Grünstadt Wunderbare Varianten
Erneut ist es den Veranstaltern des Kirchheimer Konzertwinters gelungen, der traditionellen Weihnachtskonzertbesetzung – Orgel und Solo-Bläser – Klänge abzuringen, die so kaum jemand im überaus großen Publikum vorher gehört haben dürfte: Andreas Gräsle an der Orgel, Joo Kraus und Dieter Kraus an Trompeten und Saxophonen überraschten mit durchweg gelungenen Arrangements von Musik, die ursprünglich für Orchester konzipiert war. Bevor das beginnen konnte, war freilich einige Arbeit zu leisten: Schon eine Viertelstunde vor Konzertbeginn schien die protestantische Kirche Kirchheims bis auf den letzten Platz besetzt zu sein, und noch immer strömte das Publikum. Selbst die hölzerne Treppe hinauf zu Empore diente von der untersten bis zur obersten Stufe als Sitzraum. Die Musiker ließen sich davon, dass ihnen das Publikum so ungewöhnlich nahe gerückt war, nicht nervös machen, sondern spielten von Anfang an mit ungetrübter Präzision und Konzentration. Dominik Wörner, der künstlerische Leiter der Reihe, verortete in seinen Eingangsworten – eigentlich überraschend am Tag vor Silvester nachmittags um 15 Uhr – das Konzert, welches unter das Motto „Silence of the Night - Stille der Nacht“ gestellt war, bei den Hirten in der Heiligen Nacht, aber in der Tat hatten einige Sätze durchaus den Charakter typischer Pastoralmusik. Die Vortragsfolge begann mit den Polowetzer Tänzen von Alexander Borodin. Lange stehen bleibende, meditativ wirkende Akkorde am Beginn brachten nicht nur Konzentration und Ruhe ins Kirchenschiff – sie zeigten, subtil und spannungsvoll bei zurückgenommener Lautstärke geblasen, dass hier Meister ihres Fachs am Werk waren. Beide hatten Instrumente in verschiedener Höhenlage dabei, beide musizierten in vollkommenem Einklang miteinander und mit der Orgel, die Andreas Gräsle – das Stammpublikum schätzt ihn von vielen Auftritten an verschiedenen Tasteninstrumenten – nie dominieren ließ, sondern in schöner Balance mit den Bläserstimmen spielte. Die Polowetzer Tänze brachten diverse prägnante Rhythmen, auch Melodien von ostjüdischem Klezmer-Charakter, bei denen Saxophon und sogar Trompete die Klarinette würdig vertraten. Es folgte eine Pavane von Gabriel Fauré. Eine Pavane ist eine Begleitmusik für einen Leichenzug in einem wiegend-schreitenden Grundrhythmus. Es war herrlich, wie die beiden Krausens die Spannung enervierend langsam, fein und sensibel steigerten. Sehr viel Schönes bot Anton Dvoraks Tschechische Suite: im ersten Satz eine muntere, verhalten-frohe Pastoralmusik, in der Romanze wunderbar ausdifferenzierte Klangfarben, im schwungvollen Finalrondo bemerkenswerte Klangfülle und –kraft. „Gabriels Oboe“ von Enno Morricone war ein sehr schöner, beschaulich betrachtender Satz, von dem Andreas Gräsle mit der Orgel direkt überleitete zum gemeinsamen Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“ und zu „Land of our Birth“ von Ralph Vaughn Williams. Dieser Satz ist besonders fein, weil alle drei Musiker mit verschiedenen, wunderbar miteinander verflochtenen Aufgaben betraut sind. „Stadt der Engel“ von Gabriel Yared ist eher langweilig, aber ebenfalls bestens interpretiert, indes die das Programm anschließende Eigenkomposition von Joo Kraus sehr zu interessieren vermag. Es gibt ein rhythmisch prägnantes Motiv im Orgelpedal, stehende Akkorde, einen wiegend-pendelnden Rhythmus, Trompetenrufe fragenden Charakters, die das Saxophon aufnimmt. Der bis jetzt aufgesparte Applaus ist nach einer guten Stunde schöner Musik groß, als Zugabe gibt es etwas perlend-bizzares Jazziges, bei dem Andreas Gräsle Joo und Dieter Kraus nochmals ihre Brillanz strahlen lassen.