Kaiserslautern Die Bühne bebt

Es sollte ein Riesenzauberspektakel sein, dieser „Werther“ auf den Spuren von Goethe. Da stellt sich tatsächlich die Frage, ob Simon Solberg, der seine Regie-Karriere am Mannheimer Nationaltheater startete, allmählich zum Goethe-Versteher des Stuttgarter Staatsschauspiels wird.
Vor etwas mehr als einem Jahr widmete Solberg sich in Stuttgart schon einmal einem Frühwerk Goethes und inszenierte den „Urgötz“. Jetzt folgte mit „Die Leiden des jungen Werther“ eine Adaption des Briefromans aus der Sturm-und-Drang-Zeit eines Dichters, der zu der Zeit der Niederschrift noch nicht wissen konnte, dass er der Klassiker der Deutschen werden sollte. Mit dem Werther hat Goethe ein Selbstbildnis des jungen Dichters hinterlassen, dessen literarisches Vermögen sich noch nicht in einer angemessenen gesellschaftlichen Stellung widerspiegelt. Er ist der Herzensfreund einer gewissen Lotte, die wiederum die Verlobte und spätere Ehefrau von Albert ist. Dummerweise ist der junge Dränger das schwächste Glied der Dreierbeziehung. Dass Albert, der Macher und Geschäftsmann, immer am längeren Hebel sitzen wird, scheint klar zu sein, obwohl Lotte die aufschäumende lyrische Emotionalität des Hausfreundes mehr genießt als die sichere Ruhe in der Gesellschaft des Gatten. Es kommt, wie es kommen muss. Werther leiht sich, ausgerechnet von Albert, eine Pistole. Ein Schuss, ein Schrei: Das Europa des ausgehenden 18. Jahrhunderts hatte einen Bestseller und alle suizidalen Jünglinge ein Modell für stilgerechte Selbstentleibung. Simon Solberg nun ist einer, der die Untiefen romantischer Liebe ausloten kann. Und genau das macht er dann auch in der ersten halben Stunde seiner Stuttgarter Werther-Adaption ganz grandios. Wir sind in einer neudeutschen Amtsstube und mitten in einer Probe des Briefromans. Eine ungelenke Laiengruppe, vielleicht aus einem Finanzamt, streitet sich noch, wer was spielen darf. Allmählich aber wird aus der Werther-Probe ein überbordender Comic-Slapstick, der in Ole Lagerpusch einen exorbitanten Jung-Werther hat. Lagerpusch tanzt diese fiebernde Erwartung auf der Abschussrampe ins Nirwana der Liebeshormone mehr, als dass er das Chaos der Gefühle darstellen würde. Sein Körper gleicht einer Gummimasse, die es in alle Richtungen zieht. Man könnte noch Stunden zusehen, käme nicht Albert von einer Geschäftsreise zurück und würde die traute Verliebtheit Werthers und Lottens stören. Ab diesem Moment zieht es den jungen Drangstürmer in die Natur. Solberg übersetzt die Natursehnsucht des unglücklich Liebenden in eine große Weltreise zu animistisch-afrikanischen Kulturen. Und plötzlich fährt er, ganz im Gegensatz zum inszenatorisch stimmigen Anfang, alles auf, was die Stuttgarter Theatertechnik an Licht, Sound und Effekt zu bieten hat. Das Ergebnis ist ein zerfasernder Best Off-Werther. Die Bühne bebt, der Schauspieler tönt, die Zuschauer warten auf bessere Zeiten. Das tobt so vor sich hin, schauspielerisch dicht wird es nur, wenn Ole Lagerpusch und die ganz in der Selbstgewissheit ihrer Schönheit ruhende Lotte der Julischka Eichel sich doch wieder in sinnlicher Innigkeit treffen. Plötzlich platzt aber einmal mehr Albert (Gunnar Teuber) in die Idylle und wird zum Kanonenfutter von Simon Solbergs szenischer Assoziationslust. Das fühlt sich wild an, ist aber nur die Muskelspielerei eines Regisseurs. So können unglückliche Liebesaffären auch enden.