Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel 125 Mitarbeiter des Technischen Entwicklungszentrums sollen bei Adient gehen

Heute arbeiten 502 Mitarbeiter im Technischen Entwicklungszentrum von Adient in Kaiserslautern.
Heute arbeiten 502 Mitarbeiter im Technischen Entwicklungszentrum von Adient in Kaiserslautern.

Hiobsbotschaft für das Technische Entwicklungszentrum von Adient im Hertelsbrunnenring: Der Autositzhersteller will 125 Stellen streichen. Das teilte das Unternehmen am Montag mit. Betriebsratsvorsitzender Andreas Mayer reagierte geschockt. Warum er das Schlimmste befürchtet.

Es ist nicht das erste Mal, dass es im Technischen Entwicklungszentrum am Hertelsbrunnenring zu Turbulenzen kommt. Seit es nicht mehr zu Keiper gehört, sind rund 200 Stellen weggefallen. Zuletzt konnte vor einem Jahr ein größerer Personalabbau verhindert werden. Aber genau das macht den Betriebsratsvorsitzenden Andreas Mayer zornig: „Wir haben damals einen Interessenausgleich geschlossen, wonach es bis 2023 keine betriebsbedingten Kündigungen geben dürfte“, sagte er am Montag auf Anfrage. Vor einem Jahr seien 30 Stellen über Altersteilzeit- und Vorruhestandsregelungen abgebaut worden, gleichzeitig sei vereinbart worden, weitere Dellen über Kurzarbeit abzufangen und das Personal zu verjüngen, in dem jedes Jahr 17 Auszubildende eingestellt werden. Zuletzt seien in der Corona-Krise im Schnitt 20 Prozent der 502 Mitarbeiter in Kaiserslautern in Kurzarbeit gewesen. Für ihn habe es den Anschein, als nutze Adient die derzeitige wirtschaftliche Lage, um Tabula rasa zu machen. „Die gehen mit dem Rasenmäher vor“, so Mayer.

„Fahrzeugsitze wird man immer brauchen“

„In Kaiserslautern sitzen die Experten für Metallstrukturen und variable Rücksitzanlagen, wir entwickeln Innovationen für alle großen Automobilhersteller. Das kann keiner so gut wie wir. Und Fahrzeugsitze wird man immer brauchen, egal wohin die Reise des Automobils geht“, sagte er. Aber Adient wolle dem Anschein nach lieber Komponenten zukaufen, statt in die Entwicklung zu investieren und das eigene Know-how damit zu stärken. Was jetzt passiere, sei ein weiteres Beispiel dafür, dass es bei Adient nur um Rendite und das schnelle Geld gehe.

Mayer befürchtet, dass die jüngste Entwicklung auch „dramatische Auswirkungen“ auf den Bereich Aerospace haben wird, jenen Gemeinschaftsbetrieb von Adient und Boeing, der in Kaiserslautern Flugzeugsitze entwickelt und fertigt. „Die haben vor diesem Hintergrund schon angedeutet, den Gemeinschaftsbetrieb aufzulösen, die werden sich abspalten“, behauptet Mayer. Schlimmstenfalls verlasse Aerospace Kaiserslautern. Damit beginne der ganze Standort zu wackeln. „Wenn hier in dem Gebäude am Hertelsbrunnenring, das für bis zu 800 Leute ausgelegt ist, nur noch 300 Mitarbeiter sitzen, verheißt das nichts Gutes. Der Standort ist in Gefahr.“

„Großer Fehler, jetzt so auszudünnen“

Es zeige sich immer mehr, dass die Übernahme von Keiper durch Johnson Controls und zuletzt Adient ein großer Fehler war. Wenn das so weitergehe, komme es immer mehr zum Qualitätsverlust. „Auf lange Sicht werden wir wohl unserer Existenzgrundlage beraubt“, befürchtet Mayer. Dass Adient zum jetzigen Zeitpunkt Leute entlässt, kann er gar nicht nachvollziehen. „Die Bundesregierung hat der Wirtschaft mit dem Thema Kurzarbeit attraktive Hilfe angeboten.“ Es sei falsch, jetzt so auszudünnen. „Zur Stunde kann doch gar niemand seriös sagen, ob nicht morgen schon wieder Kunden anklopfen.“ Für ihn sehe es so aus, als solle der Konzern Adient zerschlagen werden. Was gerade passiere, werde auch Auswirkungen auf den Produktionsstandort Rockenhausen haben. „Am Ende können die schließlich auch nur produzieren, was irgendwo entwickelt wurde.“

Betriebsversammlung am Mittwoch

Mayer kündigte für Mittwoch eine Betriebsversammlung an. Adient hatte am Montagmorgen bekannt gegeben, dass es seine Entwicklungs- und Verwaltungskapazitäten in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika um 510 Stellen kürzen wolle, um Überkapazitäten in der Entwicklung und den zentralen Funktionen abzubauen. Das gesamte automobile Umfeld sowie die Covid-19-Krise habe zu einer geringeren Auslastung geführt, entsprechend müssten die Kapazitäten angepasst werden. Eine Adient-Sprecherin betonte, es werde in allen Entwicklungszentren Personal abgebaut, auch in Burscheid und Solingen, insgesamt 371 Stellen. „Wir müssen überall reduzieren, um wieder wettbewerbsfähig zu werden und die Kostenbasis zu verbessern“, sagte sie. „Dies wird uns in die Lage versetzen, unsere Auftragsbücher erneut zu füllen und unsere Marktposition nachhaltig zu sichern“, teilte das Unternehmen mit. Mit 81.000 Mitarbeitern in 220 Produktions- und Montagewerken in 34 Ländern weltweit produziert Adient Automobilsitze für alle großen Automobilhersteller.

In Rockenhausen sollen 320 Leute gehen

„Die regionalen Hiobsbotschaften reisen offensichtlich nicht ab. Wir sind gerade in ganz schwierigen Verhandlungen bei Adient in Rockenhausen, wo das Unternehmen bis zu 320 Arbeitsplätze abbauen will. Jetzt kommt auch noch Kaiserslautern mit 125 dazu. Für eine Region wie die unsere ist die Werkschließung von GKN im Februar noch nicht verdaut. Und durch die Corona-Krise sind die Alternativen auf dem Arbeitsmarkt gerade dünn gesät“, reagierte Alexander Ulrich, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall, bestürzt.

Er kündigte an, die IG Metall werde mit dem Betriebsrat eine Strategie besprechen. Er erwarte von dem Unternehmen, dass alle Möglichkeiten geprüft werden, um betriebsbedingte Kündigungen deutlich zu reduzieren. Das beinhaltet auch lukrative Altersteilzeit - und Vorruhestandsprogramme.

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