Blickpunkt
Diagnose unheilbarer Krebs: Wie ein Kampfsportler weiterkämpft und Mut macht
Anthony Adams ist ein Kämpfer, der gelernt hat, sich durchzubeißen. Seine Kindheit war nicht einfach, doch er fand seinen Weg, über den Kampfsport, mit Hilfe der Werte, die ihm dort vermittelt wurden. Er arbeitete schließlich als Trainer, gab das, was er gelernt hatte, an seine Schüler weiter. „Ein Mensch mit einem riesengroßen Herzen, der immer für andere da war“, charakterisiert Kim Herzog, Leiter von Kampfkunst Herz, einen seiner ersten Schüler. Dass ihn ein so hartes Schicksal getroffen hat, erschütterte Herzog - und er versucht ihm jetzt zu helfen.
Er kennt „Tony“, wie ihn alle nennen, schon lange, hat miterlebt, wie sein Schüler damals seinen Weg suchte. Anthony Adams wuchs in Ramstein auf, mit seiner Schwester und seiner alleinerziehenden Mutter. Seine Schwester zog aus, als er etwa sechs Jahre alt war. „Ich erinnere mich gern an diese Zeit. Es war eine unbeschwerte Kindheit. Alle Kinder aus der Straße waren befreundet, wir waren jeden Tag draußen, haben gespielt, gelacht, gestritten und uns wieder vertragen. Wenn abends die ersten Laternen angingen, wussten wir: Jetzt geht’s nach Hause“, schwärmt er von jener Zeit, in der er sich trotz aller Entbehrungen wohlfühlte. „Meine Mama war und ist eine unglaublich herzliche, offene Frau. Sie hatte selbst nicht viel, aber sie hat alles dafür gegeben, dass es mir gut geht. Sie hat mir früh beigebracht, dass man auch mit wenig viel erreichen kann, wenn man Liebe und Willen in etwas steckt. Mit sechs Jahren meldete sie mich gleich bei zwei Sportarten an – Fußball beim FV Olympia Ramstein und Taekwon-Do bei Kim Herzog“, erzählt er.
Werte fürs Leben
„Der Kampfsport hat mich als Kind sehr geprägt. Ich habe dort nicht nur Tritte und Schläge gelernt, sondern Werte fürs Leben: Disziplin, Respekt, Durchhaltevermögen, Fokus. Das war für mich ein wichtiger Ausgleich. Beim Training fühlte ich mich frei, konzentriert und stark – das war mein Ort.“
Zumindest bis zu seinem 13. Lebensjahr. „In der Jugend kam dann diese typische Phase, wo man andere Dinge im Kopf hat. Ich verlor das Interesse am Sport und ging meinen Weg – Schule, Arbeit, Alltag. Einige Jahre später, mit Anfang 20, stand ich dann eines Abends in einem Pizza-Restaurant, in dem ich nebenbei arbeitete, und da saß plötzlich mein alter Trainer, Kim Herzog, mit seiner Familie. Ich bediente ihn so gut ich konnte.“ Wenige Tage später bekam er von ihm eine Nachricht auf Facebook: Ob er sich vorstellen könnte, eine Ausbildung bei ihm zu machen.
Plötzlich ein Vorbild
Adams war überrascht. Aber irgendwie schien sein früherer Trainer genau zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht zu sein. Sein ehemaliger Schüler war gerade auf der Suche nach etwas Neuem. Er machte ein zweiwöchiges Praktikum – und war sofort wieder in seinem Element. „Es fühlte sich an, als wäre ich nie wirklich weg gewesen. Die Beweglichkeit musste ich mir zurückerarbeiten, aber das Herzblut war sofort wieder da. Ich durfte Kinder und Erwachsene trainieren und habe dabei gemerkt, wie sehr mir das liegt. Ich wusste ja selbst, wie es sich anfühlt, wenn jemand an dich glaubt und dir etwas beibringt. Als Kind war mein Trainer für mich ein Vorbild – und nun durfte ich diese Rolle selbst für andere übernehmen“, schwärmt er.
Er ließ sich ausbilden und war schließlich für den Standort in Sulzbach an der Saar verantwortlich. Dann kam Corona – mit Kurzarbeit, Schließungen und all den Unsicherheiten. Adams: „Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich wollte etwas finden, das ich auch unabhängig von äußeren Umständen machen kann.“ Er schlug den Weg Richtung IT ein.
Der Ramsteiner schrieb eine Initiativbewerbung an die Volksbank Kaiserslautern. „Dass sich dann ausgerechnet die IT-Abteilung meldete, war ein schöner Zufall – oder vielleicht Schicksal. In meiner Bewerbung hatte ich nämlich mein Interesse an der IT erwähnt, und zufällig suchten sie genau zu dieser Zeit jemanden für eine Ausbildung.“ Eigentlich hatte er auf einen Quereinstieg gehofft. Doch für den fehlten ihm die praktischen Qualifikationen. Also entschied er sich für erneut drei Jahre Ausbildung statt einer weiteren planlosen Suche nach einem sicheren Beruf.
Dann kam Tag X
Kurz vor seiner Abschlussprüfung schlug jedoch das Schicksal zu. Anthony Adams wurde krank – und das hat alles verändert.
Die Wende kam plötzlich und unerwartet. „Ich hatte mir im April 2025 zwei Wochen Urlaub genommen, um mich auf meine Abschlussprüfung vorzubereiten. Ich wollte in dieser Zeit richtig durchstarten, die Theorie wiederholen und meine Hausarbeit fertigstellen – die war der praktische Teil der Prüfung. Es lief alles ganz normal, ich ging regelmäßig ins Fitnessstudio, aß wie immer und fühlte mich fit. Doch dann kam dieser eine Tag – Tag X.“ Es war irgendwann Ende April, als Anthony Adams merkte, dass etwas nicht stimmte. „Von einem Tag auf den anderen konnte ich kaum noch essen. Nach zwei, drei Gabeln war ich satt. Nachts wachte ich auf und konnte nicht mehr einschlafen, weil mein Kopf nicht zur Ruhe kam. Mein Urin wurde dunkel, hatte einen stechenden Geruch. Ich bekam Hitze- und Kälteattacken, Fieberschübe und hatte Druckschmerzen im Bauch, als würde etwas gegen meine Rippen drücken. Ich dachte erst, das sei eine normale Grippe oder eine Magenverstimmung. Also versuchte ich, das Ganze irgendwie auszuhalten. Fast zwei Wochen lang.“ In dieser Zeit fand seine theoretische Prüfung statt. „Ich war völlig durch, hatte Fieber und starke Schweißausbrüche. So sehr, dass sich das Papier meiner Prüfungsunterlagen gewellt hat. Trotzdem wollte ich sie unbedingt schreiben.“
Der Ramsteiner kämpfte und hoffte weiter. „Irgendwann merkte ich aber: Das ist keine normale Erkrankung. Also ging ich endlich zu meinem Hausarzt. Der sah sofort, dass etwas nicht stimmt, und riet mir, umgehend ins Krankenhaus zu fahren. Ich rief meine Mutter und meine Schwester an, und meine Partnerin brachte mich nach Landstuhl ins Krankenhaus. Als ich dort ankam, wartete meine Schwester schon auf uns. Wir gingen gemeinsam zur Aufnahme und man sah mir an, dass es mir richtig schlecht ging. Meine Haut war inzwischen gelblich verfärbt, mein Gesicht eingefallen, ich hatte hohes Fieber und kaum noch Kraft. Das war der Moment, an dem sich mein Leben schlagartig verändert hat – von einem Tag auf den anderen.“
Ab der Notaufnahme ging alles schnell. Blut- und Urinproben wurden genommen. „Als ich meinen Urin abgegeben hatte, sah ich schon, wie die Schwestern sich besorgt ansahen und leise miteinander sprachen. Sie holten direkt einen Arzt dazu“, erinnert sich Adams an die bitteren Stunden. Die Maschinerie begann zu laufen. Der 31-Jährige wurde auf ein Zimmer gebracht, zum CT geschickt. Am nächsten Tag folgte eine Magenspiegelung, danach eine Darmspiegelung, und schließlich wurde eine Gewebeprobe entnommen. Nach weiteren Röntgenbildern war klar: Anthony Adams hat einen großen Tumor auf der Leber.
Der Ramsteiner wurde nach Kaiserslautern verlegt und herzlich empfangen. „Ich kam auf die Privatstation, obwohl ich Kassenpatient bin, einfach, weil sie schnell helfen wollten“, freut er sich. Dr. Christian Mönch nahm sich seiner an und organisierte innerhalb einer Woche einen Operationstermin. Am 30. Mai wurde er operiert. Fast fünf Stunden dauerte der Eingriff, der deutlich umfangreicher war als ursprünglich geplant. „Die besten Chirurgen standen an meinem OP-Tisch“, sagt er heute über den Eingriff, der erstmal Erleichterung zu bringen schien. Bei der Operation wurde fast die komplette Leber entfernt, die Gallenblase, Lymphknoten und umliegendes Gewebe. Die Ärzte verkündeten ihm, dass er aus chirurgischer Sicht krebsfrei sei. Doch etwa zwei Wochen nach der Entlassung kamen plötzlich die Symptome zurück: Appetitlosigkeit, Schmerzen und schließlich auch Fieber. Adams war klar, er musste zurück ins Krankenhaus. Die Wahrheit war bitter: Der Krebs hatte gestreut, der gesamte Bauchraum war betroffen. Inzwischen weiß der Kampfsportler, dass er ein Gallengangskarzinom hat, eine seltene, aber in diesem Stadium unheilbare Krankheit.
Es begann eine kombinierte Chemo- und Immuntherapie. Und seitdem kämpft Anthony Adams. Und seine Freunde und Angehörigen kämpfen mit ihm. Seine Schwester Moria hat einen Aufruf auf der Spendenplattform „Gofundme“ gestartet. Unter dem Motto „Spende meinem Bruder Zeit“ bittet sie um Hilfe. Ihr Bruder kämpfe trotz der erschütternden Diagnose Tag für Tag mit unglaublichem Mut und versuche, die kleinen Momente des Glücks festzuhalten. Doch neben der Krankheit belasteten ihn große finanzielle Sorgen. „Da er noch in der Ausbildung war, bekommt er nur einen Bruchteil seines Einkommens, während Miete, Lebensunterhalt und Behandlungskosten weiter steigen. Tony war immer für andere da und hätte selbst nie um Hilfe gebeten. Doch jetzt braucht er uns. Jede Spende, ob klein oder groß, nimmt ihm Sorgen, gibt ihm Kraft und schenkt uns wertvolle gemeinsame Zeit“, erläutert sie.
„Ich wollte nie Mitleid“
Ihr Bruder hatte sich anfangs gegen die Aktion gewehrt. „Ich wollte nie Mitleid, und Geld stand für mich nie im Vordergrund. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass es hier um mehr geht, darum, anderen Mut zu machen. Krebs ist eine brutale Diagnose. Manchmal geht es gut aus, manchmal leider nicht. Ich wollte zeigen, man darf nicht aufgeben, auch wenn der Weg steinig oder, wie in meinem Fall, teilweise aussichtslos ist.“ Der 31-Jährige entschied sich dazu, seine Achterbahnfahrt, wie er es nennt, offen zu teilen. Er postet auf Instagram (@adamsanthony), und seine Beiträge werden zum Teil über 90.000 Mal aufgerufen.
Auch die Resonanz auf der Spendenplattform ist überwältigend. Mehr als 25.000 Euro sind bereit eingegangen. Mehr als 470 Einzelspenden vom einstelligen Eurobetrag bis zu 1000 Euro wurden gesammelt. Auch dank eines Aufrufs, mit dem sich Kampfkunstlehrer Kim Herzog an die Kampfsportfamilie wandte.
„Der Kampfsport und das, was ich dort gelernt habe, ist bis heute ein Teil von mir. Diese Werte begleiten mich immer noch jeden Tag“, sagt „Tony“ Adams, der weiterkämpft, darauf hofft, dass er so Zeit gewinnt, in der die Forschung weitergeht und ihm vielleicht helfen kann.
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