Kaiserslautern Bonus oder Solidarität

Ist sich jeder selbst der nächste oder gibt es noch Solidarität unter Arbeitskollegen?, fragen die Brüder Dardenne in ihrem Sozialdrama „Zwei Tage, eine Nacht“. Mit Marion Cotillard prominent besetzt, regt der Film zum Nachdenken an, enttäuscht aber mit seinem doch vorhersehbaren Ende.
Es ist mehr eine Versuchsanordnung, denn ein Abbild der Realität, auch wenn Jean-Pierre und Luc Dardenne von einem Europa in wirtschaftlicher Not erzählen wollen. Doch ihr Film setzt sozialstaatliche Regelungen außer Kraft. Sandra gehört zu den 17 Arbeitern einer kleinen belgischen Fabrik, die Solarzellenmodule produziert. Lange war sie krank, sie litt unter Depressionen. Und der Chef merkte, dass auch 16 Leute die Arbeit machen können. Als die verheiratete Mutter zweier Kinder wieder arbeiten möchte, soll sie weg rationalisiert werden. Die übrigen Kollegen bekommen dafür je 1000 Euro als Bonus. Bei einer Abstimmung unter Druck des Vorabeiters haben sich alle bis auf zwei für das Geld und gegen sie entschieden. Doch der Boss gibt Sandra die Chance auf eine neue, nun geheime Abstimmung. Ihr bleibt ein Wochenende, um die Kollegen umzustimmen: Montags sollen sie sich neu entscheiden zwischen dem Bonus und Sandras Zukunft. Motiviert von ihrem Ehemann Manu (Fabrizio Rongione) und einer mitfühlenden Kollegin besucht Sandra jeden einzelnen Kollegen, um Stimmen zu sammeln. Ohne zu betteln, mit sanfter Bestimmtheit geht sie ans Werk. Viele Kollegen vermitteln ihr, dass es ihnen geht wie ihr: Der Bonus sei nötig, um über die Runden zu kommen. Mancher Kollege ist feindselig, aber einer bricht sofort in Tränen aus. Er fühle sich so schlecht, weil er gegen sie gestimmt habe. Und eine Ehefrau findet durch Sandra den Mut, ihren Mann zu verlassen. „Zwei Tage, eine Nacht“ spielt in einer gesichtslosen Kleinstadt. Zwar ist es Sommer, doch auf den Menschen liegt die Last des Alltags. Sandras Kollegen sind einfache Leute, die nicht abrutschen wollen. Auch Sandra und ihre Familie haben sich von der Sozialwohnung zu einem kleinen Haus hochgearbeitet. Ohne ihr Einkommen können sie die Kredite nicht mehr zahlen. Unter echter Existenzangst leidet allerdings nur ein einziger von Sandras Kollegen: Alphonse hat nur einen 150-Euro-Vertrag bis September und fürchtet, keine Verlängerung zu bekommen. Sobald er ins Spiel kommt, ist das Filmende zu ahnen. Und man ärgert sich ein bisschen, dass die Dardenne-Brüder doch von Opferbereitschaft erzählen wollen. Seltsam passiv lassen sie auch ihre Heldin durchs sonnige Nichts ziehen. Stets unterwürfig nähert sie sich den Kollegen: „Ich weiß ja, dass du das Geld brauchst.“ Dass der Bonus ein Zusatzgeschenk ist, von dem Tage zuvor keiner etwas ahnte, dass die Summe also gar nicht so existenziell fehlen kann, thematisiert niemand. Ebenso wenig, dass ein Unternehmen, das so mit seinen Angestellten spielt, wohl kaum wirklich Boni auszuzahlen gedenkt und beim nächsten Problem ungerührt Stellen streichen dürfte. Jeder Mitarbeiter scheint nur auf sich selbst und den nächsten Tag zu blicken, in Angst erstarrt, müde, mürrisch, desinteressiert an anderen, nahezu entmenschlicht. Marion Cotillard spielt ihre Rolle gewohnt intensiv. Doch zwingt ihr das Drehbuch zu viele Extreme auf, etwa gar einen recht beiläufig inszenierten Suizidversuch, nachdem sie flugs neuen Mut schöpft. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit ihrer Figur, die andererseits allzu lange braucht, um auf den Gedanken zu kommen, dass sie doch vielleicht einen besseren Arbeitsplatz finden könnte. Und so hat der Zuschauer das Gefühl, in einem fiesen Psychoplanspiel gefangen zu sein, das sein Thema durch die Konzentration auf einen büßerhaften Stimmenfang aus den Augen zu verlieren droht. Dass die Dardenne-Brüder die Krankheit Depression symbolisch gewählt haben, um vom Druck zu erzählen, am Arbeitsplatz immer leistungsbereit zu sein, wird beispielsweise nur gestreift.