Kaiserslautern Der Unsterbliche

Es gibt immer noch viele Fans, die glauben, dass Elvis Presley seinen ziemlich miserablen Tod 1977 nur vorgetäuscht hat. Sie malen sich aus, dass er sich in ein neues anonymes Leben flüchtete. Wenn dem so ist, dann sollte er sich heute zu seinem 80. Geburtstag in London einen heimlichen Besuch der größten Presley-Ausstellung gönnen, die jemals in Europa zusammen kam. Später könnte der Sänger mit Südpfälzer Wurzeln dann zum Tourneespektakel „Elvis – The Musical“ weiterpilgern, das im März auch in Mannheim Station macht.
Die Reliquienkammer in der Londoner „O2 Arena“ umfasst über 300 Exponate, die für neun Monate aus „Graceland“ in Tennessee ausgeliehen wurden. Sie werden dort wahrscheinlich nicht allzu sehr vermisst, denn die Sammlung in der ehemaligen Residenz des „King“ umfasst nach Schätzung der US-amerikanischen Kuratorin Archie Marchese „gut und gerne an die zwei Millionen Objekte“. Eröffnet wurde die Londoner Show von Elvis’ Ex-Frau Priscilla. Sie brauchte dafür nur von Manchester anreisen, wo sie an der Oper die Rolle der bösen Königin in der Weihnachtsrevue „Schneewittchen“ spielte, was wiederum manche Elvis-Fans als ideale Besetzung empfanden. „Elvis bedeutete so viel für mich und unsere Tochter Lisa. Aber die Familie weiß sehr wohl, dass wir ihn mit der Welt teilen müssen“, flötete Priscilla Presley bei der Eröffnung. Sie ist die Mitbegründerin der Unternehmensgruppe „Elvis Presley Enterprises“, die „Graceland“ zu einer der populärsten Touristenattraktionen in den USA machte. Die Elvis-Devotionalien in London geben eigentlich den Eindruck, dass der größte Rock’n’Roller das bislang unübertroffene Spitzenprodukt einer gigantischen Musikindustrie war. Rund eine Milliarde Tonträger soll er verkauft haben. Ein Kreidekasten erinnert in der Schau an Elvis’ Grundschulzeit in seinem Geburtsort Tupelo, wo er als „Muttersöhnchen“ gehänselt wurde. Seine Eltern waren „White Trash“ (Weißer Müll), wie die sozialschwache Klasse in den USA genannt wird. Doch sie standen auf der Gesellschaftsleiter immerhin eine Stufe höher als die damals noch als „Neger“ bezeichnete schwarze Bevölkerung. Und der durchschnittlich begabte Schüler Elvis fiel seinen Lehrern durch einige schüchterne Gesangsdarbietungen bei Schulveranstaltungen auf. Sie ermunterten ihn, an lokalen Wettbewerben teilzunehmen, wo der Zehnjährige bei seinem ersten öffentlichen Auftritt mit einer Cowboy-Schnulze einen Achtungserfolg hatte. Musikalisch überbrückte Elvis für sich die scharfe Rassentrennung in Mississippi. Er fuhr auf weißen Hillbilly, Bluegrass und Country & Western ebenso ab wie auf schwarzen Delta Blues, Gospel und R&B. Presley war genau der Mann, nach dem Sam Phillips, der Boss von „Sun Records“, so lang gesucht hatte: „Wenn ich einen Weißen finde, der den gleichen Sound und das gleich musikalische Gefühl wie ein Neger hat, könnte ich Millionen scheffeln“, wird er zitiert. 1954 geschah dieses Mirakel, als Elvis im Sun Studio die alte Bluesnummer „That’s All Right“ aufnahm. Das könnte auch als Motto für den steilen Höhenflug gelten, mit dem er zur internationalen Pop-Ikone aufstieg. Ein Symbol dafür zeigt die Ausstellung mit dem berühmten Goldglitzeranzug, mit dem er 1959 auf dem Cover der Platte mit seinen größten Hits prunkte. Sie trägt den Titel „50,000,000 Elvis-Fans können sich nicht irren.“ Oder vielleicht doch? Einige Ausstellungsstücke zerstören wohl ungewollt den Mythos des „King“ als Vorreiter der jugendlichen Kulturrevolution. Seine explosive Bühnenshow und der laszive Hüftschwung brachten ihm den Nimbus eines jugendlichen Rebellen ein. Doch im Grunde war er ein konservativer „All American Boy“, der den Amerikanischen Traum vom „Tellerwäscher zum Millionär“ lebte. Er liebte seine Mutter und seine Cadillacs, fürchtete Gott und tat seine patriotische Pflicht. „Sergeant Presleys Dienstauffassung war stets mustergültig“, heißt es in der Entlassungsurkunde nach 17-monatiger Stationierung in Deutschland. Noch kurioser ist der ausgestellte Brief an Präsident Nixon, in dem Elvis sich dem FBI als Agent zur Drogenbekämpfung anbot. Er wurde akzeptiert, was den Leugnern seines Todes heute noch als Hauptindiz gilt. Das FBI hätte seinen Tod vorgetäuscht und Elvis zu einer neuen Identität verholfen, um ihn vor der Rache der Mafia zu schützen. Auf dem Billard-Tisch, der nun in der Ausstellung steht, hatten Elvis und die Beatles während ihrer US-Tournee einige Kugeln geschoben. Es ist ein melancholisches Zeugnis für den sinkenden Stern des Sängers. Statt auf den von seinem Manager Tom Parker gelenkten Karaoke-Sänger, der nie einen selbstverfassten Song interpretierte, stürzte sich die Generation der 1960er Jahre bereits auf Gruppen und Sänger, die mit eigenen Texten und Kompositionen dem neuen Zeitgefühl entsprachen. Elvis war zudem so fett und schmalzig geworden wie seine Schmachtfetzen, die er in unsäglichen Filmen und plüschigen Las-Vegas-Shows sang. Seine Fresssucht und sein ungeheurer Pillenkonsum führten schließlich zum tödlichen Herzanfall am 16. August 1977. Aber der weltweite Rummel um seinen 80. Geburtstag beweist wieder, dass Elvis Presley als einer der wichtigste Kultur-Ikonen unsterblich wurde.