Kaiserslautern
Die Villa Denis ist ein Juwel, um das viele die Technische Universität beneiden
Gut versteckt vor Durchgangsverkehr liegt die Villa Denis im Diemersteiner Tal bei Frankenstein. Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, erhebt sich das herrschaftliche Anwesen mit Turm und Sandsteinmauern, Park und Gästehaus auf insgesamt über 7000 Quadratmetern. Oberhalb thront die Ruine Burg Diemerstein, die mit vier Hektar Wald das Ensemble komplettier.
Acht Tagungsräume und modernste Technik
Hier können Wissenschaftler der TU wie auch Gäste aus dem In- und Ausland zusammenkommen zum fachlichen Austausch. In acht Tagungsräumen der Villa steht auf rund 1000 Quadratmetern modernste Technik zur Verfügung. Eine angenehme, fast klösterliche Atmosphäre bietet das 2019 frisch renovierte Gästehaus auf rund 750 Quadratmetern für 21 Personen.
Nach dem offiziellen Programm am Abend oder tagsüber in Pausen ist das zwanglose Beisammensein oder der gemeinsame Spaziergang in der Natur eine anregende Grundlage für wissenschaftliches Networking, um neue, kreative Ideen hervorzubringen. Nicht nur Kaiserslauterer Wissenschaftler und die Stiftungsmitglieder profitieren von der Tagungsstätte, auch von anderen Universitäten wächst die Nachfrage. „Eine Gruppe von der Universität Heidelberg hat nach ihrem Aufenthalt hier schon für 2021 gebucht – so gut hat es ihnen gefallen“, freut sich Annette Mechel, Geschäftsführerin der Villa Denis. Im ersten Jahr waren bereits 500 Übernachtungen gebucht, vom vollen Haus bis zu zwei, drei Gästen. Einzig spontane Tourismusanfragen muss die Geschäftsführerin ablehnen.
Restaurierte Wand- und Deckenmalereien
Rittersaal, Roter Salon oder Terrassenzimmer – klangvolle Namen bezeichnen die Tagungsräume im Erdgeschoss. Gediegene Innenausstattung, historisches Mobiliar, restaurierte Wand- und Deckenmalereien im Stil des bayerischen Klassizismus im Rittersaal und ein ehrwürdiger Treppenaufgang lassen vergangene Zeiten aufleben. Auch das Sandsteingewölbe im Weinkeller ist sehenswert. Das Leben des Erbauers Paul Camille von Denis, dem Eisenbahnpionier, der die erste Eisenbahnstrecke in Deutschland gebaut hatte und die Bahnverbindung vom Saarland nach Ludwigshafen errichtete, rückt dem Besucher ein wenig näher. Die zuständige Denkmalschutzbehörde hatte den regional- und kunstgeschichtlichen Rang der Villa betont. Das Gebäude gehört wie die Ludwigshöhe bei Edenkoben zu den seltenen erhaltenen Gebäuden, die im Stil des von Italien abgeleiteten bayerischen Klassizismus errichtet wurden.
Mit der Burgruine, die bereits 1216 urkundlich erwähnt wird, verbindet sich eine denkwürdige Anekdote. Ulrich von Hutten, einer der führenden Köpfe der Reformation, weilte 1521 auf der Burg. Sein Leitsatz „Der Geist der Freiheit weht“ ziert mittlerweile das Siegel der renommierten Universität Stanford in Kalifornien, USA. Dieser Leitsatz sei sehr stimmig für ein wissenschaftliches Tagungszentrum, bekräftigt Helmut Schmidt, TU-Präsident bis Juli 2020. Er hatte den Erwerb der Villa in seiner Amtszeit maßgeblich vorangetrieben.
Selbstlerntage regelmäßig ausgebucht
Seit dem Erwerb ist die Villa Stiftungssitz und Ort für Veranstaltungen. Beliebt bei der Kaiserslauterer Bevölkerung, Studierenden wie TU-Mitarbeitern ist die Uni-Villa-Wanderung, die jedes Jahr Ende April stattfindet und mit einem Fest im Park einen anregenden wie entspannten Ausklang findet. Ebenfalls finden die Auswahlgespräche für das Deutschlandstipendium hier statt, auch das Sommertreffen zwischen Stipendiaten und Stipendiumsgebern. Die Diemersteiner Selbstlerntage sind ein Seminarangebot für Studienanfänger, um den Einstieg ins Studium zu erleichtern. Zwei- bis dreitägige Tagungen mit Plenar- und Gruppenarbeit und Übernachtungen sind im Normalbetrieb regelmäßig gebucht.
Kammerkonzerte ein kulturelles Juwel
Ein kulturelles Juwel sind die Kammerkonzerte in der Villa Denis. Bis vor kurzem noch von Villa Musica veranstaltet, hat jetzt Sabine Grofmeier, eine junge Klarinettistin aus dem Rheinland, als ehemalige Villa Musica-Stipendiatin die Organisation übernommen. So werden auch zukünftig viermal im Jahr junge Künstler Konzerte geben. „Das sind Kammerkonzerte im ursprünglichen Sinn, wie sie in Bürgerhäusern veranstaltet wurden“, beschreibt Mechel das Format, wo sich Musiker und Publikum nahe kommen. „Es sind ungewöhnliche Konzerte mit außergewöhnlicher Atmosphäre.“ Weil man lange Zeit ohne Konzertflügel auskommen musste, sei das Programm entsprechen vielseitig und modern gewesen. Das Publikum sei sehr interessiert – „bis zu 60 Konzertbesucher sind die Regel.“
„Es macht Spaß“, schätzt Annette Mechel ihre Aufgabe. Die promovierte Agrarwissenschaftlerin führt die Geschäfte der TU-Stiftung seit ihrer Gründung im Jahr 2006. Mit der Gründung habe man das Problem lösen wollen, wie man finanzielle Zuwendungen von privat der TUK als öffentlicher Einrichtung zugänglich machen konnte.
„Eine Stiftung braucht Projekte“, hatte Mechel - gerade frisch im Amt - TU-Präsident Schmidt vorgeschlagen. Etwa ein Jahr später präsentierte Schmidt der Geschäftsführerin den Ankauf der Villa. „Ganz so groß hätte das erste Projekt nicht unbedingt sein müssen“, erinnert sich Mechel augenzwinkernd an die herausfordernde Aufgabe.
Catering kommt aus Frankenstein
Um das leibliche Wohl der Gäste in der Villa kümmert sich Beate Hubers Cateringservice aus Frankenstein. Mit Ausnahme des Frühstücks – das liegt in den Händen von Mechel und ihrem Team. Ihre Leidenschaft fürs Marmeladekochen bringt die Gäste in den Genuss von raffinierten Leckereien. „Kirsche mit Schoko ist sehr gefragt“, weiß Mechel – auch Quitte mit Calvados oder Mirabelle mit Gin und Rosmarin. Die jungen Mitarbeiter, die in der Villa ein freiwilliges ökologisches Jahr (FÖJ) ableisten, helfen dabei. Auch selbst gebrautes Bier oder der gut gefüllte Weinkühlschrank leisten ihren Beitrag zum anregenden Beisammensein.
Unkraut jäten, Sträucher schneiden und sogar Heu machen gehören mit zu den Aufgaben von Mechel und ihrem Team. Der Denkmalschutz erfordert es, den Park zu bewirtschaften. „Wir wollen die Artenvielfalt fördern, deshalb lassen wir die Wiese hoch wachsen“, betont Mechel. Das Heu machen im Juni sei für die FÖJler eine ganz schön harte Arbeit, weiß die Geschäftsführerin. „Das sind lange Tage und meistens ist das Wetter heiß.“ Wenn das Heu auf den Ständern nach vier bis sechs Wochen fertig getrocknet ist, kauft die Ziegengemeinschaft Frankenstein alles ab und verfüttert es an die Ziegen, die jetzt auf dem Hang gegenüber der Villa grasen.
Viele Stornierungen wegen der Pandemie
Durch die Corona-Pandemie habe es viele Stornierungen gegeben, bedauert die Geschäftsführerin. Die Rücklagen vom vergangenen Jahr werden aktuell verbraucht, Kurzarbeit wurde beantragt. „Wenn es nur dieses Jahr betrifft, dann ist es noch nicht bedrohlich für die Stiftung“, betont Mechel. „Wir hoffen, dass wir 2021 wieder loslegen können.“
Aber die Stiftung hat noch weitere Aufgaben. Der Holzpavillon ein paar Meter vor dem Anwesen wird jetzt erweitert mit einer Werkforschungshalle. Im August 2021 soll sie fertiggestellt sein. Aus dem Maßnahmenprogramm LEADER der Europäischen Union wird das Projekt mit 250.000 Euro gefördert. Die Stiftung hat die Finanzierung mit einer weiteren Spende unterstützt und ist gleichzeitig Bauherrin. Als Geschäftsführerin übernimmt Mechel diese Rolle.
Der frühere Präsident blickt zurück
„Das muss ich mir anschauen“, so schildert Helmut Schmidt, der langjährige Präsident der Technischen Universität, im Rückblick seine erste Reaktion auf das Angebot des damaligen Fraunhofer-Institutsleiters Dieter Prätzel-Wolters, die Villa Denis für die TU zu erwerben. Für das Fraunhofer Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik (ITWM) kam der Ankauf damals nicht in Frage. Was die ästhetische und emotionale Frage anbelangte, war Schmidt sofort überzeugt, weitere Aspekte galt es zu prüfen. „Der Standort hatte mit 17 Kilometern die perfekte Entfernung zur Universität.“ Die Nutzung durch Studierende war möglich durch die gute Anbindung mit der Bahn – von Kaiserslautern bis Frankenstein braucht man nur elf Minuten. Die evangelische Kirche hatte zudem das Gebäude vollständig durchrenoviert, der fertige Gebäudezustand konnte Stifter überzeugen.
„Wir haben viele Besichtigungstermine gebraucht“, erinnert sich Schmidt, auch an Kaffee und Kuchen der geduldigen Eigentümer. Der damalige Oberbürgermeister Bernhard Deubig habe sich noch dafür ins Zeug gelegt, dass neben prominenten Privatstiftern auch Kaiserslauterer Institutionen wie die Technischen Werke, die Bau AG und die Stadt- und Kreissparkasse gewonnen wurden. Mit einem Startkapital von 180.000 Euro habe man mit der Stiftung eine Initialsumme von 1,3 Millionen stemmen können, blickt Schmidt mit Freude auf diesen Erfolg zurück.
Stipendiaten treffen Geldgeber
Die Gästezimmer in der Villa wurden allesamt zurückgebaut, um die Tagungsmöglichkeiten zu erweitern. Wenn die Auswahlgespräche für das Deutschlandstipendium laufen, werden alle zehn Zimmer für Interviews benötigt. Dass die Stipendiaten auch später ihre Geldgeber beim jährlichen Grillfest im Park wiedertreffen, stärke die emotionale Verbindung.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite soll dort, wo ehemals Kinderheime standen, ein Forschungscampus der TU für Holzbau entstehen. „Die Zuschüsse sind bereits bewilligt“, freut sich Schmidt. Sehr reizvoll findet er die Zugabe der Burgruine zum Ensemble. Das zeige international Wirkung. „Gäste aus Fernost und Amerika sind beeindruckt von der Ruine“, weiß Schmidt durch die vielen internationalen Kontakte. „Inzwischen ist die Burg picobello renoviert. Das ist eine sehr, sehr runde Sache geworden.“
Auch Wohnheim im Besitz der Stiftung
Seit Mai 2020 ist die Stiftung im Besitz des ESA-Wohnheims auf dem Campus der TUK. Energiesparende Architektur, kurz ESA, war Programm für das im Volksmund „Gewächshaus“ genannte gläserne Studentenwohnheim, das Unterkunft für 20 Studierende bietet. Die Stiftung übernimmt die dringend notwendige Sanierung des Gebäudes, das mit seiner einzigartigen Architektur mittlerweile unter Denkmalschutz steht. Der Fachbereich Architektur steht dabei beratend zur Seite. „Das Wohnheim soll CO2-neutral werden“, erklärt Mechel. Am Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 13. September, war das ESA-Wohnheim eins von zwei herausragenden Objekten in Rheinland-Pfalz zum Thema Nachhaltigkeit. Genau an diesem Tag starteten die Bewohner auch eine Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung der Sanierung.