Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Wo Grünstadt für Rollstuhlfahrer noch nachbessern muss

Eine der problematischsten Stellen in der Stadt, zumindest noch: Christian Guckert an der Fußgängerampel in der Bitzenstraße.
Eine der problematischsten Stellen in der Stadt, zumindest noch: Christian Guckert an der Fußgängerampel in der Bitzenstraße.

Einerseits ist die Infrastruktur in Grünstadt vorbildlich, andererseits hakt es an manchen Stellen weiterhin. Doch es gibt schon konkrete Pläne, wann sich wo etwas ändert.

Wenn Christian Guckert in Grünstadt unterwegs ist, hat er einen anderen Blick auf die Infrastruktur als die meisten. Zum Beispiel lobt er den Leopoldplatz: Im Bereich Richtung Bahnhofstraße ist der Bürgersteig so abgesenkt, dass Guckert problemlos über die Straße kommt. Das funktioniert nicht überall, denn der 39-Jährige sitzt im Rollstuhl. Aufgrund von Multipler Sklerose und einer Teilquerschnittslähmung kann er seit neun Jahren nicht mehr laufen, setzt sich aber für ein barrierefreies Grünstadt ein. Bei einem Stadtrundgang zeigt er, wo noch Luft nach oben ist und wo die Verwaltung vorgelegt hat.

Luft nach oben in der Geschäftswelt

Was direkt auffällt: Im öffentlichen Raum ist vieles schon gemacht. Die Fußgängerzone beispielsweise ist für Menschen im Rollstuhl gut befahrbar. Bei den Läden sieht das anders aus. „Geschäfte mit Stufen sind schwierig“, sagt er und regt die Inhaber an, eine mobile Rampe anzuschaffen. Das helfe schon enorm. Eine Stufe ist laut Guckert mit Hilfe noch möglich, zwei bis drei werden zum unüberwindbaren Hindernis. Restaurants seien aus einem weiteren Grund ein Problem: Dort fehlen laut Guckert fast überall barrierefreie Toiletten. Hier sieht er Verbesserungspotenzial – was aber die Inhaber angehen müssten. Nur das Kabale und Liebe habe eine barrierefreie Toilette eingebaut.

Die Bushaltestellen in der Innenstadt sind so niedrig, dass der Zustieg in den Bus auch per Rampe zu steil ist.
Die Bushaltestellen in der Innenstadt sind so niedrig, dass der Zustieg in den Bus auch per Rampe zu steil ist.

Verbesserungspotenzial gebe es auch bei den Bushaltestellen, wie er zeigt: Bei den meisten von ihnen sei der Bürgersteig zu niedrig. Das mache den Einstieg fast unmöglich, weil die Rampe so zu steil ist. Hier wünscht sich Guckert, dass die Stadt nachbessert und auch Menschen im Rollstuhl ohne eigenes Auto mobil bleiben können. Immerhin koste der Umbau eines Fahrzeugs, der Menschen im Rollstuhl das Fahren ermöglicht, enorm viel Geld. Die einzigen Bushaltestellen, die ihm als positives Beispiel einfallen, sind die in der Obersülzer Straße und beim Globus. Und auch die Bussteige am Bahnhof lobt der Grünstadter. Dort ist der Gehsteig erhöht, sodass der Einstieg in den Bus leicht fällt. Auch eine Absenkung in der Mitte ist eingebaut. Dadurch können Rollstuhlfahrer die Straße gut passieren.

Problem: Bitzenstraße

Anders sieht das in der Bitzenstraße aus. Das beweist Guckert auch direkt: Der Bordstein ist so hoch, dass er sich nur rückwärts hinaufdrücken kann. Die Ampelschaltung reicht dafür kaum. Weil er länger braucht als ein Fußgänger, haben die Autofahrer schon wieder grün und wollen anfahren, während er noch mit dem Bürgersteig kämpft. „Da hupen Autofahrer auch mal“, sagt er. Ähnlich problematisch sei der Bahnsteig an Gleis vier. Der ist zu niedrig, das Ein- und Aussteigen in den Zug also unmöglich, was für Guckert nicht nachvollziehbar ist. Denn die Gleise fünf und sieben sind barrierefrei, sowohl was die Höhe betrifft als auch den Zugang: Sämtliche Gleise haben einen Aufzug und sind gut erreichbar.

Zu niedrig: Gleis vier am Grünstadter Bahnhof ist nicht barrierefrei.
Zu niedrig: Gleis vier am Grünstadter Bahnhof ist nicht barrierefrei.

Der Deutschen Bahn, der das Areal gehört, scheint das durchaus bewusst, wie eine Sprecherin auf Nachfrage der RHEINPFALZ mitteilt. Sie betont, dass die beiden hinteren Gleise – fünf und sieben – bereits barrierefrei seien. Wann das Gleis vier nachfolgt, sei jedoch offen. Grundlage für diesen Schritt sei die sogenannte Rahmenvereinbarung II für die Modernisierung von Bahnhöfen, die zwischen der Deutschen Bahn und dem Land abgeschlossen wurde. Da die Bahn laut Sprecherin ihren Fokus derzeit auf die Sanierung der bestehenden Infrastruktur legt, steht der Ausbau der Bahnhöfe hintenan, auch in Grünstadt, wie die Sprecherin anfügt.

Stadt ist fortschrittlich

Dass die Stadt hingegeben bereits gehandelt hat, zeigt sich sowohl in der Vorstadt als auch in der Bahnhofstraße. In Ersterer stehen neuerdings Poller, damit Autos nicht mehr auf dem Gehweg parken und ihn blockieren. Diese Veränderung hatte Guckert eigenen Angaben nach selbst angeregt und zeigt sich zufrieden – gleiches gilt für die Bahnhofstraße. Auch dort helfen die Poller. Außerdem ist die Rinne am Straßenrand in regelmäßigen Abständen abgedeckt, was Rollstuhlfahrern das Queren vereinfacht.

Vorbildlich: Durch Deckel können Rollstuhlfahrer auch die Rinne am Rand der Bahnhofstraße queren.
Vorbildlich: Durch Deckel können Rollstuhlfahrer auch die Rinne am Rand der Bahnhofstraße queren.

Die Stadtverwaltung hat übrigen Problemstellen bereits auf dem Schirm. Sprecher Joachim Meyer nennt beispielsweise die Bushaltestellen: „Sie wurden zum größten Teil vor Jahrzehnten eingerichtet. Damals gab es bezüglich der Barrierefreiheit wohl keine Vorgaben.“ Inzwischen handhabt die Stadt das anders: Wenn baulich etwas gemacht wird, soll die Barrierefreiheit mitgedacht werden, so Meyer. Das gilt auch für die Bitzenstraße. Die soll auf 730 Metern bis zum Peterspark ausgebaut werden. Start der Arbeiten: voraussichtlich ab 2027. Laut Meyer gibt es vom Landesbetrieb Mobilität als Träger schon eine Zusage für den rollstuhlgerechten Ausbau der Haltestelle – rund um die Querungsstellen liefen gerade allerdings noch Gespräche, wie sie künftig gestaltet sein sollen.

Abstimmungen mit dem LBM

Auch über die von Guckert genannten Stellen hinaus beziehe die Stadtverwaltung die Perspektive von Menschen mit Behinderung bereits ein, wenn es um neue Projekte geht, erläutert Meyer. So habe die Stadt vor drei Jahren eine Bachelorarbeit rund um das Thema Barrierefreiheit bei der Technischen Universität Kaiserslautern angefragt. Diese Arbeit gibt es inzwischen. „Wir möchten sie als Grundlage für ein Konzept für das Stadtgebiet nehmen“, informiert Meyer. Das soll allerdings erst noch erstellt werden.

Darüber hinaus hatte die Stadt vor etwa 15 Jahren eine Arbeitsgruppe Barrierefreiheit in Grünstadt – die gebe es zwar nicht mehr, sagt der Stadtsprecher. Da allerdings ein Vertreter der AG an den Bauausschusssitzungen teilgenommen und so etwas bewirkt hatte, sind die Ergebnisse heute noch vorhanden, beispielsweise die Bodenindikatoren für sehbehinderte Menschen oder die Querungshilfen am Bachlauf in der Fußgängerzone.

Auch ohne Ausschuss wendet sich Guckert regelmäßig an die Stadtverwaltung, wenn ihm Verbesserungspotenzial einfällt. Im Fall der Poller in der Vorstadt sei schließlich auch erfolgreich gewesen. Alles in allem, sagt er, weiß er die Bemühungen der Stadt um die Barrierefreiheit durchaus zu schätzen: „Ich bin sehr zufrieden in Grünstadt.“

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