Kaiserslautern
Als das Pfalztheater Deutschlands Musical-Zentrale war
Ebenso wie kürzlich beim „Vogelhändler“, verteilte das Pfalztheater auch seine damalige Premiere der „West Side Story“ auf zwei Spielstätten. Die „südwestdeutsche Erstaufführung“ ging im Ludwigshafener Pfalzbau über die Bühne. Wenige Tage später öffnete sich der Vorhang im Lauterer Mutterhaus, das damals noch am Fackelrondell stand.
Die weithin beachtete Premiere hatte eine Vorgeschichte von gleichfalls bühnenreifem Zuschnitt. Nachdem das Pfalztheater bereits Hits wie „Irma la Douce“, „My fair Lady“, „Kiss me, Kate“, „Hello Dolly“ und „Show Boat“ aufgeführt hatte, machte der seit 1971 amtierende Intendant Wolfgang Blum das Dreispartenhaus am Ufer der Lauter endgültig zur bundesweit beachteten Musical-Spielstätte. Der Historiker Erhard R. Wiehn sieht das Theater in seiner Stadtchronik gar als zeitweiligen „Geheimtipp unter Musical-Interessenten“.
Der „Musical-Intendant“ Wolfgang Blum
Blum leitete das Theater 17 erfolgreiche Jahre lang, in denen über 400 Premieren stattfanden. Von 55 Operetten und 30 Musicals erlebten einige in Kaiserslautern ihre deutsche Erstaufführung. Zur Saison 1974/75 wartete der Prinzipal mit einem allseits überraschenden Coup auf: Er hatte sich die Aufführungsrechte für Leonard Bernsteins „West Side Story“ gesichert.
Im Gegensatz zu anderen jüdischen US-Musikern wie Isaac Stern und Artur Rubinstein verweigerte sich Bernstein zwar keineswegs Auftritten in Deutschland, zumal er die Sprache sehr gut beherrschte. Dennoch fanden Blums Verhandlungen um die spektakuläre Lauterer „West Side Story“ in Österreich statt, weil das deutsche Textbuch vom Wiener Operndramaturgen Marcel Prawy stammte. Durch dessen Einsatz erlebte das Musical 1968 seine Europa-Premiere an der Volksoper in Wien.
Aufreibende Verhandlungen in Wien
Prawy hatte die Nazi-Zeit im US-Exil überlebt und war seitdem mit Bernstein eng befreundet. Er gilt heute als „derjenige, der das Musical in deutscher Sprache hoffähig gemacht hat“, wie es in einem Nachruf hieß. An ihm kamen Intendant Blum, sein Chefdisponent Fritz Krauß und Dirigent Charles B. Axton also nicht vorbei.
Krauß’ Sohn Michael ist heute Vorsitzender des Fördervereins „Freunde des Pfalztheaters“. Er berichtet von „nächtelangen Verhandlungen“ seines Vaters in Wien, von denen die drei Lauterer „manchmal völlig übermüdet und mit schweren Augen heimgekommen“ seien.
Ein „selbstmörderischer Teufelsritt“
In einem Brief von Blum an Fritz Krauß, der sich im Besitz des Sohns befindet, bezeichnet der Intendant die Produktion sogar ironisch als „selbstmörderischen Teufelsritt“, der „zu privaten, beruflichen, freundschaftlichen und feind-freundschaftlichen Spannungen bis zu Zerstörungswutanfällen“ und „Augenblicken von Verfolgungswahn“ geführt habe.
Wolfgang Blum lebt heute 98-jährig mit seiner Frau in einem Seniorenheim im Rheinland. Auf RHEINPFALZ-Anfrage berichtet er von „schwierigen Vertragsverhandlungen“. Zugleich aber betont er, dass sich „das Pfalztheater damals an der Bundesspitze für Musicals etabliert“ hatte, „obwohl es größenmäßig nur ein ,Mause-Theater’ war“. Neben den Konferenzen in Wien sei er mit Dirigent Axton und dem Choreografen Helge Grau mehrfach nach Frankfurt gefahren, um bei Vortänzen das Lauterer Ensemble zusammenzustellen.
Gäste und eigene Kräfte
Grau hatte schon an der Wiener Volksoper in der „West Side Story“ den Bandenboss Riff gespielt, während Julia Migenes und Adolf Dallapozza das Liebespaar Tony und Maria darstellten. Am Pfalztheater übernahm Grau die Choreografie und zeichnete mit Blum und Axton als Ko-Regisseur verantwortlich. Die Rolle des Riff teilte er sich mit dem Lauterer Operetten-Star Fred Milan.
Die übrigen Rollen verteilte Blum auf eigene Kräfte und sorgfältig ausgewählte Gäste von außerhalb. Weil „Spezialisten in der Sparte“ fehlten, musste „Kaiserslautern seine in Musicals wohlerprobte und erfolgreiche Mannschaft teuer ergänzen“, berichtete die RHEINPFALZ. Die Besetzungsliste nennt Lauterer Publikumslieblinge wie Wally Vosberg, Ursula Kohlmeyer und Marina Schörnig sowie Friedrich Dauscher, Walter Holzhäuser, Sigi Kurzweil und Hans Quaiser.
„Die Atmosphäre ist international“
Der Bühnenbildner Symeon Karafyllis war schon damals ein bekannter Planer von Theater-Dekors. Er schuf einige pittoreske Schauplätze in den Slums von Manhattan, die sich mit wenigen Zügen rasch umbauen ließen und von Kostüm-Designerin Uta Loher durch buntes Kolorit pointiert wurden. Sie stand am Beginn einer überaus produktiven Karriere, die sie an viele große Theater führen sollte.
Premiere für die „West Side Story“ von „Axton/Blum/Grau“, wie es lapidar im Programmheft hieß, war am 13. September 1974 in Ludwigshafen. „Die Atmosphäre ist international“, vermerkte die RHEINPFALZ beeindruckt. „Die rund 35 Mitwirkenden repräsentieren zehn Nationen.“ Das Regie-Trio warte „mit Spitzenleuten auf“.
Doppel-Premiere im Zwei-Wochen-Abstand
In seiner Premierenkritik lobte Rezensent Kurt Unold vor allem die Darsteller: „Apcar Minas und Eleanor Calbes gestalteten (...) Tony und Maria, die romantischen armen Nachfolger von Romeo und Julia. Sie spielten und sangen empfindsam schön und hingebungsvoll. (...) Eine glühend temperamentvolle Anita war die farbige Milly Scott. Istvan Racz als Anführer der ,Sharks’ und Helge Grau als Boss der ,Jets’ gaben scharf konturierte Gegner ab.“
Zwei Wochen nach der Pfalzbau-Premiere fand am 26. September 1974 die erste Vorstellung in Kaiserslautern statt. Der Erfolg auf beiden Bühnen war beträchtlich. An der Lauter lief die Inszenierung en suite bis Mitte Dezember. Noch vor der Uraufführung waren bereits 40 Vorstellungen in zwölf Städten gebucht.
Unter der Intendanz Wolfgang Blums gab es 1982 eine weitere Inszenierung am Pfalztheater, diesmal mit Charles B. Axton sowohl am Regie- als auch am Dirigentenpult. 2014 führte der gebürtige Lauterer Cusch Jung – inzwischen einer der führenden Musical-Experten Deutschlands – seine Version am Pfalztheater auf.