Kaiserslautern Der Fremde im Paradies

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Die einen lieben seine bunten Farben, die andern sehen ihn eher als erotomanen Macho. Die Fondation Beyeler zeigt jetzt Paul Gauguin als Wegbereiter der Moderne, der als Suchender nach einer besseren Welt zum Zeitgenossen wird.

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“, singt der Wanderer in Schuberts „Winterreise“. Vielleicht ist es ja nur der noch winterlich trübe Park draußen, der einen angesichts der farbenprächtigen Südseewelt drinnen bei Gauguin ausgerechnet an Schubert denken lässt. Oder den Kuratoren Raphaël Bouvier und Martin Schwander ist mit ihrer Auswahl von über 50 Gemälden des vor allem durch diese bunte Exotik berühmten Malers gelungen, den Blick hinter dessen scheinbare Paradiese zu lenken: auf eine ruhelose Künstlerpersönlichkeit, auf einen melancholischen Reisenden zwischen den Kulturen und auf einen entwurzelten Menschen auf der Flucht vor den Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft der Metropole Paris. Das Wanderleben des Paul Gauguin beginnt schon ein Jahr nach seiner Geburt 1848. Vor den politischen Umwälzungen in Frankreich flieht die Familie nach Peru, dem Land der Mutter. Der Vater stirbt noch auf der Überfahrt, die Mutter kehrt mit den Kindern 1854 nach Europa zurück. Sohn Paul wird Marineoffizier, geht auf Weltreise, schlägt dann aber eine Laufbahn als Anlageberater ein, spekuliert erfolgreich an der Börse, heiratet, wird Vater von fünf Kindern, beginnt zu malen – und wird schließlich zu einem der ersten „Aussteiger“ der Moderne. Das Unberührte, Ursprüngliche sucht der Zivilisationsmüde 1886 zunächst in der ländlichen Bretagne, wo sich im Dorf Pont-Aven schon seit 1860 eine Künstlerkolonie gebildet hat. „Ich liebe die Bretagne, dort finde ich das Wilde, das Primitive“, schreibt er. Hier findet Gauguin, der sich zuvor im Umkreis der Impressionisten bewegte, zu seinem charakteristischen Malstil, den man Synthetismus nennen wird: antinaturalistische Farben, flächige Formen, Motive, die nicht die Realität abbilden, sondern Träume, Fantasien und biblische wie mythologische Visionen. Mit den Werken aus dieser Zeit setzt die Basler Ausstellung ein, die sich auf jene Jahre konzentriert, in der die Malerei Gauguins wegweisend für die Kunst des 20. Jahrhunderts wurde (bis hin zu den in der Fondation Beyeler noch bis 22. März ebenfalls ausgestellten magischen Bildwelten des Schotten Peter Doig). Picasso wie Matisse verehrten ihn, die Ausdruckskraft seiner Farben beeinflusste Kirchner, Nolde und Pechstein ebenso wie Kandinsky oder Franz Marc. Wer dächte bei Motiv und Bildaufbau des „Weißen Pferds“, das Gauguin 1898 malte, nicht an die blauen Pferde des deutschen Blauen Reiters. Reiter und Pferde als Motive nimmt Gauguin auch mit in die Südsee, wohin er 1891 erstmals reist: „Ich gehe, um Ruhe zu finden und den Einflüssen der Zivilisation zu entkommen.“ Er hat sich getäuscht, die Zivilisation ist schon da, die französische Kolonisation hat das kulturelle und religiöse Leben der Ureinwohner längst an den Rand gedrängt. Gauguin flüchtet in seine Bilderwelten, schafft Skulpturen, die in Basel ihre eigene Beachtung fordern – und kehrt 1893 krank und mittellos nach Paris zurück. 1895 bricht er ein zweites Mal nach Tahiti auf, bevor er 1901 auf die rund 1500 Kilometer östlich gelegene Marquesa-Insel Hiva Ova übersiedelt und dort am 8. Mai 1903 vom Alkohol gezeichnet stirbt. Als Quintessenz seines Schaffens gilt das monumentale Gemälde „Wohin kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?“ (1897/98), das sich wie das zeitgleich entstandene Alpentriptychon von Giovanni Segantini, eines anderen „Wanderers“ in der Kunst, mit den existenziellen Fragen des Menschen und dem Verhältnis von Natur, Kultur und Religion beschäftigt. Eine Antwort findet Gauguin nicht, und sucht doch immer weiter. Fremd blieb er allerdings schon in der Bretagne, so wie der Mann mit Kapuzenmantel und tief ins Gesicht gezogener Schirmmütze vor dem verschlossenen Gartentor auf dem Gemälde „Bonjour Monsieur Gauguin“ aus der Prager Národní-Galerie, einer von zahlreichen Leihgebern aus 13 Ländern von den USA bis Russland. Man müsste ein Weltreise unternehmen, um all die Originale zu sehen, die jetzt in in Basel-Riehen versammelt sind, und bekäme dabei doch nicht jene zu Gesicht, die aus Privatsammlungen kommen und viel weniger bekannt sind als etwa „Araera“ („Vergnügen I“) aus dem Pariser Musée d’Orsay oder die geheimnisvollen „Contes Barbares“ (Barbarische Erzählungen) aus dem Folkwang Museum in Essen. Nach sechs Jahren Vorbereitungszeit präsentiert die Fondation Beyeler jetzt eine Ausstellung, die man ohne Einschränkung als großartiges Kunstereignis bezeichnen kann.

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