Kaiserslautern Beethoven in Anatolien
Ein besonderes Konzert an einem besonderen Tag an einem besonderen Ort. Nachdem man seit 14 Jahren den 11. September mit extremer Gewalt verbindet und das Datum als tiefe Zäsur in der Beziehung der Kulturen empfindet, setzte der protestantische Stiftskirchen-Pfarrer Stefan Bergmann im Rahmen der „Citykirchen“-Veranstaltungsreihe just an diesem Tag ein Konzert an mit der aus türkischen und kurdischen Musikern bestehenden Gruppe „Kavpersaz“. Ein Konzert in einer christlichen Kirche, ein Zeichen der Friedfertigkeit und brückenschlagenden Musik.
Türken und Kurden: Was in der politischen Realität eine heikle Sache ist, funktioniert auf der Bühne problemlos. Die vier schon zuvor in anderen Bands erfolgreichen Profimusiker aus dem Raum Köln haben sich im Jahr 2010 zusammengefunden und spielen seither anatolische, kurdische und armenische Musik auf traditionellen Instrumenten. Was zählt, ist die persönliche und musikalische Harmonie. Beides war in jedem Ton des gut besuchten Konzerts im Seitenflügel der Stiftskirche zu spüren. Dass die Band Zusammenhalt pflegt, mag man bereits am Namen erkennen: „Kavpersaz“ ist ein Kunstwort und setzt sich zusammen aus den Namen der traditionellen Instrumente, zum Beispiel der Hirtenflöte Kaval oder der Langhals-Laute Saz. Die Hinzunahme der modernen Akustik-Gitarre ins große Instrumentarium zeigt die Öffnung zu anderen Kultur- und Stilbereichen. Personell greifbar wurde dieser Zug, als Saiten-Virtuose und Moderator Umut Yilmaz von seiner Beziehung zu einem Stück der westlichen Musik sprach. Yilmaz kam mit neun Jahren nach Deutschland. Die Musik sei ihm damals eine große Helferin gewesen, sich im neuen Land zurechtzufinden. Besonders Beethovens „Ode an die Freude“ habe es ihm damals angetan. Ständig habe er die Melodie vor sich hingesungen. Klar, dass die Musiker diese Komposition während des Lauterer Konzerts aufgriffen. So hätte es dann wohl geklungen, erklärte Ylmaz, wenn Beethoven beispielsweise in Anatolien geboren worden wäre. Die dann auch in der Originalversion gespielte „Freude schöner Götterfunken“ wurde vom begeisterten Publikum auswendig und hoch emotional mitgesungen. Spätestens bei der Textzeile „Alle Menschen werden Brüder“ ließ sich erkennen, dass das Stück in ganz besonderer Weise zu diesem Abend passte. Neben der mehrschichtigen Originalität der Gruppe konnte auch die Qualität des musikalischen Gesamtpakets überzeugen. Insbesondere die Interpretationen der klassischen Volkslieder und -tänze aus den Heimatregionen der Musiker sorgten für anhaltend starken Applaus. Vom einleitenden Titel „Abaran“ (einem armenischen Volkslied im für unsere Ohren ungewöhnlichen 14/8-Takt) bis zum nicht minder komplexen Flötenstück „Gorani“, das Yasin Boyraz in atemberaubender Technik realisierte; von den ultra-schnellen, exakt gesetzten Percussions-Ausbrüchen Fetih Aks bis zu den fordernden Gitarren-Exkursionen Baris Boyraz’: Die erstmals in Kaiserslautern aufspielende Band hinterließ einen denkbar guten Eindruck. Den darf man, wenn man die Reaktionen des begeisterten Publikums richtig einschätzt, bei Gelegenheit gerne noch einmal auffrischen.