Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Mittwoch, 09. Januar 2019 Drucken

Kaiserslautern: Kultur Regional

Von Fake-News und Wahlversprechen

Die 26. Ausgabe der Reihe „Talk unter Freunden“ bringt in der Pfalztheater-Lounge eine Auseinandersetzung um Wahrheit und Lüge

von Reiner Henn

Ernstes Thema locker und informativ angegangen (von rechts): David Sirakov, Direktor der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz, Politikwissenschaftlerin Evelyn Bytzek von der Uni Koblenz-Landau, Moderator und RHEINPFALZ-Kulturredakteur Fabian R. Lovisa sowie sein RHEINPFALZ-Kollege Hartmut Rodenwoldt, Hauptstadtkorrespondent der Zeitung.

Ernstes Thema locker und informativ angegangen (von rechts): David Sirakov, Direktor der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz, Politikwissenschaftlerin Evelyn Bytzek von der Uni Koblenz-Landau, Moderator und RHEINPFALZ-Kulturredakteur Fabian R. Lovisa sowie sein RHEINPFALZ-Kollege Hartmut Rodenwoldt, Hauptstadtkorrespondent der Zeitung. ( Foto: Girard)

Zum diesjährigen Auftakt der Reihe „Talk unter Freunden“ des Theater-Fördervereins gab es gleich ein brisantes und brandaktuelles Thema: „Lug und Trug – gang und gäbe“. Dementsprechend groß war die Resonanz in der voll besetzten Pfalztheater-Lounge am Montagabend.

Das mit aktuellem Bezug zum Spielplanmotto des Pfalztheaters gewählte Thema tangierte ethische Grundsätze wie Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Aufrichtigkeit. Hinterfragt wurden nicht nur die Medien mit Schlagwörtern wie Lügenpresse oder Fake-News, sondern auch die Politik, inklusive des Reizwortes „Politikverdrossenheit“.

RHEINPFALZ-Redakteur Fabian Lovisa moderierte und leitete den Talk einmal mehr mit Umsicht und weiterführenden Fragen; eröffnet wurde der Abend vorab mit einer Einführung des Pfalztheater-Chefdramaturgen Andreas Bronkalla zum Spielzeitmotto „Drang nach Wahrheit, Lust am Trug“. Dieses belegte er mit verschiedensten Aufführungen und Genres, etwa in der politischen Parabel „Biedermann und die Brandstifter“, im „Nibelungenlied“ in der Trilogie von Friedrich Hebbel oder in der Wagner-Oper „Rienzi“. Bronkalla ging davon aus, dass es keinen gesellschaftlichen Grundkonsens mehr gebe. Und: Schnelle Meldungen der Medien stünden im Widerspruch zu nachhaltigen Auseinandersetzungen, wie sie etwa am Theater gibt.

„Haben die Medien ein Glaubwürdigkeitsproblem?“: Lovisa stieg provokant in die Thematik ein, die zunächst Hartmut Rodenwoldt, Hauptstadt-Korrespondent der RHEINPFALZ, aufgriff. Der in Namibia geborene Journalist verkörpert nach Tätigkeiten in der Lokalredaktion Pirmasens, im Ressort Südwestdeutsche Zeitung, als Auslandskorrespondent und in der Politikredaktion der RHEINPFALZ den vielseitigen Journalisten. Er bestätigte, dass die medienkritische Stimmung in der Gesellschaft zugenommen habe. Dies sah er im krassen Widerspruch zu den tatsächlichen Verbesserungen der Medienarbeit. „Wir werden auf eine Stufe mit den Politikern gestellt“, beklagte Rodenwoldt. Er übte jedoch auch deutlich Selbstkritik, wenn er etwa im Zusammenhang mit der Spiegel-Affäre um die Reportagen des Claas Relotius die Gattung und deren Entwicklung hinterfragte und an anderer Stelle Funktionsmechanismen der Recherche ebenso wie Personalrekrutierung und Bezahlungsmodi der Journalisten aufgriff. Auch die zunehmende Medienkonzentration sei ein Problem.

Von der Medienverdrossenheit zur Politikverdrossenheit kam Lovisa im Gespräch mit der Politikwissenschaftlerin der Uni Koblenz-Landau, Evelyn Bytzek. Sie hat ihre Magister-Arbeit über die CDU-Spendenaffäre geschrieben und ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Einheit „Politische Kommunikation“ tätig, was auch die Medien beinhaltet. Ihre Promotion drehte sich um Ereignisse und ihre Wirkung auf die Popularität auf das Ansehen von Politikern. Grundsätzlich seien für sie in einer komplexeren und somit komplizierteren Welt Lösungsmodelle schwieriger zu finden. Einerseits erkennt sie den dringenden Wunsch der Bevölkerung nach Information, Aufklärung – doch Antworten seien schwer zu finden. Gleichzeitig sieht Bytzek die Politik „ereignisgetrieben“. Sie sei in unseren Tagen eher kurzfristig ausgerichtet. Durch digitale Netzwerke wie Facebook gerieten die Akteure zusätzlich unter Zugzwang. In diesem Zusammenhang formuliert sie plakativ: „Wir leiden nicht an einer Glaubwürdigkeitskrise, sondern unter einer Wahrnehmungskrise.“ Dabei nannte sie Beispiele von Randerscheinungen, die medial über Gebühr aufgewertet würden. Auch könnten sich heute die Politiker weniger leisten zu lügen, da das Aufdecken von Unwahrheiten und Widersprüchen schneller und intensiver erfolge. Auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Wahlversprechen gab Bytzek an, dass nach aktuellen Erhebungen immerhin rund 60 Prozent davon umgesetzt würden. In einem Forschungsprojekt widmet sich die junge Politikwissenschaftlerin eingehend diesem Thema.

Wahlversprechen waren auch der Anknüpfungspunkt für David Sirakov. Der Direktor der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz und promovierte Politikwissenschaftler stellte dabei den Zusammenhang zum US-Präsidenten Donald Trump und zum Taktieren zwischen belegbaren Fakten und bloßen Behauptungen her. Sirakov machte aber auch bewusst, dass ein Eindämmen von Falschmeldungen Gedanken an Zensur impliziere. Gesamtgesellschaftlich griff er eine dauerhafte Überforderung durch die Informationsflut an. Eine Krise des Journalismus sah er dagegen nicht und belegte dies an steigenden Leserzahlen in den USA, etwa bei der Washington Post. Seriöser Journalismus koste Zeit und Geld, er könne nicht durch Schnellschüsse ersetzt werden.

Die rege Publikumsbeteiligung nach der Öffnung der eigentlichen, eineinviertelstündigen Podiumsdiskussion brachten Zweifel an journalistischer Unabhängigkeit (von Lobbyisten, Verlagen) ins Spiel. Eine Besucherin bedauerte die grundsätzliche Konzentration auf Negativmeldungen. Diskutiert wurden aber auch Fragen der Manipulierbarkeit und die Konzentration von Medienkonzernen.

Nach knapp zwei Stunden ging so ein informativer wie unterhaltsamer Abend am Pfalztheater zu Ende.

Kaiserslautern-Ticker