Kaiserslautern Die Kraft der Sprache und der Erinnerung

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188.000 Seen, drei Sprachen – Finnisch, Schwedisch, Samisch – und eine große Liebe zum Lesen: Finnland präsentiert sich in Frankfurt mit dem wohl größten Programm eines Buchmesse-Gastlandes. Über 60 Autoren sind angereist zu rund 150 Lesungen.

Die Liebe zum Buch wird in Finnland früh geweckt. 70 Prozent der Eltern lesen ihren Kindern vor. Und dann geht’s in die Bibliothek, schließlich hat jeder Ort eine: So besucht jeder Einwohner Helsinkis im Schnitt elfmal im Jahr eine Bücherei. Auf Deutsch sind zur Buchmesse über 130 finnische Romane neu übersetzt worden, 37 der 5836 finnischen Verlage sind gerade in Frankfurt. „Finnland. Cool“ heißt das Motto des Gastauftritts, das sich auch die drei Raumdesignstudenten zu Herzen genommen haben, die den sehr weißen und klaren finnischen Pavillon gestalteten. Sechs offene Zylinder – sie stehen für die Inselwelt – und weiße Böden suggerieren eine Winterlandschaft: Stille, Ruhe, Reinheit. Eisblumen ziehen über die Videowände der Zylinder. Was dann doch leicht unterkühlt wirkt. Doch der Winter prägt das finnische Leben, erklärt Autor Philip Teir. Von November bis Februar fühle man sich „wie in einem endlosen Tunnel und glaubt, man kommt da nie wieder raus.“ Vielleicht setzt das Design daher auch auf so viel Licht – und heimelige Inhalte. Einen wildbunten Kinder- und Illustrationskubus gibt es, 900 Bücher zum Blättern, Naturbilder, Schaukelstühle. Und gleich zwei Zylinder widmen sich der Kunst und der Dichtung: Beim Künstlerkollektiv „Brains on Art“ entsteht aus den Hirnströmen der Besucher ein individuelles Gedicht. Im Selbstversuch kam etwas Wirres über einen Kaiser und viele Jäger heraus... Sinnlicher und altmodischer geht es beim Künstlerduo IC-98 zu, das Finnland 2015 auch bei der Biennale von Venedig vertritt. Hier entsteht eine ganz einmalige Anthologie – durch Abpausen. Acht Dichter haben rund um einige Reizwörter Gedichte geschrieben, die IC-98 als vertiefte Lettern auf Reliefkacheln gegossen hat. Papier und Bleistift zum Schraffieren liegen bereit. Jeder Leser kann sich so wie einst die alten Mönche ganz urtümliche Kopien anfertigen, die auch Unikate sind: Ein schön bodenständiger Kommentar auch darauf, „was die digitale Kultur aus einem Buch macht“, sagt Patrik Söderlund von IC-98, der auch selbst die Bleistifte spitzt. „Wir wollten zurück zu den Wurzeln des Lesens und Kopierens.“ Die Gedichte selbst sind oft ökopolitisch und gesellschaftskritisch im Ton. „Das sind Themen, die in der finnischen Dichtung bisher gefehlt haben“, sagt der federführende Poet Mikael Brygger. Politisch engagiert geht es schon länger in den finnischen Romanen zu, die auf den etwas zu kleinen Pavillon-Bühnen präsentiert werden. Viele der neu übersetzten Bücher beschäftigen sich – oft emotional und autobiografisch grundiert – mit dem finnischen Selbstverständnis, mit Geschlechterrollen und stellen sich lange ausgeblendeten Fragen. Etwa nach der Rolle Finnlands in den Kriegszeiten der 1940er Jahre, als das Land mal auf deutscher, mal auf sowjetischer Seite kämpfte. „Die Kriege haben uns sehr geprägt“, sagt Philip Teir. Sein Roman „Winterkrieg“ erzählt allerdings von einem „Ehekrieg“ in der privilegierten finnlandschwedischen Mittelklasse von heute: Die Auseinandersetzung mit dem Einfluss des Schwedischen ist ebenfalls ein roter Faden der finnischen Literatur. Finnland gehörte bis 1809 zu Schweden, auch danach, als Finnland Teil des Russischen Reichs war, dominierte Schwedisch in Politik und Kultur. Finnisch galt lange „als für literarische Zwecke zu derb“, sagt Finnlands Literaturstar Sofi Oksanen. Heute gibt es knapp 300.000 Finnlandschweden, die in den Augen mancher Finnen nach wie vor den Ton angeben. Und so fühlen sich Teirs Figuren in ihrer materiellen Sorglosigkeit selbst ein wenig schuldig. Tiefer als sein Buch aber gehen die neuen Romane von Oksanen und Katja Kettu, die 1944 spielen. Die aus Lappland stammende Katja Kettu erzählt, sprachlich schwelgerisch, von einer finnischen Hebamme, die einem SS-Mann verfällt. „Ich wollte eine wahnsinnige Liebe beschreiben“, sagt Kettu. „Mich interessiert das Verhalten von Menschen in Extremsituationen. Im Krieg sind alle Werte auf den Kopf gestellt.“ Die Verheerungen des Kriegs sind auch Sofi Oksanens zentrales Thema, die mit „Fegefeuer“ bereits die Grausamkeiten der Stalinzeit aufgearbeitet hat – aus der Sicht zweier gequälter Frauen. Mit „Als die Tauben verschwanden“ blendet die Tochter einer Estin und eines Finnen nochmals zurück auf das Leiden auch ihres Mutterlands unter deutscher und sowjetischer Besatzung. In ihrer Kindheit wurde darüber geschwiegen, nur in der Musik und der Literatur konnte man sich diesen „Schmerzpunkten der finnischen Geschichte“ nähern, sagt sie. Die 37-Jährige sieht sich in der Tradition der starken finnischen Autorinnen, die seit dem 19. Jahrhundert über Frauen, ihre Identität und das Recht am eigenen Körper schrieben, betonte sie zur Buchmesse-Eröffnung. In ihrer engagierten Rede feierte Oksanen die Kraft der Literatur als Erinnerung für künftige Generationen und verwies auf die Lage der kleinen finno-ugrischen Völker in Russland. Diese würden unterdrückt, dürften ihre Sprachen nicht mehr sprechen. „Nur das freie Wort kann fliegen“, sagte sie Richtung Russland, dem sie eine „Verhärtung der Haltungen“ vorwarf. Versöhnlicher als Oksanen blickt Rosa Liksom auf die finnisch-russischen Beziehungen. „Ich möchte zum Verständnis der Kulturen beitragen“, sagt die 56-jährige, die in ihrem in der Sowjetunion der 1980er spielenden Roman „Abteil 6“ von der Annäherung einer jungen Finnin und eines sowjetischen Bauarbeiters erzählt. Zudem zeigt Liksom, die auch bildende Künstlerin ist, im Frankfurter Haus am Dom ihre etwas naiv-unpolitisch angelegte Foto- und Videoserie „Burka“, die blau verschleierte Frauen in malerischer finnischer Landschaft inszeniert, auch auf literarischen Spuren: Die Frauen tanzen auf dem „Aleksis-Kivi-Felsen“, dem Lieblingsort des ersten finnischsprachigen Romanautors, der 1870 in „Sieben Brüder“ über den praktischen Nutzen und die Schönheit des Lesens schrieb. Sein Buch hat Schule gemacht.

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