Kaiserslautern gestern und heute
Der Hilgardring ist nach einer Persönlichkeit mit bewegtem Leben benannt
Wer in der abenteuerlichen Biografie von Heinrich Hilgard blättert, entdeckt Abraham Lincoln, den ersten republikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten, den Reichskanzler Otto von Bismarck, die Deutsche Bank und den Aufbau des gesamten amerikanischen Eisenbahnsystems. Zu entdecken ist auch ein sozial und kulturell engagierter Mensch, der Rotkreuz-Spitäler, Gewerbeschulen, Handwerker und Künstler finanziell unterstützte.
Hilgard wurde am 10. April 1835 in Speyer geboren und wuchs mit seiner Familie in Zweibrücken auf. Nach der Reifeprüfung am damaligen „Altsprachlichen Gymnasium“ konnte sich Hilgard nicht für einen Beruf entscheiden. Er soll sich „intensiv“ an die 1848er Revolution – damals war Heinrich 13 Jahre alt – und an den „demokratischen Gedanken der Politik“ erinnert und an eine politische Laufbahn gedacht haben, steht in seinem Lebenslauf.
Studienabbrecher wird bekannter Journalist
Im Jahr 1852 schrieb er sich jedoch im Polytechnikum in München ein, brach das Studium aber bald ab, begann ein Kunststudium, dann ein Jurastudium – beide ohne Abschluss. Nach allen Versuchen und Misserfolgen, einen geeigneten Beruf zu finden, schiffte er am 27. August 1853 auf einem Segelschiff nach New York ein und nannte sich Henry Villard. Von New York reiste er nach Cincinnati, wo er seinen Lebensunterhalt als Arbeiter auf einem Holzlastzug der Indianapolis-Madison-Eisenbahn bestritt.
Weil er trotz des abgebrochenen Jurastudiums einen Bezug zu diesem Metier hatte, bewarb er sich erfolgreich bei einem Rechtsanwalt. Nachdem er mehr mit der englischen Sprache vertraut war, begann er, als Journalist zu arbeiten und wurde ein begeisterter Anhänger der Republikaner. Er verließ Cincinnati und kehrte wieder nach New York zurück. Als Korrespondent der damaligen New Yorker Staatszeitung lernte er den republikanischen Präsidenten Abraham Lincoln kennen. Lincoln schätzte den „genialen Journalisten“, so steht es in seiner Biografie, und stellte ihn als seinen persönlichen Berater ein.
Unternehmer wird zum „Eisenbahnkönig“
Nach der Ermordung Lincolns im Jahr 1865 widmete sich Hilgard wieder dem Journalismus. „Offensichtlich die Erinnerung an seine Arbeit auf dem Holzlastzug der Indianapolis-Madison-Eisenbahn brachte ihn auf die Idee, eine Eisenbahnlinie zu bauen“, steht in seiner Biografie. So arbeitete er in den Jahren 1880 bis 1883 erfolgreich daran, das Netz der Nord-Pazifikbahn mit der Zentralpazifikbahn zu verbinden. Gleis- und Brückenarbeiten soll er persönlich überwacht haben. Weiter gelang es ihm, Leiter des Bahnsystems vom Mississippi bis zum Stillen Ozean zu werden. In den USA wurde er „Eisenbahnkönig“ genannt, ist nachzulesen.
Er kehrte für kurze Zeit nach Deutschland zurück, wurde Mitarbeiter der Deutschen Bank und ging als deren Vertreter im Jahr 1886 wieder in die USA, um weitere Zweigbahnen zu bauen. Als er 1890 wieder nach Deutschland kam, war er Gast bei Bismarck, den er über die politischen Verhältnisse in den USA unterrichtet haben soll. In seinem von ihm persönlich verfassten Lebenslauf schrieb Hilgard, dass Bismarck zu ihm gesagt habe: „Lebte ich in Amerika, würde ich auch Republikaner sein.“
Heinrich Hilgard gab im Jahr 1893 die Leitung aller seiner Eisenbahnunternehmen ab und zog sich in das Privatleben zurück. Er verstarb am 12. November 1900 auf seinem Landgut am Hudson. Ob Heinrich Hilgard Kaiserslautern jemals besucht hat, ist nicht bekannt.