Kammgarn Kaiserslautern Christina Lux im Interview: „Musik ist mein Hafen"

„Ich mag es, wenn wirklich Poesie entsteht“, sagt Christina Lux über ihre Stücke, die meist vom Text ausgehen.
»Ich mag es, wenn wirklich Poesie entsteht«, sagt Christina Lux über ihre Stücke, die meist vom Text ausgehen.

Liedermacherin Christina Lux gehört zu den Stammgästen in der Kammgarn, wo sie am Donnerstag mit Oliver George ein weiteres Mal auftritt. Christian Hanelt sprach mit ihr.

Ihre Konzerte sind stets eine besonders intensive Live-Erfahrung. Was geschieht im Raum zwischen Ihnen und dem Publikum?
Das ist immer wieder eine neue und sehr spannende Erfahrung. Schon beim Soundcheck nimmt man Kontakt mit dem Raum auf. Und dann kommen die Menschen und füllen ihn. Es gibt Songs, bei denen ich vorher improvisiere, und es fühlt sich dann an, als würden die Dinge, die von den Lauschern im Raum sind, mit einfließen. Ich mag das sehr.

Ihre Musik bewegt sich zwischen Jazz, Folk und Pop. Ist stilistische Offenheit eine bewusste Entscheidung oder organisches Wachstum?
Ich habe nie darüber nachgedacht, welches Genre ich bediene. Songs entstehen immer ganz frei, und da ich ohne Plattenlabel und Management auf eigenen Füßen stehe, darf ich das auch. Der Text ist fast immer der Beginn. Und der will getragen sein, und so kann ich aus einem großen Fundus an Stilen, die ich liebe, immer den wählen, der den Text am besten transportiert.

Schreiben Sie ihre Texte eher aus der Beobachtung heraus oder aus persönlicher Erfahrung?
Es ist beides. Ich denke, Menschen sehen auch sich selbst, dadurch, dass andere sie sehen. Und auch dadurch, dass wir andere wahrnehmen. Ist man nicht mehr in Verbindung mit sich selbst, schlafen auch die Verbindungen zu anderen ein. Songs sind ein wunderbares Werkzeug, um Eindrücke in Poesie zu verwandeln, die dann wieder sowohl mich selbst als auch andere inspirieren und lebendig machen.

Beginnt ein Song mit einem Wort, einem Gefühl oder einer Klangidee?
Meistens treibt mich ein Thema sehr um. Und irgendwann greife ich dann zur Gitarre und lasse mir von ihr erzählen, was es braucht, um die Worte zu finden, die den letztendlichen Songtext ausmachen. Bei meinem Duopartner Oliver George ist es fast immer die Musik, die zuerst kommt. Und ich schreibe dann dazu einen Text. Er denkt ganze Arrangements. Bei mir entsteht alles im Zwiegespräch mit der Gitarre.

Wann wissen Sie dann, dass ein Lied seine endgültige Form gefunden hat?
Das ist gar nicht so einfach. Deshalb gehe ich auch gerne mit Songs auf die Bühne, bei denen ich noch nicht ganz fertig bin. Im Konzert fühle ich dann ganz direkt, was es noch braucht. Und dann geht man irgendwann ins Studio und nimmt die Musik auf. Es braucht seine Zeit. Das macht es so schräg für mich, wenn ich die zunehmende Verwendung von KI in Musik betrachte. Es dauert Minuten, und die KI klaubt sich etwas aus Ideen anderer zusammen. Das mag nett klingen. Aber der seelische Prozess des Schreibens und die Verarbeitung der Dinge, finden nicht mehr statt. Ich empfinde das als traurig.

Wie viel Unausgesprochenes darf ein guter Song enthalten?
Ich mag es, wenn wirklich Poesie entsteht. Und das geht, indem man Raum in Bildern findet. Es geht mir ja nicht um Nabelschau, sondern um die große Kraft, die Musik und Kunst innehat. Dadurch, dass Menschen etwas ausdrücken, das für die Hörer oder Betrachter zum Reinschlüpfen wunderbar funktioniert. Mein Ausdruck wird zum Haus für den, der es hört. Er geht dadurch in seine eigene Geschichte, nicht in meine. Das liebe ich sehr.

Gibt es Momente auf der Bühne, in denen ein Lied für Sie eine neue Bedeutung erhält?
Unbedingt. Es gibt den Song „Ins Licht“. Ich hatte ihn damals für die Musikerinnen Regy Clasen und Astrid North geschrieben, die leider beide nicht mehr da sind. So bringt das Leben neue Abschiede. Und dann baue ich das wieder ein und spüre, dass der Song sich mit mir weiter wandelt. Es kommen immer wieder Menschen an den CD-Stand, die ihre Geschichte dazu erzählen. Das verbindet sehr.

Gab es auch Zweifel und Brüche in Ihrer künstlerischen Entwicklung?
Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, zu zweifeln, weil wir dadurch immer neu hinterfragen, ob wir noch klarsehen oder ob sich längst Denkmuster festgesetzt haben, die eher im Weg stehen. In dieser Zeit, in der es immer schwerer wird, zu unterscheiden, was wahr und was Fake ist, ist es umso wichtiger für mich geworden. Und so geht es auch beim Schreiben. Es darf und muss durch alle Ebenen gehen. Es darf Brüche geben. Das ist alles Mensch. Nicht Perfektion, sondern Verbindung und Wahrnehmung. Wenn ich beim Spielen des Songs merke, dass er jetzt zu Hause ist und das widerspiegelt, was ich zu greifen versucht habe, dann ist es gut.

Was treibt Sie heute an, neue Musik zu schreiben?
Ich hatte jetzt eine ziemlich lange Schreibpause. Und so langsam kristallisieren sich wieder Themen heraus. Es ist eine sehr vollgestopfte Zeit mit vielen Entwicklungen, die mir den Kopf dichtmachen. Wie also bringt man jetzt Verbindendes in die Welt, nicht Trennendes? Denn das ergibt so wenig Sinn für mich. Alles geht nur gemeinsam. Oder wie Stoppok so schön schreibt: „Mal dein Herz mit Farbe an.“ Gerade waren Oliver und ich bei einer Jubiläumsversion des Songs dabei.

Gibt es Themen, zu denen Sie immer wieder zurückkehren?
Ja. Unbedingt. Das Miteinander. Ich werde nie verstehen, was Menschen dazu treibt, ihre Gruppe als eine höherwertige zu begreifen und ihre Herkunft zum Anlass zu nehmen, andere abzuwerten. Der Ort meiner Geburt war reiner Zufall. Ich habe nichts dazu beigetragen. Wir sollten jeden Tag hier gemeinsam auf den Straßen tanzen, weil wir ein unfassbares Glück haben, hier so leben zu können. Ich werde nie verstehen, wie man das gefährden kann, sich Sündenböcke sucht und sich selbst erhöht. Wie könnte ich wertvoller sein als ein Anderer nur aufgrund meiner Hautfarbe, Kultur oder Nationalität?

Sie arbeiten häufig mit anderen Musikerinnen und Musikern zusammen, aktuell mit Oliver George. Wie kam es zu dieser Kooperation?
In den letzten 25 Jahren habe ich mich ganz auf meine eigenen Songs konzentriert. Davor gab es viele sehr inspirierende musikalische und menschliche Begegnungen, von Jon Lord bis zu Tuck & Patti. Von Fury in the Slaughterhouse bis zu Stoppok. Oliver George und ich spielten 1984 zusammen in einer Rockband in Kassel. Wir haben uns immer mal wieder getroffen und irgendwann ganz aus den Augen verloren, bis wir uns vor etwa 13 Jahren wieder trafen. Und dann auch wieder anfingen, zusammen Musik zu machen. 2018 erschien dann unser erstes gemeinsames Album „Leise Bilder“. Und dann noch zwei weitere.

Was macht für Sie einen gelungenen musikalischen Dialog aus?
Das wirkliche Aufeinanderhören und die Freude am Spiel des anderen. Das dicke Grinsen, das man ins Gesicht bekommt, wenn sich eine Dynamik entwickelt, vor allem bei Konzerten. Zuhören und Einfühlen. Und immer die Worte zum Chef machen. Denn die tragen die Musik schon in sich. Mit Oliver, der auch noch sehr gut arrangiert und einige Instrumente spielt, tut das sehr gut.

Gibt es Begegnungen, die Ihren musikalischen Weg nachhaltig verändert haben?
Edo Zanki war wichtig. Ich traf ihn ganz zu Beginn meines Weges. Erst viel später, als ich anfing, Deutsch zu texten, fiel mir auf, wie sehr seine herrliche Art, mit der deutschen Sprache so seelenvoll umzugehen, mich beeinflusst hatte. Aber auch die Aufnahmen auf Jon Lords Soloalbum waren sehr inspirierend.

Ihre Musik lädt zum Innehalten ein. Ist Entschleunigung ein bewusstes künstlerisches Anliegen?
Ich brauche das für mich. Ich bin eher eine Schnelldenkerin, mache oft Dinge gleichzeitig und bin immer in Bewegung. Musik ist mein Hafen, mein Sofa, meine Erde.

Wie verändert sich das Hören von Musik in einer Zeit permanenter digitaler Reizüberflutung?
Es wird zu viel Musik zu oberflächlich gehört. Wenn ich zurückdenke, hatte ich eine Lieblings-LP, die ich dann über Monate immer wieder auf den Ohren und im Herzen hatte. Nicht eine Million Songs. Ich hab die Texte verinnerlicht, konnte jeden Ton der Soli auswendig und hab mich auch mit den Musikern verbunden gefühlt. Der Trend zu Vinyl, auch bei jungen Menschen, gefällt mir. Bewusst hören. Und sich tief mit Musik verbinden. Ich denke, die Welt braucht das. Dringend. Die Idee des Streamings ist zwar zeitgemäß, hat aber auch zu einer Flutung geführt, die ich schwierig finde. Jeden Tag werden zehntausende KI-generierte Songs ins Netz geflutet, und ich halte es nach wie vor für einen großen Fehler, dass die großen Plattenfirmen und Spotify Musik einfach verschenkt haben. Das hätte nie passieren dürfen. Künstlerartenschutz ist es, wenn es Wertschätzung für den Beruf des Musikers gibt. Das gilt auch für andere kreative Bereiche, die das Netz entwertet hat.

Zur Person

Christina Lux, die 1965 in Karlsruhe geboren wurde und seit vielen Jahren in Köln lebt, brachte 1998 ihr erstes Soloalbum heraus. Weitere zehn Alben und viele Solo-Konzerte folgten. Seit 2017 haben Christina Lux und Oliver George, mit dem sie schon in den 80er Jahren in der Kasseler Band Shakesbeer auf der Bühne stand, drei Alben zusammen geschrieben. Lux' erstes ganz deutschsprachiges Album „Leise Bilder“ von 2018 wurde mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Das Studioalbum „Lichtblicke“ von 2021 und das Livealbum „Live de LUXe“ (2023) wurden dafür nominiert. Christina Lux arbeitete auch mit Stoppok, Fury in the Slaughterhouse, Purple Schulz, Astrid North, Regy Clasen, Susan Weinert, Laith Al Deen, David Torn, Pe Werner, Edo Zanki und Jon Lord.

Das Konzert

Christina Lux & Oliver George, Kaiserslautern, Cotton Club Kulturzentrum Kammgarn, Donnerstag, 12. März, 20 Uhr, Karten: www.kammgarn.de oder bei Thalia.

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