Grünstadt Zunehmend schön
1987 hat die Oboistin und Cembalistin Karla Schröter in Köln das Ensemble Concert Royal gegründet. Der Name bezieht sich auf eine Kompositionssammlung von Francois Couperin und markiert dem Kenner, dass es hier vor allem um barocke Musik gehen soll. Von Willi Kronenberg am Orgelpositiv begleitet, war Karla Schröter am Samstagabend beim Grünstadter Kulturverein in der Friedenskirche zu Gast.
Das recht gut besuchte Konzert mit „Musik der Empfindsamkeit“ fand erst nach einiger Zeit zu seiner Hochform. Das bildete sich auch darin ab, dass der Applaus immer herzlicher und zustimmender wurde. Es mag damit zusammenhängen, dass Kronenberg für einen anderen Musiker eingesprungen war und, wie zu hören war, aufgrund seiner Körpergröße weder im Sitzen noch im Stehen bequem auf der ihm vorher unbekannten, eigens gemieteten transportablen Truhenorgel spielen konnte. Er spielte stehend, musste sich dabei aber niederbücken. Wenn wir schon bei der – übrigens vor allem in silbrig-perlenden Registrierungen wunderschön klingenden – Orgel sind, betrachten wir zuerst die Solostücke, die Kronenberg beisteuerte. Dies war zunächst eine Sonate für Orgel von Giovanni Battista Pescetti (1704-66), ein Stück, das „Con spirito“ – so die erste Satzbezeichnung – einsetzt, aber nicht wirklich so gespielt wurde. Vielmehr schien der Satz in einzelne, unzusammenhängende Teile zu zerfallen, die der Interpret sich gleichsam zusammensucht. Der eine oder andere Ton war nicht am Platz. Und das muntere Schlussallegro, dessen Hauptmelodie dem Interpreten eigentlich genau sagt, wie hier mit musikantischer Unbefangenheit und deutlicher Betonungsgliederung leger zu singen sei, schien bei gleichförmigem Vortrag vor allem die Absicht zu verwirklichen, möglichst schnell fertig zu werden. Kronenberg schien in diesem – allerdings auch wenig bemerkenswerten – Werk nicht sonderlich zu Hause zu sein. Ganz anders indes verhielt es sich mit Mozarts bekanntem Andante F-Dur KV 616 für Orgel. Es ist, auf einer normalen Orgel gespielt, kaum begreiflich. Mozart selbst nannte es Andante für eine Walze in eine kleine Orgel. In seinem Todesjahr 1791, in großer finanzieller Bedrängnis, schrieb er solche Sätze für kleine mechanische Musikinstrumente, und so wie Kronenberg das Andante disponierte, spürte man die ganze Unlust, die in den trüben Akkorden dieses Stückes sitzt, aber auch die munteren Tanzliedchen und Vogelzwitschereien, die Mozart geschickt einstreut. Musikalisch war das vielleicht das fesselndste Stück des Konzerts, wenn auch keineswegs das klangprächtigste und unterhaltsamste. Denn in erster Linie ging es um die wunderschön verwirklichte Klangkombination von Oboe und Orgel, die Karla Schröter und Willi Kronenberg zunehmend lebhafter und gelöster gelang. Die Intonation der Oboe war von Anfang an perfekt, was an sich schon eine beachtliche Leistung ist bei einem Instrument, bei dem man in Sachen Tonbildung wenig mit Ventilen und entsprechend viel mit Lippenspannung macht, auch die Verständigung zwischen beiden Instrumenten klappte immer einwandfrei. Aber anfangs schien der Vortrag oft recht ausdruckslos nur auf flottes Tempo abgestellt und wirkte dementsprechend recht wenig empfindsam. Erst allmählich schien sich so etwas wie detailgestaltende, muntere Spielfreude einzustellen. Das Konzert stellte hauptsächlich Musik von Johann Wilhelm Hertel (1727-89) und Gottfried August Homilius (1714-1785) vor, beide auch dem kundigen Musikfreund in der Regel wenig oder gar nicht bekannt. Es sind Komponisten der Generation zwischen Bach und Mozart, die die komplex nach strengen Regeln miteinander verschränkte Vielstimmigkeit der Bachschen Epoche nicht mehr wollte und nach neuen, subjektiv-empfindsamen Ausdrucksformen suchte, wie zur selben Zeit der Sturm und Drang in der Literatur. Da diese Suche erst in Haydn und Mozart ihren Kristallisationspunkt fand, ist die Musik dazwischen auf breiter Linie vergessen worden. Versuche der Neubelebung zeigen – das war auch in der Friedenskirche zu erleben –, dass hier vieles Schöne, Unterhaltsame und Gelungene zu finden ist, aber selten halt ein großer Wurf, der sich so einprägt wie die Werke der Großen der Musikgeschichte. Gleichwohl: an Musik wie Hertels Trio d-Moll, dessen langsamer Satz mit Schönheit und Innigkeit geboten wurde, konnte man seine reine Freude haben. Mehr noch am Schlusssatz: Silbern strahlt die Orgel und konzertiert klar und leuchtend mit der munteren Oboe. Ihre reizend tändelnde Melodie, dazu die einfache, aber rhythmisch markante Akkordbegleitung der Orgel – all das zieht munter und lebhaft gegliedert mit schöner Homogenität vorüber, dass zum Schluss alle zufrieden sind und mit entsprechendem Applaus danken.