Kaiserslautern
Beethoven muss nicht verbessert werden
Schwer verdauliche Kost beim zweiten Konzert „À la carte“ im dicht besetzten Kaiserslauterer SWR-Studio. Statt Schmankerln oder Häppchen gab es diesmal einen harten Brocken der Violinliteratur: Beethovens Violinkonzert. Die Deutsche Radio-Philharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern spielte unter ihrem neuen Chefdirigenten Josep Pons.
Beethovens Violinkonzert wurde 1806 komponiert und gewann nach kontroversen Beurteilungen erst durch Mendelssohns Aufführung 1844 in London langsam an Popularität. Das damals erst 13-jährige ungarische Wunderkind Joseph Joachim erschloss den bis dahin verborgenen Reiz eines neu definierten Solokonzerts. Heute gehört das Stück zum Kernrepertoire.
Auf der Spur des Wunderkinds
An den legendären Erfolg Joachims knüpfte in Kaiserslautern jetzt der international renommierte Geiger Frank Peter Zimmermann mit seiner nicht minder bekannten Stradivari-Meistergeige an. Betörend schöne Kantilenen im Kopfsatz, elegante und geschmeidige Umspielungen der thematischen Substanz leiteten über zu einer pastosen Feierlichkeit und Entrückung im kantablen Mittelsatz, den man sehr selten in dieser ergreifend schönen und fein ziselierten Innigkeit hört.
Dazu der mitreißende musikantische Schwung im beschwingten Rondo: alles in lupenreiner spielerischer Vollendung und makelloser Schönheit, bestechender Klarheit und Reinheit. Überzeugender, weil filigraner und inspirierter ist dieses Solokonzert zumindest im Solopart schwerlich denkbar. Dabei hatte der Solist sogar jenen Grad an schwereloser Leichtigkeit, Sicherheit und Bravour erreicht, der ihn befähigt, ganz locker und fast verschmitzt mit den Stimmführern der DRP zu kommunizieren, ja zu kokettieren.
Selten schön
Frank Peter Zimmermann steht über diesen immensen Herausforderungen in verschlungenen Kapriolen und virtuosen Solokadenzen. Er „entspannt“ sich sozusagen beim Geigenspiel und nimmt alle mit auf eine Entdeckungsreise durch die Gattung des Solokonzerts, die Beethoven wie später Dvorak (beim Cellokonzert) und Richard Strauss bei den Hornkonzerten neu definierte: Es ist eine Mischung aus Sinfonie mit obligatem Solopart – oder ein Solokonzert mit sinfonischem Gewicht beim Orchester, das die thematische Substanz vorbereitet oder aufgreift und durchführt.
Womit der Orchesterpart nach der Laudatio auf den Solisten doch zumindest hinterfragt werden darf: Eigentlich ist im Orchester durch die Kunst der Instrumentierung (Soli und Tutti), der dialektischen Spannung durch Tonart- und Harmoniewechsel (von D-Dur nach d-moll), die Akzentverschiebungen und verschiedenen Satzcharaktere in der Partitur schon alles angelegt. Will sagen: Man (oder hier Chefdirigent Josep Pons) muss nicht zusätzlich noch mehr Energie „anschieben“ oder dynamische Kontraste und agogische Steigerungen weiter forcieren und einfordern, also auf die Spitze treiben. Das macht die Musik durch ihre detailliert ausgearbeitete Partitur wie von selbst.
Ein „Zuviel“ kann nur irritieren
Mit anderen Worten: Wuchtige Akkordschläge müssen nicht den akustischen Rahmen sprengen und Motivwiederholungen nicht dynamisch und agogisch gesteigert werden wie hier im Holzbläsersatz. All das geschieht durch Beethovens Kunst des Aufbaus, der Wiederholung und Verdichtung von alleine - durch sich selbst. Ein „Zuviel“ kann nur irritieren.
Diese kleine Einschränkung konnte allerdings den sensationellen Konzerterfolg durch den glanzvollen Solisten nicht beeinträchtigen. Im Gegenteil: Zimmermann wirkte wie ein Fels in der Brandung, souverän, ruhig und besonnen sowie abgeklärt und in der makellosen Schönheit des Geigentons über dem Orchester schwebend. Somit wies er mit dem schlanken, beseelten und fein nuancierten und ziselierten Ton den richtigen Weg.