Kaiserslautern Die Lichtung

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Alles ist erleuchtet. Der Kirchenpavillon auf der Landauer Landesgartenschau ist ein Projekt des Kaiserslauterer Architekturbüros Bayer / Uhrig und der Landauer Künstlerin Madeleine Dietz. Eine Besichtigung.

Für Ernst Bloch, den Ludwigshafener Philosophen, musste Architektur nicht nur gebaut, sondern auch geträumt werden. Diese hier fliegt. Obwohl der oval gekurvte Holzbau auf einer Betonplatte arretiert ist, die wie ein heller Schatten des Gebäudes wirkt. Weithin offen steht das Gebäude, leicht, luftig, mit einem Dach, das nach vorne kühn auskragt und in dessen hinteren Teil ein großes Guckloch geschnitten ist, ein Himmelseinfalltor. Wie passend das ist. Das Bauwerk des Kaiserslauterer Architektenpaares Dirk Bayer und Andrea Uhrig dient als Kirchenpavillon auf der Landauer Landesgartenschau. Als Veranstaltungsort, Gotteshaus, Seelenhaltestelle, Spielplatz für das Licht. Bauherren sind die evangelische Kirche der Pfalz und das Bistum Speyer. Außerdem hat die EU Fördergeld zugeschossen. Vergessen ist jetzt, wo es losgeht mit der Feier des Floralen, das Hickhack um den dreimal gewechselten Standort des ökumenischen Hinguckers, der im langen Vorfeld der Gartenschau die Gemüter bewegt und die Architekten – wahrscheinlich – genervt hat. Anderseits sind Bayer / Uhrig Kummer mit Pfälzern gewohnt. Die beiden gehören ja mittlerweile schon zum sanften Rebellions-Establishment. Das Haus Göppner, ihr Klassiker, schrieb die Fachzeitschrift „Bauwelt“, stehe wie ein „kalter weißer Schwan“ im Rest von Ramstein. Dortselbst waren die Meinungen über die wunderbar bewohnbare konzeptionelle Architektur dagegen dann eher gespalten, obwohl sie 2004 bei der Architektur-Biennale in Venedig von einem internationalen Publikum gefeiert und in Rheinland-Pfalz mit dem Preis des Bunds Deutscher Architekten ausgezeichnet wurde. So kann es ja gehen. Mittlerweile jedenfalls lehrt Dirk Bayer als Professor selbst an der Kaiserslauterer Uni, an der er mit einem Entwurf für eine ortsansässige Schönheitsklinik diplomiert worden ist. Sein damaliger Gastprofessor Andreas Hild rekrutierte ihn dafür vom Fleck weg für sein Münchner Büro. Als Enfant terrible, ein Ruf, dem ihm seine leisen Ironisierungen des bereits Gebauten eingebracht haben, ist der 1967 geborene Bayer allerdings inzwischen emeritiert. Und auch für die zwei Jahre ältere Andrea Uhrig, seelenverwandt auch im Architektonischen, ist das Label eigentlich passé. Sie hat in Kaiserslautern studiert. In der Meisterklasse des Avantgarde-Heroen Wolf D. Prix von coophimmelb(l)au an der Wiener Akademie für angewandte Künste war sie. Die beiden kritischen Pfalz-Patrioten Bayer und Uhrig sind längst auch zu sehr angekommen im individuellen, anspruchsvoll ausgeklügelten Bau-Segment, um als Revoluzzer durchzugehen. Außerdem trägt Dirk Bayer auch mal Schal. So etabliert schon. Die Fachwelt sieht die beiden kämpferischen Heimkehrer mit ihrer Akkuratesse für den Ort, an dem sie bauen, und für die Materialien, die sie verwenden, sogar in der Nähe der Schweizer Edelarchitekten Herzog & de Meuron. Den Architekten beispielsweise der Münchner Allianz Arena. Es gibt fast nur schlechtere Referenzen. Auch die Bauherren sind voll des Lobes, während die Anwohner manchmal schäumen. Von Bayer/ Uhrig existieren einige fulminant eigenwillig an die Umgebung angepasste Einfamilienhäuser, dazu ein Ärztezentrum zum Beispiel. In Ahrweiler gibt es bald ein Konferenzgebäude, das teilweise made in K-Town ist. Es entsteht im Zusammenarbeit mit dem Leipziger Büro Schulz & Schulz Architekten. Für die Sanierung des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Alten Universität Marburg entwarfen Bayer/ Uhrig mit dem Berliner Grafikbüro Apfel Z sogar angstlos eine eigene Tapete mit floralem Ornament – vielleicht eine unbewusste Vorschau auf das jetzige, Landauer Engagement. Dirk Bayer pflanzte mit einigen Studenten vor einiger Zeit ein viel beachtetes, experimentelles Weinberghaus aus ultrahochfestem Beton in einen Wingert bei Wörrstadt. Am Landauer Kirchenpavillon des Büros Bayer / Uhrig wiederum hat Andrea Uhrig den größeren Anteil, wie der untypisch unschwarz gewandete Architekt mit der Jon-Bon-Jovi-Frisur freimütig gesteht. Er ärgert sich ein wenig, wenn seine Büropartnerin in der Zeitung schon mal als „Architektenehefrau“ auftritt. Und auch, dass der Kirchenpavillon dort unter anderem als gebauter Schmetterling firmiert, findet er so gut nun auch wieder nicht. Warum? Weil Bayer-Uhrig-Architekturen ja mehr ins bildstarke Offene zielen. An dem Landauer Werk ist das auch gut zu sehen. Wir treffen Dirk Bayer am Landauer Kirchenpavillon an, wo er gerade die Installation eines Stromanschlusses für eine Fernsehübertragung inspiziert. Der sei anfangs – so – gar nicht vorgesehen gewesen, sagt Bayer, der den für sein Büro zeitaufwendigen Kirchenpavillon keineswegs als Schaubühne missverstanden haben will. Dann muss er bald weiter. Als Ausweis architektonischer Qualität lässt sich das, was er zurücklässt, aber durchaus betrachten. Vorgesehen war jedenfalls ein auf Zeit installierter Pavillon, der „das Weltoffene der Kirche einerseits und das auf gute Traditionen Bauende andererseits im Bild des Gebäudes zum Ausdruck bringt“. Schützend und offen steht der konstruktiv höchst anspruchsvolle Bau mit dem elliptischen Grundriss, der eine Fläche von rund sechseinhalb mal zwanzigeinhalb Metern überspannt. Lichte Raumhöhe: vier Meter. Getragen wird er von räumlich gekrümmten Zweigelenkrahmen aus Stahlrohr, die mit Brettschichtholz-Stützen verbunden sind. Die Dachträger sind oberhalb der Rahmen schwertartig aufgelagert. An dem Gotteshaus, über dessen von der Landauer Künstlerin Madeleine Dietz gestalteten Altar sich ein sogenanntes Opaion öffnet, dessen ringförmiger Stahlrahmen nur an den Dachträgern aufgehängt ist – eigentlich ist es ein Loch –, zerrt es heftig, aber folgenlos. Ein spannender Bau, der vorerst für fünf Jahre hier steht, bevor er abgebaut und anderweitig genau so weiterverwendet werden kann. Selbst das Dach, am besten vom unweit stehenden Aussichtsturm der Landesgartenschau aus wahrzunehmen, geht durch die unterschiedlich hohen Balken glatt als Relief durch. Der Sakralbau, in dem es göttlich lichtet, lässt an die zeltförmige Stiftshütte der Bibel denken, die sonnenversessene Gotik, barockes Deckentheater, einen skulpturalen Unterstand. Katholiken mögen in Anbetracht der spektakulär einfachen Dachöffnung das Pantheon imaginieren. In Rom. Die Assoziation für die Protestanten liefert Dirk Bayer selbst. Er denke ja im Nachhinein an die Holzdachkonstruktionen von Betonkirchen, wenn er sich das Gemeinschaftswerk anschaue. Die vielleicht schönste dieser Art, von Le Corbusier erfunden, steht märchenhaft singulär in Ronchamp. Eine ganz eigene Kunstsprache hat derweil auch die Landauerin Madeleine Dietz entwickelt. Nicht umsonst ist sie die derzeit kunstmarktrelevanteste Pfälzer Künstlerin. Im Innern des Pavillons, dort, wo das Licht einfällt und von wo aus es umherwandert, wo man beinahe erleuchtet steht und rausschaut, hat sie einen Altar aus Cortenstahl gestellt, einen monolithischen Schatzkasten mit scharf eingeschnittenen, rechtwinkligen Schaufenstern. Der Blick fällt auf geschichtete Steine im Innern. Madeleine Dietz hat sie auf dem Gartenschaugelände gefunden. Neben dem Altar ist ein Lesepult der auf die aufgeladene Verbindung von Erde und Stahl spezialisierten Künstlerin installiert. Und in einiger Entfernung vom Pavillon, draußen, steht zudem ihr schwarz beschichteter Stahl-Torbogen auf einer Platte. Auch hier sind Sehschlitze eingeschnitten, die geschichteten Steine liegen frei. Eine Schwelle stellt der Torbogen von Madeleine Dietz dar. Wer will, kann hindurchtreten. Eine Lichtung wartet. Architektur.

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