Kaiserslautern Der Fluss der Zeit

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Politische Kunst in bestechender Schönheit; Filmbilder und Fotografien, die das Innehalten und den Blick auch für unscheinbarste Details feiern, und dazu Humor mit einer Prise philosophischer Schärfe: Die Gruppenausstellung „Matters Of Time“ im Frankfurter Kunstverein, die als Vorbote des Buchmesse-Gastlandauftritts acht Künstlerpositionen aus Finnland vereint, lädt zum Nachdenken über Werden und Vergehen und die Verantwortung des Menschen ein.

Eine neoklassizistische Säulenhalle, gebaut um 1830 in Turku am Ufer des Flusses Aurajoki, die als Fischmarkt und Basar diente, später verfiel und kürzlich zum Edelrestaurant umgestylt wurde, steht im Zentrum der animierten Schwarzweiß-Videoarbeit „A View From The Other Side“ des Künstlerduos IC-98, das 2015 Finnland auch bei der Biennale von Venedig vertreten wird. Der betörend detail- und ideenreiche, über 70 Minuten lange Film zeigt sozusagen im Zeitraffer, wie eine imaginierte Bleistiftversion des Baus im Verlauf von 200 Jahren in Schönheit zerfällt: Die Natur erobert sich das Areal zurück. Patrik Söderlund und Visa Suonpää haben Kulturgeschichte studiert, zur Kunst kamen sie als Architekturkritiker. „Die Frage, wem der öffentliche Raum gehört, ist nach wie vor zentral für uns“, sagt Söderlund. Die Säulenhalle symbolisiert für das Duo den Kern der Demokratie: gehörte die Stoa doch zur Agora, dem Treffpunkt für alle. In ihrem ohne Schnitt gefertigten, auf Suonpääs Zeichnungen basierenden Film sind Menschen jedoch abwesend. Nur eine Statue thront im Bildhimmel, mal widmet sie sich auch dem Schlaf der Vernunft: Es ist der Vater der finnischen Geschichtsschreibung, Henrik Gabriel Porthan, der im Park rund um die Halle 1864 auf den Sockel gehoben wurde – die erste finnische Statue überhaupt. Schiffe laden im Film Waren ab, ein kleines Zeltlager wächst: Wer möchte, darf diese Episode als Kommentar auf das in Finnland ebenfalls diskutierte Zuwanderungsthema sehen. Vorhänge ziehen sich in Zeitlupentempo zu, Licht wandert kaum sichtbar: „A View From The Other Side“ ist auch ein Lehrstück in Langsamkeit, eine Chance, zur Ruhe zu kommen, wozu auch die meditative Kirchenorgelmusik beiträgt. Markku Hietaharju, Organist des Doms von Turku, der in der Realität nahe der Säulenhalle steht, hat die zarten Klänge improvisiert und ebenfalls in einem Take aufgenommen. „Es ist der Klang der Zeit und des Flusses“, sagt Söderlund. Im Video „Arkhipelagos (Navigating The Tides Of Time)“ weitet sich der lebensspendende Fluss zum tückischen Meer, das ökologische Thema wird noch deutlicher: Düstere Wellen wogen, verlorene Schiffe irren durchs neblige Bild. Erst als nachts die Sterne leuchten, finden sie eine gemeinsame Route: Die Mythenspezialisten aus Turku entwerfen die Utopie einer möglichen neuen Gesellschaft nach einer Apokalypse. Blätter sprießen hoffnungsvoll aus einem Mast. Das ist ein bisschen märchenhaft und romantisch, räumt Söderlund ein. Doch das Duo ist sich sicher, dass gerade politische Kunst eine ansprechende Ästhetik vertragen kann. „Wir wollen nicht predigen“, sagen die Finnen, die zunächst selbst Aktivisten werden wollten, nun aber den poetischeren Weg gehen. „Kunst ist dazu da, um Funken zu erzeugen, die in den Köpfen der Betrachter zünden.“ Zumindest aber den Blick schärfen wollen sie für das, was um uns herum vorgeht. Um ein Innehalten und die Frage, wie die Vergangenheit uns prägt, geht es auch in Salla Myllyläs Arbeiten, die allerdings eine privatere Note haben: „Fadeout“ scheint schlicht ein Fenster mit altmodischem Küchenvorhang zu zeigen, der höchstens mal sanft weht. Erst beim genauen Hinsehen erschließt sich die verblüffende Zeitraffertechnik. Die Künstlerin hat den völlig ausgebleichten Originalstoff über Wochen neu einkoloriert, Erbsen, Tomaten, Erdbeeren wieder aufgemalt, und die jeweilige Arbeitsstufe gefilmt. Sie hat das Ausbleichen sozusagen rückgängig gemacht, um die Filmbilder danach rückwärts abzuspielen: Der Zuschauer erlebt so ein Ausbleichen in 18,5 Minuten. Das Fenster gehört zu dem Sommerhaus, in dem sie schon 30 Jahre lang die hellsten Monate verbringt, der Vorhang stammt von ihrer Großmutter: „Es muss immer eine persönliche Verbindung geben“, sagt Myllylä. Ihr zweites Video ist eine Winterimpression: Durch vier Fenster einer alten Lagerhalle in Helsinkis Hafen hat sie das extrem langsame Auslaufen eines großen Passagierschiffs gefilmt. Ebenfalls eine poetische, meditative Arbeit. Auch wenn Myllylä „Schönheit“ nie bewusst einfangen möchte. Vielmehr will sie den Blick lenken. So auch in ihren Arbeiten, in denen sie ein Fenster zunächst mit einer Flüssigkeit bemalt, oft Sauermilch, um einige Stellen wieder freizulegen: für neue Einsichten. Die Aufmerksamkeit auf sonst ignorierte Unorte richtet auch Maija Blåfield. Ihre Fotoserie „Beauty“ zeigt den Blick einer Fremden auf für andere Vertrautes. Sie fotografiert Bäume vor Metallbauten, Schutt, Zigarettenkippen. Einige Aufnahmen stammen aus Frankfurt. Eine abgelegte Grabplatte an einer Straßenecke war auch Ausgangspunkt des Videos „If I were buried on a street corner“, das neue Perspektiven auf den Alltag in der Mainmetrolpole eröffnet. Erwartungen bricht auch Elena Näsanen, die im Video „Round“ wieder mit Zeitraffermotiven spielt. Sie zeigt zwei Filmschleifen parallel: Ein Mensch betrinkt sich allein in einer Bar, wankt hinaus, irrt umher und landet erneut auf demselben Barhocker. Die Rolle spielt mal ein Mann, mal eine Frau, beide im Businesslook. Reagieren wir auf eine tags trinkende Frau anders als auf den Mann? Näsanen spielt auch mit einem finnischen Klischee: „Gibt es vielleicht so wenig finnische Kunst, weil wir alle so viel trinken?“, scherzt sie. Humor steckt auch in Mikko Kuorinkis Skulpturen. Ein Klamottenberg liegt im Raum, leise tönt daraus das Stück „Depression“ der US-Hardcore-Legende Black Flag. Es sind Kuorinkis eigene Jungenzimmermemoiren. Die Arbeit heißt wortspielend ebenfalls „Depression“, womit auch der unterdrückte Klang gemeint ist. An eine Wand ist weit oben ein Brett montiert, darauf stehen eine Vase und bewusst Nicht-Einsehbares. „Schrein“ heißt die Arbeit. Ein Abend in einem Thai-Restaurant mit ähnlich simplem Schrein hat ihn dazu inspiriert. Ausstellungsbesucher sollen sich nun fragen können, was sie wohl auf einem Altar verehren würden. Kuorinki schätzt das Simple, Unprätentiöse. Unter der witzigen Oberfläche steckt aber mehr. Der französische Philosoph Emmanuel Levinas hat ihn beispielsweise angeregt: Auf einer blauen Fahne steht in gelb „ILYA“, was sofort an ein schwedisches Möbelhaus erinnert. Gemeint aber ist Levinas’ Grundkonzept des „Da-Seins“: il y a. Kuorinkis Arbeit „Waves“ schließlich schlägt eine Brücke zum finnischen Buchmesse-Auftritt: In drei Vitrinen stellt der 41-Jährige Büchereibelege aus – über die Mehrfachausleihe von Virginia Woolfs „Waves“. „Für mich sind das Gedichte“, sagt er über die Zettel. Und die strenge Form der Quittungen, kombiniert mit den würdigen Vitrinen, bildet einen schönen Kontrast zur Bewusstseinsstromtechnik des Buches. Kunst zum Um-die-Ecke-Denken also. Und die Quittungen sind echt. „Ich habe viele Jahre in einer Bücherei gearbeitet“, erzählt der Künstler aus dem nordfinnischen Rovaniemi. „Der Zugang zu Büchereien in nahezu allen Orten ist eine der größten finnischen Errungenschaften“, meint der Bücherfreund, der mit Ebooks nichts anfangen kann. „Ich muss ein Buch einfach in der Hand haben, darin blättern können.“

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