Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel 150 Jahre Hauptfriedhof: Der französische Garnisonsfriedhof und besondere Grabsteine

Die beiden Grabsteine mit chinesischen Schriftzeichen auf dem französischen Garnisonsfriedhof geben Rätsel auf. Inzwischen ist a
Die beiden Grabsteine mit chinesischen Schriftzeichen auf dem französischen Garnisonsfriedhof geben Rätsel auf. Inzwischen ist aber geklärt, wer in den zugehörigen Gräbern beigesetzt war.

Immer noch gibt der Hauptfriedhof Rätsel auf. Immer noch gibt es Neues zu entdecken. Dies ist beispielsweise Andreas Fröhlich gelungen: Er konnte herausfinden, warum auf dem französischen Garnisonsfriedhof zwei Grabsteine mit chinesischen Schriftzeichen stehen.

Andreas Fröhlich, der als Professor für Sonderpädagogik lange mit schwer beeinträchtigten Menschen gearbeitet hat, hatte bei einem Besuch des Hauptfriedhofs zwei Grabsteine mit chinesischen Schriftzeichen entdeckt, die seine Neugier weckten. Bei seinen Recherchen stieß er auf Le Souvenir Français, das Pendant zur Kriegsgräberfürsorge in Deutschland. Die Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Gedenken der Soldaten, die für Frankreich gefallen sind, in Ehren zu halten. Deren deutscher Vertreter, Jean-Noel Charon, habe sich für die französischen Kriegsgräber auf dem Kaiserslauterer Hauptfriedhof interessiert, schildert Fröhlich im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Bemerkenswerterweise sind am Denkmal für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges 1870/71 auch die Namen von drei französischen Soldaten unterhalb der Germania eingemeißelt.

Grabsteine geben Rätsel auf

Unweit davon stehen direkt neben dem alten jüdischen Friedhof nicht nur die Grabkreuze von französischen Militärangehörigen in Reih und Glied. Daneben gibt es auch fünf Gräber beziehungsweise Grabsteine französischer Militärangehöriger aus der Zeit der Besatzung 1920 bis 1930. Und sie geben Rätsel auf. Sind dies doch die Grabsteine für zwei Soldaten aus Algerien – einer für einen französischen und zwei für Soldaten aus dem ehemaligen Indochina.

Die Grabsteine standen nicht immer an diesem Platz, denn ursprünglich waren die Verstorbenen am „Franzosenstein“, auf dem damaligen Friedhof an der Friedenstraße, beigesetzt. 1931 wurde dieser Friedhof aufgelöst, die Gebeine umgebettet. Eine Liste aus dem Archiv der Stadt zeigt, dass in der französischen Besatzungszeit 34 Soldaten in Kaiserslautern verstorben sind.

Während die meisten Grabsteine oder -kreuze, die wohl aus Holz bestanden, verrottet waren, blieben fünf Grabsteine oder -platten erhalten, die nun beieinander liegen beziehungsweise stehen.

Post von der Universität Hanoi

Die beiden Steine für die algerischen Soldaten sind fast gleich, sie schmückt ein eingemeißelter Halbmond. Für einen Franzosen mit Namen Camille hatte seine Kompanie einen Stein mit einem Kreuz gestalten lassen.

Doch die Steine mit asiatischen Schriftzeichen zu entziffern, gestaltete sich mehr als schwierig. Sie sind recht groß, aus Sandstein und stehen aufrecht nebeneinander. In eingelegten Marmorplatten stehen die rätselhaften Schriftzeichen.

Fröhlich: „Jetzt suchte ich jemand, der chinesische Schriftzeichen entziffern kann.“ Das war nicht einfach. Er schrieb unter anderem an die vietnamesische Botschaft, bekam Post von der Universität Hanoi, korrespondierte mit dem Ostasieninstitut der Universität Hamburg und und und… Während die Jahreszahl 1919 relativ leicht zu entziffern gewesen sei, gab es auch unverständliche Angaben wie „er lebte im Autohaus, 121. Straße, Nummer 34“ – eine Adresse, die es so in Kaiserslautern nie gab.

1888 in Vietnam geboren

Schließlich fand Fröhlich heraus, dass es wohl keine Straßenbezeichnung, sondern militärische Abkürzungen waren, die dort standen. Und Jean-Noel Charon von Souvenir Français habe im Archiv des französischen Militärministeriums Erfolg gehabt: Der Unbekannte konnte identifiziert werden. Es war Truong Trin Tho. Dass die Schreibweise auf dem Grabstein abweicht, hatte die Suche erschwert. Tho wurde 1888 in Vietnam geboren. Eingezogen wurde er von den französischen Kolonialbehörden in das sechste Bataillon der Tirailleurs Indichinois. Damit teilte er das Schicksal von etwa 90.000 anderen Soldaten aus Indochina, die in die französische Armee gepresst wurden und weitab ihrer Heimat kämpfen mussten. Gestorben ist Truong Trin Tho am 20. Dezember 1919 im Militärkrankenhaus an einer Krankheit, „die er sich während dem Dienst geholt hat“, wie es in den offiziellen Unterlagen heißt.

Wer in dem zweiten Grab beigesetzt war, konnte der 77-jährige Amateur-Historiker anhand der im Stadtarchiv befindlichen Liste der in der Besatzungszeit verstorbenen Soldaten herausfinden: Es muss sich demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit um Tuong van Than handeln, 1925 gestorben. Auch er konnte der Anonymität entrissen werden. Das Entziffern der Schrift gestaltete sich auch deswegen so schwierig, weil es, wie eine Mitarbeiterin der Universität Hanoi Andreas Fröhlich berichtete, in Vietnam im Rahmen der Befreiungskriege durch den Vietcong eine Art Kulturrevolution gegeben hatte, die auch mit den alten Sprachtraditionen gebrochen hat. Die Platte ist wohl in einem älteren Vietnamesisch beschriftet, das heute nur noch von wenigen Menschen gelesen werden kann.

An Soldaten und ihre Geschichte erinnern

Zwar konnte Fröhlich in mühevoller Kleinarbeit die Rätsel der Grabsteine lösen, interessieren würde ihn aber auch noch, wer für einen 19- und einen 25-jährigen einfachen Soldaten aus Indochina damals solch prächtige und teure Grabsteine anfertigen ließ. Und er plädiert dafür, dass dort eine Gedenktafel aufgestellt wird, die an die Soldaten und ihre Geschichte erinnert. Eine Forderung, die Christian Hemmer, stellvertretender Leiter des Grünflächenamts, spontan unterstützt. Beide finden es faszinierend und bezeichnend, wie auf dem Kaiserslauterer Hauptfriedhof Juden, Muslime, Buddhisten und Christen nebeneinander in der Erde ruhen.

Die unmittelbare Umgebung der rätselhaften Grabsteine kannte Andreas Fröhlich übrigens schon vor seinen umfangreichen Recherchen recht gut: War doch sein Ur-Urgroßvater Maximilian Fröhlich der Erste, der 1858 auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurde.

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