Kaiserslautern
Die Giganten des Jazz-Rock: Colosseum sind wieder da
Die Sechs legten mit „First In Line“, „Story In The Blues“ und „Need Somebody“ auch gleich los wie die Feuerwehr. Fusion auf höchstem Energielevel. Hier brannte stetig die Luft bei den dichten und interaktiven Gesprächen zwischen dem kanadischen Saxophonisten Kim Nishikawara, Clem Clempson an der heißen Gitarre und Nick Steed an den Keyboards,. Und Chris Farlowe, der Hauptsänger, knödelte sich ohne Alterserscheinung in der Stimme durch die Songs. Wenn auch der 82-Jährige mit den staksigen Beinen und dem runden Rücken öfters ein Päuschen einlegen musste, weil ihm der Schweiß literweise von der Stirn rann, verstand er es immer noch mit Stimmvolumen und großem Stimmenumfang zu begeistern.
„Valentyne Suite“ als absoluter Höhepunkt
Absoluter Höhepunkt war die fast 20 Minuten lange „Valentyne Suite“ vor der Pause, ein Klassiker der Rockgeschichte, auf den viele Fans schon sehnsüchtig gewartet hatten. Wieder zeigte sich, dass diese legendäre, dreisätzige Sonate der progressiven Rockmusik aus dem Jahr 1969 immer noch unschlagbar ist. Da sprudelte es nur so aus dem Sextett heraus, gab der eine das Tempo an, dem der andere zu einer noch riskanteren Schlagseite verhelfen konnte. Und nach so viel spielerischer Vorwitzigkeit zogen sie sich in die Ballade zurück, die sie nach allen Seiten auszudehnen verstanden.
Mit verführerisch dichtem und ausatmendem Ton setzte Nishikawara wie ein überdrehter Speedy Gonzales am Tenor- und Sopransaxophon seine Akzente und Linien, wenn er sein Instrument bis in die hohen Lagen mit typisch klagenden Kieksern hochjagte. Sein dynamisches Differenzierungsvermögen ließ dabei jede Phrase zu einem Statement werden, jede Linie zu einer persönlichen Mitteilung. Mit Subtilität für den ermöglichten Farbenreichtum öffnete der wie ein junger Gott spielende Clem Clempson an der Gitarre regelrechte Klangfenster und damit den Sinn für neue Perspektiven.
Das Beste an dem mitreißenden Charme der Sechs war, dass es pochte. Zumal sie das Stück immer wieder mit ausgedehnten solistischen Elementen anreicherten. Da röhrte Nick Steeds Hammond, dass es eine wahre Lust war. Und oft mogelte er eine Prise Verzerrer ein, während der Fußbass brummte und walkte. Seine Finger flogen nur so über die Tasten, verwirrend wie die Choreographie eines Ameisenhaufens, aber gestochen scharf und luzide: dem Groove kleine Stöckchen zwischen die Beine werfend, aber wie die Hölle swingend.
Als Großmeister des High-Energy-Drummings bewies sich hierbei Malcolm Mortimore. Mit typischen, kraftstrotzenden und deftig groovenden Licks zeigte er, wohin die Reise geht. So war es manchmal kaum zu begreifen, welche Teile seines Schlagzeugs er rasant und mit präziser Beiläufigkeit in das Spiel einbaute und dabei dennoch den verwirrendsten Rhythmen Grund und Boden verlieh. Als ob er drei Hände hätte. Vor allem im Zusammenspiel mit den trocken grummelnden Linien des Bassisten Mark Clark entwickelte Mortimore mit virtuosen Einwürfen und vorwärtsdrängenden Beats intensive Spannung. So betrieben die Sechs eine höchst intensive Nachlassverwaltung und versahen die Vorlage mit vertrackten Breaks und musikalischen Extravaganzen.
Auch nach der Pause geht es großartig weiter
Auch im zweiten Set erlebten die begeisterten Zuhörer bei Stücken wie „Stormy Monday“ oder „Lost Angeles“ eine Abenteuerreise durch klaffende Schluchten, farbige Hänge und strudelnde Wasser musikalischer Emotionen. Die Besucher hielt es nicht mehr auf den Plätzen und forderten mit lauten Ovationen eine Zugabe heraus.