Kaiserslautern Die verbindende Kraft von Kunst, Musik und Tabak

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Das sollte der Goldene Bär sein: Der Finne Aki Kaurismäki hat gestern im Berlinale-Wettbewerb alle Zuschauer mit seiner lakonischen Tragikomödie „Die andere Seite der Hoffnung“ verzaubert. Ebenfalls stark: Andres Veiels dokumentarische Annäherung an Joseph Beuys, die lange nachhallt.

„Es geht nicht um mich, ich bin nicht wichtig“, sagt Khaled aus Aleppo, der an Bord eines Kohlefrachters relativ zufällig in Helsinki gelandet ist und Asyl beantragt. Eigentlich möchte er nur seiner letzten noch lebenden Verwandten, der jüngeren Schwester, eine Zukunft in Europa ermöglichen. Doch auf der Flucht sind sie getrennt worden. Aki Kaurismäki schildert in der finnisch-deutschen Produktion „Die andere Seite der Hoffnung“ (Kinostart: 30. März), wie der ernste junge Mann (Sherwan Haji) in Helsinki auf wollwollende Finnen, aber auch auf Nationalisten trifft, die ihn töten wollen. Nach gut 40 Minuten erst kreuzt Waldemar Wikström (Sakari Kuosmanen) seinen Weg: Der Hemdenvertreter mit großem Pokertalent hat gerade seine trunksüchtige Frau verlassen und ein scheinbar hoffnungslos antiquiertes Restaurant eröffnet: Er ist ein typischer Kaurismäki-Held – schweigsam, stoisch, undurchschaubar, aber gutherzig und konsequent. „Die andere Seite der Hoffnung“ erzählt zunächst zwei parallel verlaufende Geschichten, die sich dann perfekt ergänzen. Wikström und seine kuriose Restaurantcrew verleihen der Geschichte über eine schier unmögliche Schicksalsgemeinschaft Humor und Leichtigkeit. Und Khaleds Weg durch die finnische Bürokratie und seine drei Begegnungen mit rechten Schlägern erden den Stoff, ohne das Flüchtlingsthema überzustrapazieren. Das Schweigen haben die beiden Protagonisten gemein, das Rauchen ebenfalls, schließlich ist es ein Kaurismäki-Film. Und da ist diese alles verbindende Musik mit melancholischem Grundton. Tango, Swing, Bluesrock, Rock’n’Roll finnischer Prägung erklingt, dazu einmal eine syrische Weise. Kaurismäkis kauzige Film-Utopie lässt wie beiläufig und ohne pädagogischen Zeigefinger erleben, was den Unterschied zwischen den Menschen ausmacht. Nicht ihre Herkunft, sondern ihre Moral. In der Pressekonferenz scherzt der Regisseur zunächst lange. Fragen zur Sorge einer „Islamisierung Europas“ versteht er bewusst falsch als „Islandisierung“ und spricht über die letzte Fußball-WM. Auch die ebenfalls unpräzise Frage zum Soundtrack hebelt er aus: „Es gibt Dialoge, und es gibt Musik.“ Dass Filme etwas bewirken: Darauf baut der 59-Jährige aber doch. Er schäme sich dafür, wie ein Teil seiner Landsleute – vielleicht noch traumatisiert von der Vergangenheit, dem Krieg gegen Russland, – Zufluchtsuchenden als Angreifer empfinde, erklärt er die Entstehung von „Die andere Seite der Hoffnung“: „Kino hat keinen großen Einfluss. Aber ich hoffe doch, dass die drei Zuschauer, die den Film sehen, verstehen werden, dass wir alle gleich sind. Und dass es morgen um sie gehen kann.“ Ein Künstler, der lieber lachend die Welt verändern, das Kapital abschaffen und echte Demokratie ermöglichen wollte, war wiederum Joseph Beuys – so zumindest die Quintessenz von Andres Veiels berührender dokumentarischer Arbeit „Beuys“. Bis auf wenige aktuelle Interviews mit Beuys-Weggefährten wie dem Künstler Klaus Staeck oder Kunsthistorikerin Rhea Thönges-Stringaris hat Veiel sein Porträt aus Archivaufnahmen montiert, in denen Beuys (1921 - 1986) selbst zu Wort kommt. 300 Stunden Filmmaterial und 20.000 Fotos hat Veiel, geboren 1959 in Stuttgart, nach eigenen Bekunden gesichtet. Was fast schon nach Besessenheit klingt: Veiel selbst hat als bildender Künstler begonnen und Beuys anfangs nachgeeifert, bevor er sich dem Dokumentarfilm und -theater zuwandte und mit „Black Box BRD“ und „Der Kick“ bekannt wurde. Der Schwabe zeigt Beuys als Mann der Widersprüche, der als Verfechter der „Sozialen Plastik“ auch an seiner eigenen Legende strickte, gerade was seine Faszination für Filz und Fett anging: Dass er als Schütze und Funker, dessen Kampfflieger 1944 im Einsatz über der Krim abgeschossen wurde, von Tataren mit Fettwickeln und Filzdecken gerettet wurde, entlarvt er selbst als Erfindung und Interpretation. Beuys ist in Veiels Lesart Provokateur wie Kriegstraumatisierter, Träumer und Grünenmitgründer, Sprachrohr für Humor in der Kunst und ein stets zu Frageduellen aufgelegter Gesprächspartner, dessen Enthusiasmus und Charme elektrisierte. Das Porträt macht auch deutlich, dass einer wie Beuys seiner Zeit einfach voraus war. Und dass einer wie er heute fehlt. Oder ungehört bliebe. Die Zeiten, in denen visionäre Künstler gesellschaftspolitische Bedeutung hatten und ein Land zum Nachdenken bringen konnten, sind wohl vorüber.

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