Kaiserslautern Der fremde Blick

Es gab eine Zeit, da waren „Playmates“ noch nichts weiter als spielende kleine Mädchen auf der grünen Wiese. Mittlerweile wirkt der Titel unter einem Motiv des Österreichers Heinrich Kühn fast ironisch. Kühns Foto ist jetzt in der Ausstellung „Die Welt um 1914 – Farbfotografie vor dem Großen Krieg “ im Berliner Gropius-Bau zu sehen.
Der Hauptteil der Schau widmet sich, im Unterschied zu vielen anderen aktuellen Ausstellungen zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg, nur am Rande dem Kriegsausbruch und seinen schrecklichen Folgen. Die „Archives de la planète“ des in Bankgeschäften reich gewordenen Elsässers Albert Kahn, die ihren Mittelpunkt bilden, dienten auch nicht der Kriegspropaganda. Die Fotografien sollten vielmehr, zumindest vordergründig, Verständnis wecken für das Fremde, Andere. Kahn hatte Dokumentar-Expeditionen in 48 Länder Europas, Asiens und Afrikas geschickt, die von dort mittels der gerade neu entwickelten Autochrom-Technik über 72.000 farbige Diapositive (und rund 100 Filmstunden) mitbrachten. Freilich entwickelt die Mischung aus philanthropisch gestimmter Ethno-Neugier und postkolonialem Weltumfassungsgestus, mit der die Fotografen des gewaltigen Unternehmens – Stéphane Passet und Auguste Léon sind am häufigsten vertreten – den „fremden Ländern und Menschen“ gegenübertraten, durchaus ihre eigene Brisanz. Da mag noch so viel guter Völkerverständigungs-Wille am Ausgangspunkt stehen: Letztlich ist es dennoch der Blick der materiell und kulturell Privilegierten, der sich in den Aufnahmen offenbart. Die durch die langen Belichtungszeiten erzwungene Statik, das notgedrungene Präsentierteller-Posieren verstärkt diesen quasi-zoologischen Effekt noch, der die Porträtierten vom Balkan, aus der Mongolei oder den maghrebinischen Ländern zwar nie in ihrer Würde verletzt, aber dennoch oft eine leise voyeuristische Komponente mitschwingen lässt. Es sind – zumindest bei der Berliner Auswahl von rund 200 Bildern – eher Studien von Lebenswelten, die als pittoresk empfunden wurden, als sozialkritische Stellungnahmen. Dennoch bleiben die Serien faszinierende Zeugnisse eines quasi enzyklopädischen Willens zum Kennenlernen ferner Ethnien und Lebensweisen. Unter pur ästhetischen Gesichtspunkten freilich wurde man in dieser Frühzeit der Farbfotografie mit reinen Landschafts- oder Architekturfotografieren, wo die Motive schön stille hielten, glücklicher. So werden, ergänzend zum Kahn-Projekt, frühe Landschafts-Bildbände sowie einige Panoramen von Adolf Miethe und seinem russischen Schüler Sergej Prokudin-Gorski präsentiert: orthodoxe Kathedralen unter lichtblauem Himmel beispielsweise, bis heute von zeitlos prächtiger Schönheit. Freilich fegte die bittere Wirklichkeit des Großen Krieges dann auch diese Idyllen vom Plan. Ein Teil des Fotostabes von Kahn begab sich, gleich vielen anderen, an die Front. Und was dort entstand – Ansichten von Schützengräben, abgestürzten Luftschiffen, den Grabkreuzen am Hartmannsweilerkopf – scheint nicht nur im übertragenen, sondern auch im Wortsinne wie mit Schleiern grauer Asche überdeckt: In den vorderen Linien konnte man nur selten auf optimale Lichtverhältnisse warten. Die „Archives de la planète“ wurden danach noch bis 1931 weiter geführt – aber die Zeiten hatten nicht nur das Projekt und seine Idee, sondern auch seinen Erfinder ruiniert. Albert Kahn starb, durch die Weltwirtschaftskrise verarmt, 1940 im faschistisch besetzten Frankreich.