichtum der Inszenierung. So setzen Götz und sein Ausstatter Thomas Dörfler auf eine nur mit Turngeräten und Couch ausstaffierte Bühne. Das Pferd wird dabei zum Auto, die Sprossenwand zum Gebirge. Die bisweilen schrill-schrägen Kostüme von Helen Maria Boomes charakterisieren nicht nur die Hauptfiguren, sondern lassen die Nebenrollen vom Lehrer über die Eltern, diverse Althippies bis hin zu Justitia mit wenigen treffenden Details greifbar werden. Um zwei Schauspieler hat Götz seine Inszenierung gegenüber Koalls Bühnenbearbeitung abgespeckt: Nur drei Akteure braucht er, um diese Weltfahrt darzustellen. Und wie dies Harry Schäfer als Tschick, Luca Zahn als Maik und Maike Elena Schmidt als Isa umsetzen, ist schlichtweg beeindruckend. Alle drei noch jung an Jahren und recht neu am Haus, spielen sie sich mit jeder Menge Temperament und Einfühlungsvermögen, aber auch mit sehr viel Sinn für lakonischen Witz schier die Seele aus dem Leib. Daneben lassen sie das Fragile, das Verletzliche ihrer Figuren immer wieder aufscheinen. Dass sie im fliegenden (Kostüm-)wechsel neben den drei Hauptprotagonisten noch rund zehn weiteren Figuren Gestalt verleihen – und das auch noch so spielerisch – zeigt weiter ihre Klasse. Viel wäre noch zu schreiben, etwa von trefflichen Regieeinfällen en masse oder den atmosphärischen Rio-Reiser-Songs, die das Trio im Verlauf der eindreiviertelstündigen Spielzeit (ohne Pause) mit Bass, Gitarre, Klavier und Gesang einstreut. Das Fazit also: ein uneingeschränkt empfehlenswerter Theaterabend für jedes Alter, spannend bis zur letzten Minute. Klasse! Termine Die Aufführungstermine sind, so weit sie im Vorverkauf sind, bis Ende Februar ausverkauft; weitere Termine und Infos unter www.pfalztheater.de und 0631/3675-209.