Kaiserslautern „Denkprozesse anregen“
Da in den Nachrichten immer alles andere vom Aktuellsten verdrängt wird, wurde eigentlich nach dem Kriegsende und dem schlechten Abkommen von Dayton (1995 unterzeichneter Friedensvertrag, mit dem der Jugoslawienkrieg endete, Anm. d. Red.) so gut wie nichts mehr über diese fürchterlichen Verbrechen berichtet. Das brachte mich dazu, zu recherchieren, unter anderem in den Protokollen des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag. Was da alles an Gräueltaten zum Vorschein kommt, ist unglaublich und unbegreiflich. Ich habe von Massenvergewaltigungen und Massenschwängerungen erfahren, von Babys, die in Hochöfen geworfen wurden oder in die Luft, um sie dann mit der Bajonettspitze aufzufangen. Es ist nicht in einem Buch beschreibbar, kein Leser würde das kaufen wollen. Wie haben Sie sich darüber hinaus dem Thema genähert? Nach dem Lesen habe ich Telefonate mit jenen geführt, die Dokumente gesammelt hatten, um dann vor Ort viele Details auf Authentizität abzuklopfen. Ich war nahezu an allen der relevanten Orten, habe recherchiert und Interviews geführt. Dabei bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass der Hass bei vielen noch immer abgrundtief ist und weiter geschürt wird, wobei die „führenden“ Serben mit ihrem Wunsch nach einem dominierenden Großserbien an der Spitze stehen. Schon auf den ersten Seiten Ihres Buches merkt der Leser, dass es sich um keine leichte Lektüre handelt. Wie schwer ist Ihnen das Schreiben gefallen? In keiner Stunde meiner Arbeit zu diesem Buch fiel mir das Schreiben schwer. Zumal ich ja wesentlich Schlimmeres gehört, gelesen und die Folgen zum Teil gesehen hatte. Oft war das Schreiben wie das Abgeben einer Belastung. Ich habe auch in dem Bewusstsein geschrieben, eine kleine Erinnerung setzen zu können. Wir in der schreibenden Zunft wollen uns nicht anmaßen, auch nur ein Steinchen im großen „Dominospiel“ beeinflussen zu können. Es wird schon viel erreicht, wenn man in diesem oder jenem Kopf Denkprozesse anregt. Und, was mir wichtig ist, es geht in meinem Roman auch viel um Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Sie haben mehrere Jahre an dem Buch gearbeitet und sind währenddessen auch massiv in Bedrängnis geraten. Ja, dem war so. Ich war immer als „Tourist“ unterwegs. Nur: Touristen stellen nicht Fragen, wie ich sie stellen musste und wollte. So geriet ich immer wieder in brenzlige Situationen. Einmal, in der Nähe von Pale, bedrohten mich Männer, mit denen ich ins Gespräch zu kommen versucht hatte, mit einer entsicherten Kalaschnikow. Im Süden Sarajevos, im Serbengebiet, konnte ich zwei finsteren Gestalten, die sich an meine Fersen geheftet hatten, nur dadurch entkommen, dass ich in eine Polizeistation ging. Auch dort war es besser, nicht den wahren Grund zu nennen. Ich gab vor, meinen abgestellten Leihwagen nicht mehr zu finden. Ein jüngerer Polizist wollte mir helfen und ging mit mir hinaus auf die Straße. Die beiden Typen verschwanden. Hier zuhause kam einmal eine Mail mit einem Wort an, das nach meiner Übersetzung „Schwein“ bedeutet. Einen Anruf gab es auch, mit demselben Wort in englischer Sprache. Irgendwie lässt es mich kalt, ich bin kein furchtsamer Mensch. In Bedrängnis sind auch Menschen, die derzeit zu Hunderttausenden nach Europa fliehen und dafür sorgen, dass sich das Verhältnis der Europäer untereinander verschlechtert. Auch dabei geht es um Heimat, Herkunft und Glaube, genau wie im Balkankrieg, wo Nachbarn auf einmal zu Feinden wurden. Sehen Sie eine akute Kriegsgefahr in Europa? Nein, eine aktuelle Kriegsgefahr sehe ich nicht. Obgleich zu wenig getan wird, um dem Extremismus und den Extremen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Es werden – leider – zu viele Sonntagsreden gehalten. Zurückblickend liegen die Wurzeln, vor allem mit Blick auf die Massen der aus Afrika kommenden Flüchtlinge, schon in dem, was aus der Kolonialzeit zurückgeblieben ist. Und Frontex ist ein inhumaner und trauriger Witz, auch wenn die Kriegsschiffe Tausende von Menschenleben retten. Der Auftrag lautet eigentlich, den Schleppern das Handwerk zu legen. Doch damit beseitigt man keine Fluchtursache und keinen Hunger. Man erlaubt der produzierenden Wirtschaft, ganze Volkswirtschaften plattzumachen, man erlaubt den Waffenproduzenten, „Absatzmärkte“ in Form von Kriegen am Laufen zu halten. Dies sind die großen Gefahren. Die verdammte Saturiertheit, das bequeme Zurücklehnen geht vielen gehörig auf den Senkel und schürt Unzufriedenheit und Zulauf zu Extremen. Beim Stricken des humanitären Strumpfes laufen zu viele Maschen. Allen Kriegsflüchtlingen könnte und sollte man helfen, natürlich nach genauer Überprüfung. Dieses Problem reduziert sich leider erst dann, wenn es gelingt, diese brutale Maschinerie zu stoppen. Was müssten die Bürger tun, um die bisweilen jetzt schon mehr als hitzig geführte Debatte um religiöse und nationale Zugehörigkeiten und um Integrationsfähigkeit zu entschärfen? Die Bürger müssten sich besser informieren beziehungsweise besser informiert werden. Sie müssten sich großzügiger, toleranter verhalten und auch so denken, statt tumbe Sprüche zu verbreiten. Wobei es hier natürlich am Willen mangelt, Fremdes zu verstehen und zu akzeptieren. Millionen reisen in fremde Länder, genießen eben dieses Fremde und machen die Schotten dicht, sobald ihnen dieses Fremde zuhause begegnet. Es mangelt von oben bis unten an Ernsthaftigkeit, wirklich etwas zu bewegen. Verkraften könnte eine reiche Nation wie Deutschland das allemal. Der Krieg auf dem Balkan hat allein über 250.000 Bosnier nach Deutschland fliehen lassen. Nicht viel mehr als 20.000 sind geblieben und tragen mit ihrer Arbeit zu unserem Bruttosozialprodukt bei. Wenn Sie sich nicht gerade mit Kriegen und gesellschaftlichen Themen beschäftigen, imkern Sie. Das ist Ihr Ausgleich zum Schreiben. Warum ist das für Sie wichtig? Bienen sind solch fantastische Haustiere: sei es das Verhalten im Volk, die Arbeitsteilung, der Fleiß, die Hygiene und natürlich ihre Wichtigkeit. Mehr als ein Drittel unserer Nahrung hängt von ihnen ab. Die Bestäubungsleistung ist Milliarden wert. Aber man kommt nicht umhin, wenn man über Imkerei und Bienen spricht, auch über die Umweltschweinereien zu sprechen. Insektizide, Herbizide und Fungizide nehmen überhand. 40.000 Tonnen landen auf den Feldern, die Monokulturen nehmen zu. Ich habe das Thema Neonicotinoide in meinem neuen Buch aufgegriffen. Wussten Sie, dass der Mais nicht gelb ist, wenn er in die Erde gebracht wird? Er ist rot ummantelt von giftiger Beize. Wenn Körner obenauf liegenbleiben, feucht werden und die Bienen die Feuchtigkeit aufnehmen, wird ihr Nervensystem so geschädigt, dass sie nicht in den Stock zurückfinden. 2008 verendeten aus diesem Grund 11.500 Honigbienenvölkern am Oberrhein. Termin —Die Lesung mit Horst Mangasser in der Reihe „Schön gehört“ aus seinem Roman „Weiße Adler“ findet am heutigen Mittwoch, 17. Mai, um 19 Uhr in der Stadthalle Landstuhl statt. Theo Schohl wird den Abend moderieren und Elisabeth Hings, die Schwester des Autors, spielt dazu Gitarre. —Der Eintritt zur Lesung kostet 12 Euro. Karten können im Ticket-Servicebüro der Stadthalle Landstuhl unter Telefon 06371/923444 bestellt werden.