Marienkirche
Bach-Konzert im Livestream
Zusammen mit Torsten Laux, der die große Klais-Orgel und die kleine Zimnol Chor-Orgel sowie das Synthesizer E-Piano spielte, Sopranistin Lena Maria Kosack und Matthias Scholz an der Violone interpretierte er an der Truhenorgel die „Orgelmesse“ mit Praeludium und Fuge, acht Choralbearbeitungen und vier Duetten aus dem III. Theil der Clavier-Uebung und Choralsätzen aus Kantaten von Bach. Ursprünglich sollte ein Chorensemble die Choräle singen, doch das war Pandemie bedingt nicht möglich, Torsten Laux gestaltete sie an der Orgel.
Machtvoll setzte Torsten Laux an der großen Klais-Orgel von 1904 mit dem Praeludium ein. Schnell wandelte sich der Ausdruck des Themas, es wurde weicher und beinahe liedhaft, was durch die hohe Registerlage unterstrichen wurde. Durch die Mischung der verschiedenen Register ließ Laux unterschiedliche Klangfarben entstehen, aus denen die Oberstimme mit dem Thema in fließender Linie, von warm-überhauchten Klängen umspielt, plastisch hervortrat.
Sopranistin Lena Maria Kosack faszinierte durch ihre ätherisch-schwebende Stimme mit dem entrückten Ausdruck, der ihre Choralstrophen wie aus einer anderen Welt klingen ließ. Dieser Eindruck wurde noch durch die Kirchenmusiktonarten unterstützt, die nicht so stark zu einem tonalen Zentrum streben. Die weiche Intonation und der helle Klang der Truhenorgel betteten das Kyrie wie auch das Gloria in einen kontemplativen Kontext ein; die warmen, satten Klänge von Matthias Scholz’ Violone verliehen ihm einen ruhigen, innigen Charakter.
Tief empfundene Bitte
Eine fast schon unirdisch-entrückte Bitte von beschwörender Eindringlichkeit war Lena Maria Kosacks a cappella gesungenes Credo, das die Sopranistin mit tief empfundenem Ausdruck als reflektiert-verinnerlichtes Gebet voller Glaubenszuversicht gestaltete. Sehr leicht und luftig sang sie „Christ, unser Herr, zum Jordan kam“, während sich ihre auch in der Mittellage und in der Tiefe hell timbrierte Stimme in „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ verschattete. Die tiefen Klänge der Violone und Maximilian Rajczyks verhaltenes Spiel ließen den klagenden Charakter des Gesangs noch stärker hervortreten, der ganz in der Tradition der barocken Affektenlehre stand, die bestimmten Gefühlen entsprechende musikalische Gestaltungsmittel zuordnete. Überhaupt zeichnete sich das Spiel des Organisten an der kleinen Truhenorgel mit ihrem kammermusikalisch feinen Klangbild durch einen dezenten Anschlag und weiche, weit geschwungene Melodiebögen und warme Farben aus.
Die Choralinterpretationen von Torsten Laux zeichneten sich durch ihre Transparenz und Plastizität aus, er schuf tönend bewegte Reliefs. In seinen kunstvollen mehrstimmigen Klanggeflechten traten die Themen immer in durchscheinender Klarheit hervor. Immer wieder fiel sein ungemein verinnerlichtes Spiel auf, das jedoch schnell an Dynamik und Ausdruckskraft gewinnen und sich in machtvollen Klänge verströmen konnte. Aber auch den spielerisch-auffordernden Charakter der Kleinen Fughetta gestaltete er souverän, in vollen Klängen und doch nie schwer. Ein atmosphärisch dichtes Klangbild zeichnete seine Interpretation der Großen Choralbearbeitung in Organo pleno d-dorisch BWV 680 im Rahmen des Credo aus; ausdrucksvoll, differenziert und farbig gestaltete er die Choralsätze, die die Taufe flankierten.
Wenn Bach auf Jazz trifft
Aber auch am Synthesizer E-Piano erwies sich Torsten Laux als absolut stilsicherer Interpret und Gestalter. Das Duett vor dem Abendmahl war allerdings ein Ausflug in eine andere musikalische Welt unter dem Motto „Bach meets Jazz“. Die abschließende Fuge gestaltete er mit frappierender Souveränität in einem sich kunstvoll auffächernden komplexen Klangbild, in dem alle Stimmen gleichberechtigt waren.
Aber nicht nur die musikalische Interpretation, auch die visuelle Gestaltung dieses Live-Streams überzeugten: Statt eines Standbildes fuhr die Kamera immer wieder durch den Raum und nahm die zeitweise mehr als 130 Besucher so mit in den großen Kirchenraum hinein.