Hettenleidelheim
Wie ein Hettenleidelheimer Matrose das Ende der „Bismarck“ erlebte
Ernst Schäfer aus Hettenleidelheim, Jahrgang 1920, war Matrose auf der „Bismarck“. Er wurde als Heizer eingesetzt und war einer von 115 Männern, die den Untergang des Kriegsschiffs überlebten – etwa 2000 Besatzungsmitglieder fanden den Tod. Es war eine der vielen Tragödien im Zweiten Weltkrieg. Ob die bereits stark beschädigte „Bismarck“ durch Torpedobeschuss der britischen Royal Navy oder durch eine Sprengung der eigenen Besatzung unterging, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.
Ernst Schäfer erzählte später immer wieder von seiner Zeit als Matrose und in der Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 oder 1947 heimkehrte. Die Erlebnisse als Matrose begleiteten ihn sein ganzes Leben lang. Er fuhr auch zu einigen der jährlichen Treffen mit seinen Kameraden von der „Bismarck“ in Hamburg. Sie fanden etwa zwischen 1958 und 1980 statt. Wohl auf seinen Wunsch hin, begleitete ihn die Ehefrau das ein oder andere Mal.
Deutsche Matrosen trieben im Atlantik
Einmal war auch seine älteste Tochter Ilse Röttinger beim Kameradentreffen und der Gedenkfeier für die beim Untergang der „Bismarck“ verstorbenen Kameraden dabei. Sie erinnert sich auch noch an Gespräche mit ihrem Vater, in denen er von seinen Erlebnissen als Matrose im Zweiten Weltkrieg erzählte. Etwa, dass er sich zusammen mit anderen Kameraden in den Atlantik retten konnte, als die „Bismarck“ unterging. Und dass sie von der Royal Navy beschossen wurden, als sie im Wasser trieben. Was für ein Gefühl mag das wohl für Ernst Schäfer gewesen sein?
Nach einiger Zeit kamen die britischen Schiffe näher an die deutschen Matrosen heran, um sie aufzunehmen. Dazu warfen sie Seile von ihrem Schiff herunter, an denen die Deutschen hochklettern konnten oder hochgezogen wurden. Ilse Röttinger erinnert sich an Worte ihres Vaters: Als einen Matrosen, der sich hochziehen wollte, eine Böe erfasste, wurde er wieder ins Wasser zurückgeworfen. Einem anderen, der hochklettern wollte, hängte sich ein anderer Matrose ans Bein. Was mögen dies für Szenen gewesen sein?
Kriegsgefangenschaft in Kanada
An Bord des englischen Schiffes, nahm ein Besatzungsmitglied Ernst Schäfer seine Armbanduhr ab. In London wurden seine Kameraden und er interniert und während der Gefangenschaft im Tower-Gefängnis geflutet, um Informationen preiszugeben. Per Schiff ging es dann zur Kriegsgefangenschaft in der Provinz Saskatchewan in Kanada, aus der Ernst Schäfer nach fünf oder sechs Jahren heimkehrte. Er brachte eine schwere Kopfverletzung mit, die ihm sein Leben lang zu schaffen machte. Einer seiner Kameraden machte Skizzen, notierte Erlebnisse aus der Gefangenschaft, die er in einem kleinen Buch zusammenfasste.
Später Treffen auch mit englischen SoldatenDie „Bismarck-Kameradschaft“ traf sich später auch mit Besatzungsmitgliedern (Matrosen, Offiziere) von Schiffen der Royal Navy – in Hamburg und in England. Ernst Schäfer war bei den Treffen in England aber nicht mit dabei. Seine Tochter Ilse meint sich zu erinnern, was ihr Vater erzählte: Bei einem Besuch der englischen Delegation in Hamburg gab der Matrose, der ihrem Vater seinerzeit die Armbanduhr abgenommen hatte, das gute Stück wieder zurück. Nehmen wir an, dass dies wirklich so war. Was mag wohl all die Jahre in dem englischen Matrosen vorgegangen sein?
Treffen für den inneren Frieden
Und was bringen Matrosen, Soldaten zum Ausdruck, wenn sie mit früheren Feinden, die auf Leben und Tod Krieg führten, zusammenkommen? Wahrscheinlich hat es ihnen gutgetan und der ein oder andere mag nach all den schweren Kriegserfahrungen seinen inneren Frieden gefunden haben. Für Ernst Schäfer aus Hettenleidelheim waren die Kriegserfahrung auf der „Bismarck“ und der Untergang des Schiffes wie ein Brandmal, das ihn sein Leben zeichnete. Gelegentlich trug er seine Matrosen-Uniform auch später noch – so zeigt ihn unser Foto etwa im Jahr 1955 mit seiner kleinen Tochter Ilse, für die er eigens eine Kinderuniform anfertigen ließ.
Am 2. August 1984 ist Ernst Schäfer im Alter von 64 Jahren verstorben.
Der Autor
Martin Steinheber ist Vorsitzender des Veteranen- und Soldatenverein Birkhausen (Landkreis Donau-Ries, Bayern), wo Ernst Schäfers Tochter Ilse Röttinger heute lebt.