75 Jahre Lokalausgabe
Als die Fußgängerzone als Bedrohung für den Handel galt
Von „erschreckendem Unfug“ sprachen die Gegner. Eine City ohne Fahrzeugverkehr verliere ihren Charakter, argumentierten sie. Von „Theaterkulisse mit Vorstellung von zehn bis 19 Uhr“ sprachen die Skeptiker, von „unkalkulierbarer Existenzbedrohung“ und „Gleichmacherei der Städte“, von „Hundepromenade“ und „Vakuumbeule nach 19 Uhr“. Auch Oberbürgermeister Walter Sommer lehnte eine Fußgängerzone ab. Seine Äußerung in der RHEINPFALZ – „Wohnküchen-Milieu mit Blumenstock und Sitzbänkchen“ – bestärkte die Gegner. Wie die Sperrzeiten für Zulieferer zu regeln seien, war Anlass zu Diskussionen, ebenso die Frage nach der Höhe der Ausbaubeiträge der Anlieger.
Skeptiker meiden den Konflikt mit dem Handel
Die Stadt informierte, dass die Finanzierung kein größeres Problem sein werde. Es gab reichlich Zuschüsse. Die Verwaltung wusste schon seit den 60er Jahren, wo Geld für den Ausbau einer Fußgängerzone zu bekommen war. „Gemütlichen, abgasfreien Einkaufsbummel“, die Kommunikations- und Gestaltungsmöglichkeiten einer „Innenstadtlandschaft“ sowie die höhere innerstädtische Wohnqualität hielten die Befürworter entgegen. Das Thema Fußgängerzone wurde jahrelang im Rat diskutiert: Alle Fraktionen waren auf Schmusekurs, keine Partei wollte sich die Liebschaft mit dem misstrauischen Einzelhandel und den zur Bequemlichkeit neigenden Autofahrern verderben.
Im Jahr 1973 konnte die Stadt dem Einzelhandel Pläne vorlegen, wie eine Kaiserslauterer Fußgängerzone aussehen könnte. Im Rat fanden sich Mehrheiten, und abschnittweise tastete sich die Stadt an das Unterfangen heran. Zuschüsse flossen tatsächlich. Die Tiefbauer gingen zunächst im März 1973 in der Fackelstraße und in der Riesenstraße an die Arbeit. Bei der Stadt hagelte es Beschwerden und Reklamationen wegen Umsatzeinbußen und wegen des Baulärms. Im ersten Teilabschnitt wurde umgewühlt, Bürgersteige abgetragen, nivelliert, gestampft und Verbundpflaster gelegt. Oberbürgermeister Hans Jung beschwor in seiner regelmäßigen Kolumne „Von meinem Schreibtisch aus“ alle Betroffenen, zum Durchhalten. Die RHEINPFALZ nannte die Fackelstraße einen „Schützengraben“.
2000 Menschen kommen zur Einweihung
Schon einen Monat später, im April 1973, als man ein Ergebnis sah, war von „Vorfreude“ auf die neue Fußgängerzone zu lesen. Am 3. August 1973 stand in der Zeitung, dass die Fußgängerzone ihre Bewährungsprobe bestanden habe. „Die Kaiserslauterer Innenstadt soll leben!“ Nach einem Gläschen Sekt übergab Oberbürgermeister Hans Jung am 5. Oktober 1973 den ersten Abschnitt der Fußgängerzone am „Rieseneck“, Ecke Marktstraße/Fackelstraße dem Publikum. Rund 2000 Leute hatten sich dort versammelt. Die RHEINPFALZ stellte am Tag darauf die Frage, warum so viele Leute gekommen waren? Um den Worten des Stadtoberhauptes zu lauschen oder wegen des Freibiers? Die Zeitung schrieb, dass die Fußgängerzone eine „liebenswerte Visitenkarte“ sei. Von der Einmündung der Löwenstraße in die Fackelstraße, die Fackelstraße hinauf und die Riesenstraße bis zur Eisenbahnstraße verliefen die ersten 300 Meter Lauterer Fußgängerzone. Man sah etwas fürs Geld, und der Einzelhandel meldete höhere Umsätze als vorher. Wer noch nicht an die Fußgängerzone angeschlossen war, sehnte sich nun nach Baulärm.
Inzwischen 3200 Meter Fußgängerzone
So gingen die 70er Jahre ins Land: 1973 Fackelstraße/Riesenstraße, 1974/75 Kerststraße, Marktstraße, Schillerplatz, 1975 Marktstraße von Schneiderstraße bis Fruchthallstraße, 1976 St.-Martins-Platz und ein Teil der Steinstraße (Restausbau 1985), 1977 ein Verbindungsstück St.-Martins-Platz/Fruchthallstraße, 1979 die Wagnerstraße bis Richard-Wagner-Straße (mit Pirmasenser Straße und Grünem Graben). Nachdem die Arbeiten um die Martinskirche abgeschlossen waren, beschwor ein SPD-Ratsmitglied die Vorteile der Fußgängerzone in der Volkszeitung. Er sagte, die Fußgängerzone sei ein „Zeichen der Verbundenheit der Stadt mit ihren Gotteshäusern“. Am 2. November 1979, als die großen Abschnitte der Fußgängerzone fertig waren, stand in der RHEINPFALZ: „Vorbei endlich der Baulärm, vorbei auch die Gefährdung weiblicher Fußknöchel, wenn man elegant beschuht versuchte, sich einen Weg durch den Schotter zu bahnen.“ Die Münchstraße wurde schließlich zusammen mit dem Projekt „Stiftsplatz 5“ 1990 Fußgängerzone. Nach einem weiterem Teilausbau war die Fußgängerzone im Jahr 2001 rund 2430 Meter lang. Heute kommt sie auf eine Länge von 3200 Meter, informierte die Stadt auf Nachfrage. Das sind, beide Straßenseiten gerechnet, 6400 Meter Einkaufsmeile, Gastronomie und Ruheflächen.
Straßenflächen bieten Raum für Kunst
In der Fußgängerzone bot sich in den durchschnittlich zwölf Meter breiten Straßenflächen Raum für Kunst. In der Riesenstraße trägt „Der Bedrängte“ seine Last, das „Tanzende Bauernpaar“ wirbelt beim Stiftsplatz im Reigen. Beide Werke sind von Bildhauer Waldemar Grzymek. Der „Große Raubvogel“ von Erich Koch lauert in der Marktstraße auf Beute. Die „Sitzende“ von Lothar Fischer meditiert in der Pirmasenser Straße. Der Brunnen von Leo Erb, „Arithmetische Wasserspiele“, auf dem Schillerplatz scheint immerfort mit den komplizierten Berechnungen der kleinen Fontänen beschäftigt zu sein. Der „Brezel-Adam“, eine Bronzeplastik von Werner Bernd, ist als Lauterer Original immer noch in lebendiger Erinnerung. Die Plastik steht Ecke Eisenbahn- und Kerststraße, an dem Platz, wo „de Adam“ jahrzehntelang die „frische Warme“ aus einem Weidenkorb verkaufte.