Kaiserslautern Brasilianischer Esprit ohne Verfallsdatum

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Dass die brasilianische populäre Musik heute neben dem anglo-amerikanischen Kulturkreis die aktivste und künstlerisch reichste der Erde ist, bewies am Freitagabend im Cotton Club der Kammgarn das Quartett „Quartcheto“, das schon zum wiederholten Male in der Barbarossastadt zu begeistern wusste. Es kommt aus dem tiefsten Süden Brasiliens, um Porto Alegre, wo man sich auch der Gaucho-Kultur verpflichtet fühlt.

Ausgehend von der Musik in der Grenzregion von Brasilien, Argentinien und Uruguay entwickeln die vier Instrumentalisten ihren eigenen Stil, der die Zuhörer mitreißt. Nichts klingt gewollt oder konstruiert. Ob der brasilianische Vaneirao, Balao oder Xote oder Chacarera: Das Quartett weiß die verschiedenen Spielarten zu einem unverbrauchten Klangkosmos zusammenzufügen und ihm noch einen Touch von nordamerikanischem Jazz beizumischen. Frech, frisch und ohne Verfallsdatum. Man merkt schnell, dass die Chemie zwischen den vier Musikern stimmt. Sie haben sich die verschiedensten Einflüsse vorgenommen – und mit leichter Kratzbürstigkeit, Humor und viel Fantasie zu ihrem Eigenen gemacht. Sie suchen nach Klängen, nach Spannungs- und Reibungspunkten im Miteinander, immer auf der vollen Gefühlsskala. Zwischen Tristesse und Sinnlichkeit erlebt der Hörer so eine überzeugende Melange abseits des Mainstreams. Außergewöhnlich ist die Zusammensetzung der Band mit Akkordeon und Posaune. Im Verein mit Gitarre und Schlagzeug ergibt die Musik eine überwältigende Melange. Mit archaischer Kraft springt einen der Polka-ähnliche Tanz Chamamé mit dem Titel „Mas Ta Bonito“ an. Hauchzart, aus dem Pianissimo heraus, spielt das Quartett eine melancholische Melodie, die langsam anschwillt, wobei sich Posaune und Akkordeon in der Melodieführung abwechseln. Über seine Finger vermeint man bei dem Akkordeonisten Luciano Maia den Atem der Klänge zu hören, während Julio Rizzi butterweich die Posaune bläst. Unbändige Lebensfreude, gepaart mit einem Schuss Melancholie, drückt die Polka Paraguaya „Polka in Four“ aus. Souverän bedient Maia das Knopfakkordeon, steigert sich in leidenschaftliche Exzesse mit Vibrato-Effekten und virtuosem Staccatospiel. Die Rhythmen der verschiedenen Instrumente überlagern sich dabei wie beim Jazz. Die „Alpargata Molhada“, „Do Outro Lado“ oder der „Danca Hungara“ (Ungarischer Tanz Nr. 1) von Brahms demonstrieren das mit ihren „schmutzigen“, ungeraden Sieben-Achtel-Rhythmen ganz deutlich. Das Akkordeon verwandelt sich in Orgel, Mundharmonika, Flöte und umkreist die Melodien mit girlandenhaften Linien und erzählt so virtuose Geschichten. Posaunist Rizzi stemmt sich mit voller Kraft gegen den Boden und bläst so fulminante Sounds. Ebenso glänzt er mit einfallsreicher, unglaublich flexibler Eloquenz, mit geschmeidig perlenden Bop-Linien, die er mit vibratoarmem und immer kontrolliertem Ton malt. Mit rhythmischen Glissandi besticht er genauso wie mit seinen rauen Growls und singendem, warmem Ton. Posaune und Akkordeon ergänzen sich immer wieder perfekt. Das alles würde aber nicht so stimmig klingen, wenn nicht dahinter ein absolut sicher stehendes Rhythmus-Team stünde. Dabei ist Hilton Vaccari an der Gitarre sicher der Unauffälligste von allen. Dieser Saitenhexer und der Percussionist Arenhaldt übertreffen sich gegenseitig mit kleinen Zauberkunststückchen und harmonieren wunderbar. Weit mehr als zwei Hände meint man bei dem Stück „Die Nachtigall“ zu hören, das bei dem Organisator des Abends, Theo Pfleger, in Relsberg entstanden ist. Die Posaune spielt sicher über Snare, Trommel und Bass-Drum, und die vier erweisen sich dabei als Meister der Synkopen. Das Publikum lässt die Musiker erst nach drei Zugaben von der Bühne.

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