Kaiserslautern
Ärztemangel: Sind Medizinische Versorgungszentren die Zukunft?
„Ohne Medizinische Versorgungszentren (MVZ) wird es in Zukunft nicht mehr gehen. Einzelpraxen finden so gut wie keine Nachfolger mehr.“ Das hat Matthias Mieves, SPD-Bundestagsabgeordneter, bei einem Besuch des Meliva-Standortes auf dem Pfaff-Gelände betont. Die Meliva MVZ Westpfalz GmbH betreibt im neuen Pfaff-Ärztezentrum in der Lina-Pfaff-Straße drei angemietete Praxen, für Orthopädie, Radiologie sowie Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Meliva ist Teil des finnischen Gesundheitsdienstleisters Mehiläinen, hinter dem Finanzinvestoren wie CVC Capital Partners in Luxemburg stehen. Die Praxen sind hell, verfügen über eine moderne Ausstattung und neueste Geräte.
Mieves, der in Berlin im Gesundheitsausschuss sitzt, ist beeindruckt. „Sehr schick, top Standard.“ Solche Investitionen könnten sich Übernehmer von 30 Jahre alten Einzelpraxen in der Regel gar nicht leisten, sagt der Politiker. Das Problem sei, dass sich viele junge Ärzte nicht mehr selbstständig machen wollen, lieber im Team arbeiten, wo ihnen beispielsweise ein IT-Spezialist zur Seite steht, geregelte Arbeitszeiten inklusive. „Das funktioniert nur in großen Einheiten“, so Mieves.
38 Kassensitze in der Westpfalz übernommen
Das Meliva MVZ Westpfalz wurde 2022 gegründet und hat sich nach eigenen Angaben als wachsender Versorger in der Region etabliert. Auf dem Pfaff-Gelände sind 34 Mitarbeiter beschäftigt, darunter demnächst insgesamt acht angestellte Ärzte. 38 Kassensitze hat Meliva in der Westpfalz übernommen und sie an 13 Praxisstandorten gebündelt. „Der Fachkräftemangel in der Region ist sehr ausgeprägt, sowohl bei ärztlichem als auch bei nicht-ärztlichem Personal“, informiert MVZ-Geschäftsführerin Johanna Brabänder. Deshalb sei es wichtig, vieles unter einem Dach anzubieten und mehr und mehr zu digitalisieren. Gespannt verfolgt sie die Planungen, auf dem Pfaff-Gelände einen Gesundheitscampus mit einem Ableger der Semmelweis-Universität anzusiedeln. „Das wäre super, um Nachwuchs zu gewinnen.“ Womit sie bei Bewerbern punkten könnte: „Bei uns können Ärzte Teilzeit arbeiten, zwischen Früh- und Spätdienst wählen, je nach familiärer Situation.“
Schon heute werde viel getan, um Mitarbeiter zu finden und zu halten. „Wir bieten Benefits an, Bike-Leasing, Versicherungspakete, Fitnessstudio, Jobticket.“ Interdisziplinarität spielt in einem MVZ eine Schlüsselrolle, erklärt die studierte Gesundheitsökonomin. „Wir können die Leute von der Orthopädie direkt in die Radiologie entsenden, die über eine Röntgenanlage, MRT und CT verfügt.“ In der Radiologie werden auch sogenannte periradikuläre Therapien durchgeführt, schmerztherapeutische Rückenbehandlungen unter CT-Kontrolle. Die Zusammenarbeit mit den anderen Praxen im Ärztehaus sei sehr gut. Niedergelassen haben sich dort Fachrichtungen wie Urologie, Kinderzahnheilkunde, Dermatologie, ein Lungenzentrum, Kardiologie und Allgemeinmedizin. Eng sei die Kooperation mit dem nahen Westpfalz-Klinikum. „Im Notfall versorgen wir die Menschen hier und schicken sie direkt rüber.“ Weil Meliva mehrere Standorte in der Region betreibt, unter anderem im PRE-Park und in Landstuhl, sei es möglich, bei Engpässen Behandlungen zu verlagern. „Wir haben hier in der Orthopädie Wartezeiten von zwei bis drei Monaten. Wenn es in Landstuhl früher geht, bieten wir die Termine den Patienten an.“
Online-Terminvergabe und Chatdienst
Geschäftsführerin Brabänder betont, dass die Anforderungen an Hygiene, Datenschutz und Dokumentation sehr komplex geworden sind. Meliva entlaste die Ärzte im organisatorischen und administrativen Bereich. „Wir wollen auf jeden Fall noch digitaler werden“, kündigt sie an. Ein Thema, das Mieves interessiert. Er ist seit vier Jahren Sprecher in der SPD-Bundestagsfraktion für E-Health, also digitale Gesundheitsanwendungen, verhandelt Gesetze mit. Was bringt die Videosprechstunde?, will er wissen. In der Orthopädie eher wenig, erläutert Brabänder, „da müssen die Patienten gesehen werden“. In Allgemeinarztpraxen, die Meliva auch betreibt, laufe schon 40 Prozent digital. „Mit einer Erkältung müssen Sie nicht mehr in die Praxis kommen.“
Meliva arbeitet mit verschiedenen Praxissoftwaresystemen, bietet eine Online-Terminvergabe an und einen eigenen Chatdienst, was laut Brabänder in Zeiten von Fachkräftemangel unerlässlich ist. Perspektivisch wünscht sie sich, dass Patienten beim Praxisbesuch digital einchecken. „Dann gibt es keine langen Wartezeiten mehr am Empfang und Sie sind schneller beim Arzt.“ Mieves informiert, dass es schon Systeme gibt, mit denen die Menschen unterwegs digital ihre Laborwerte einsehen können. Und nebenbei informiert er, dass Facharztpraxen künftig impfen dürfen. Das findet besonders HNO-Ärztin Tanja Quirrenbach wichtig, die auch Hausbesuche in Seniorenheimen macht.
„Bushaltestellen sind viel zu weit weg“
Brabänder ist sehr zufrieden mit der Entwicklung auf dem Pfaff-Gelände – „ein sehr guter Standort“ –, sie findet es interessant mitzuerleben, wie ein neues Stadtviertel entsteht. Ein Problem sei die Anbindung. „Viele Patienten beschweren sich, dass wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen sind. Vor allem vom Hauptbahnhof hierher ist die Anfahrt mit dem Bus umständlich. Die Haltestellen sind viel zu weit weg.“ Brabänder wünscht sich, dass die Busse direkt auf dem Gelände stoppen, möglichst direkt vor dem Ärztehaus. Für Mieves sind solche Besuche wichtig: „Ich muss wissen, wie die Gesundheitsversorgung vor Ort aussieht, um in Berlin politisch reagieren zu können.“