Kaiserslautern
Die Experten der Atlantischen Akademie sind rund um die Präsidentschaftswahl in den USA gefragt
Lange Tage mit relativ kurzen Nächten liegen hinter der gelernten Politikwissenschaftlerin. Sarah Wagner berichtet im Gespräch mit der RHEINPFALZ, dass sie in der Nacht auf Mittwoch, der eigentlichen Wahlnacht, gar nicht geschlafen habe. „Wir hatten für sechs Uhr morgens bereits die ersten Interviewanfragen, da hat sich das gar nicht mehr gelohnt.“
Virtuelle Wahlparty bis tief in die Nacht
Davor war sie bis tief in die Nacht mit ihren Kollegen bei der (virtuellen) Wahlparty der Atlantischen Akademie im Dienst. Rund 300 Teilnehmer nutzten das Angebot, informierten sich mit Experteninterviews und allerlei Daten und Fakten rund um die US-Wahl, berichtet Wagner. Gesteuert wurde das ganze von Zuhause, aus dem Homeoffice. Der Chef der Akademie, David Sirakov, habe früh die Weichen für einen digitalen Wahlabend gestellt. „Das hat sehr gut geklappt.“
Nun heißt es, auch für die Experten, warten. Warten, bis die einzelnen Bundesstaaten alle Stimmzettel ausgezählt haben und feststeht, ob der republikanische Amtsinhaber Donald Trump die Oberhand behält, oder ob der Herausforderer der Demokraten, Joe Biden, im Januar ins Weiße Haus einziehen wird. Aufs Warten hatte sich Wagner eingestellt. Eine hohe Wahlbeteiligung, viele Briefwähler, nicht zuletzt die im Land wütende Corona-Pandemie und komplizierte Wahlgesetze: All das trage nicht zu einem schnellen Ergebnis bei, erklärt Wagner.
Zudem habe Trump, anders als viele Prognosen vorhersagten, seinen Stimmenanteil im Vergleich zur Wahl 2016 vergrößern können. „Da herrscht schon so etwas wie ein Personenkult um Trump“, sagt Wagner. Zudem, so die Einschätzung der Politikwissenschaftlerin, trauten wohl viele Wähler es Trump zu, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Das Thema Corona-Pandemie, das wohl viele Wähler der Demokraten beschäftigte, spiele bei den Trump-Anhängern eine eher untergeordnete Rolle. „Viele betrachten die Krise als überstanden.“
„Gutes Zeichen“: hohe Wahlbeteiligung
Die überaus hohe Wahlbeteiligung in den USA – die Quote liegt bei knapp 67 Prozent – wertet Wagner als „gutes Zeichen für die Demokratie“. In vielen Staaten sei „ein enormer Aufwand“ betrieben worden, um trotz Pandemie ein sicheres Abgeben der Stimmen zu ermöglichen. Viele Bundesstaaten hätten sich in Sachen Briefwahl bewegen müssen.
Außer über das Amt des Präsidenten entschieden die Wähler auch über die Besetzung der beiden Kammern des Kongress, der Legislative der USA. Die beiden Kammern heißen Senat und Repräsentantenhaus.
Dass sich Trump kurz nach der Wahl quasi zum Sieger erklärte und verlangte, laufende Auszählungen zu stoppen, bezeichnet Wagner als „beispiellose Normverletzung“. Trump habe so versucht, den noch nicht mal komplett ausgezählte Wahlen die Legitimation zu entziehen. Er habe ganz bewusst demokratische Normen missachtet. „Das war keine Glanzleistung.“
Ein belastbares Ergebnis der Präsidentschaftswahl erwartet Wagner für Freitag. Der scheinbare Schlusspunkt könnte aber auch der Auftakt sein für ein Nachspiel – vor den Gerichten. „Womöglich geht dann das juristische Gezerre los.“
Ob Trump und sein Team das Ergebnis anfechten werden, hängt aus Sicht Wagners auch davon ab, wie sich andere Kräfte positionieren, allen voran Trumps Partei, die Republikaner, aber auch der konservative Nachrichtensender Fox News.